Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-28 · Heft 52 (28.12.1894) · p. Seite 619

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228093--51366-3274227
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

619 derart einschüchterten, daß er es nicht wagte, die Gleichberechtigung der Juden auszusprechen, damit die deutschen Bürger nicht revoltirten. Dieser feige Standpunkt verfehlte aber seinen Zweck, denn die Radaubrüder von 1848 revoltirten umso toller; in Raab wollten sie die Judenhäuser auf der Insel anzünden, und in Stuhlweißenburg kam es zu solchen Exzessen, daß die Regierung dem Treiben der Antisemiten nicht ruhig zusehen durfte. Dort hatte der hochlöbliche Rath der Stadt, in Folge des Ansturms einer „Volksversammlung", die Anordnung getroffen, daß die Juden aus dem Weichbilde der Stadt zu vertreiben seien; er hatte ihre Geschäftslokale schließen lassen und sie saus fatjon „abgeschoben". Vergebens sandte die Regierung einen Erlaß au den weiseil Magistrat, daß er die barbarischen Handlungen sofort rückgängig machen solle; er verweigerte einfach den Gehorsam, da ihm der Volkswille höher stehe als die Befehle der Minister. Irr dieser kritischen Lage wurde Franz Pulszky als Regierungs- Kommissar nach Stuhlweißenburg gesandt, und der ebenso thatkräftige wie umsichtige Staatsmann brachte bald den Herren vom Rath zu Preßburg gründlichen Respekt bei. Er redete mit dem Preßburger kleinen Tyrannen — deutsch. Zuvörderst veranlaßte er den Kommandanten von Ofen, eine Kavallerieabtheilung nach Stuhlweißenburg abrücken zu lassen. Einen Delegirten schickte er an den Bürgermeister der zweiten Stadt mit dem Aliftrag, daß er, Pulszky. Fürchterliches vorhabe, wie einst die Kommissäre des Konvents in Frankreich; Stuhlweißenburg könnte leicht das Schicksal Lyons theilen rc. Am Kutschenbock bringe er statt eines Hußaren gleich den Scharfrichter mit . . . brr! . . . Als der Bürgermeister und die Magistratsräthe ihm ihre Aufwartung machten, ließ er sie gar nicht zu Worte kommen, sondern fuhr sie rauh an: sie sollten warten, bis er sie rufen lasse! Den Haupträdelsführer beschied Pulszky zu sich und machte ihn auf die Folgen seines aufreizenden Benehmens aufmerksam. „Haben Sie Familie?" fragte der Regierungskommiffar. „Frau und drei Kinder!" war die Antwort. „Ich bedaure Ihre Familie, denn ich sehe schon, dieselbe wird Sie lange entbehren; Sie aber bedaure ich nicht; ich werde Sie festnehmen, in Ketten werfen und nach Pest als Rebellen transportiren lassen." Bei diesen Worten schlug PulSzki das eorpus zuris auf und erläuterte ihm das Gesetz von 1723 über Hoch- und Landesverrath. Der Agitator entfärbte sich und zitterte am ganzen Körper. Tags darauf fand auf Befehl des Regierungskommissars eine neue Volksversammlung in der Absicht statt, die früheren Beschlüsse umzustoßen und die Juden wieder zurückzurufen. Zugleich erschien die Kavallerie und besetzte die eine Seite des Komitatshausplatzes, auf der anderen Seite wurde die Nationalgarde aufgestellt. Pulszky richtete nun eine eindringliche Ansprache an das Volk, indem er u. A. Folgendes sagte: die Frechheit sei kein Privilegium, sie sei wie die brennende Kerze, die von ihrer Leuchtkraft nichts verloren, wenn man andere Kerzen daran anzünde. Die Juden seien ebenso gut die Söhne des ungarischen Vaterlandes wie die Christen. Es wäre eine Schande für Ungarn, wenn die Tage des nationalen Ruhmes durch Ruhestörungen befleckt würden; er könne die Excesse nicht dulden, und die Regierung werde fürchterliche Musterung halten u. s. w. In dieser Weise sprach er anderthalb Stunden inrmer eindringlicher, aber die Menge blieb still, und erst zum Schlüsse ertönten einige Eljenrufe. Er richtete nun an die Versammlung die Frage, ob sie ihren früheren Beschluß annulliren und die Juden zurückrufen wollen? Einige Stimmen riefen: „Wir wollen!" , „Wer dagegen ist, melde sich!" schrie Pulszky mit Stentorstimme. Da sich Keiner meldete, verkündete er feierlich, daß der Beschluß der früheren Volksversammlung, welcher vom Magistrat die Vertreibung der Juden verlangte, einstimmig zurückgenommen sei un daß er in Folge dessen den betreffenden Bescheid des Magistrats außer Kraft setze. Er ließ das über den Vorgang verfaßte Protokoll vorlesen und beglaubigen und löste die Versammlung auf. Der Beschluß wurde sofort dem Vorsteher der jüdischen Gemeinde, welcher in einem benachbarten Orte auf den Bescheid wartete, amtlich mitgetheilt. Der Bischof von Stuhlweißenburg veranstaltete Pulszky zu Ehren ein glänzendes Diner und beglückwünschte ihn zu der so glücklichen Lösung dieser heiklen Angelegenheit. Noch am selben Tage kehrten alle weggejagten Juden in ihre Heimathsstadt wieder zurück. Es bedarf wohl nicht erst der Erwähnung, daß Pulszky seitdem in Wort und Schrift überall für die Juden-Emanzipation eintrat. Man könnte Bände mit den Artikeln füllen, welche er in dieser Angelegenheit für ungarische, deutsche, französische, englische und italienische Zeitungen schrieb. Nie ließ er sich von Opportunitätsgründen und kleinlichen Rücksichten leite», sondern folgte stets einem Gebot seines Herzens und den Anforderungen des Rechts. Schon von seiner frühesten Jugend bis in sein jetziges spätes Greisenalter gehörten die Juden zu seinen vertrauten Freunden — also bereits zu einer Zeit, da die Parias der Menschheit noch im Ghetto wohnen mußten und den Gegenstand des Hohnes und Spottes seitens des Pöbels bildeten. Als blutjunger Mensch, als er mit seinem Onkel und Erzieher Fejörvüry — dem Oheim des jetzigen königlich ungarischen Honvedministers Baron Gvza Fäjärvary — seine erste Reise nach Italien antrat, war Leo Holländer sein Reisebegleiter. Ein junger jüdischer Kaufmann, leidenschaftlicher Numismatiker und Kunstfreund, übte er auf die ästethische Erziehung Pulszkys einen sehr wohlthätigen Einfluß aus. Obschon Pulszkys Vater ein entschiedener Judenfeind war und gegen diese Verbindung sich erklärte, ließ sich der Sohn nicht beeinflussen. Zu seinen Jugendfreunden zählten auch die beiden Jellineks — der Prediger Dr. Adolf Jellinek und sein Bruder, welcher 1849 wegen seiner Betheiligung ain Wiener Aufstand 1849 erschossen wurde — und Berthold Auerbach. Hoffentlich entschließt sich Pulszky die an ihn gerichteten Briefe des Letzteren herauszugeben. Selbstverständlich unterließ er es nicht, 1849, als er von der ungarischen Regierung nach dem Ausland gesandt wurde, in Paris Heinrich Heine, der stets sein Lieblingsdichter war, aufznsuchen. Er erzählt von den« unglücklichen Poeten u. A. die nachstehende köstliche Anekdote: Der Arme war damals schon halb erblindet; seine Augenlider waren gelähmt, und wenn er Jemand sehen wollte, mußte er sie mit den Fingern in die Höhe ziehen; er lag fortwährend im Bette und dennoch dichtete er noch immer seine heimlichen Lazaruslieder. Sein Arzt, zu dem er großes Vertrauen hatte, war ein Ungar. Sein Witz verließ ihn auch während seiner Qualen nicht. Alexander Weil!, der in der französischen Litteratur Aufsehen erregt hatte, machte gern viele Besuche und hatte die Gewohnheit, seine Worte mit der Phrase einzuleiten, daß er wenig Zeit habe und nur gekommen sei. um einige Ideen auszutauschen — dann aber plauderte er in geistreicher Weise selber weiter. Dieser hatte Heine eben verlassen, als einer der französischen Freunde des Dichters zu diesem kam und ihn fragte, wie er sich befinde? „Dumm!" „Sagen Sie das doch nicht; Sie meinen gewiß leidend!" „Nein, wahrhaftig dumm; denn Weil! war hier und wir haben Ideen ausgetauscht." Auch im Ausland, wo er als exilirter ungarischer Emigrant viele Jahre lebte, zählten namhafte Juden zu seinen besten Freunden;

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.