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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-28 · Heft 52 (28.12.1894) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
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615 Die Antisemiten haben durch den Prozeß Leuß, dessen Ausgang ja bekannt ist (L. wurde vor dem Schwurgericht in Hannover wegen Meineids zu 3 Jahren Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurtheilt). eine schwere Niederlage erlitten. Eine der schneidigsten Waffen des Antisemitismus war es stets, das Vergehen eines einzelnen Juden der Gesammtheit aller Juden als Makel anzuhängen. Wir verschmähen es indessen, im Falle Leuß Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wenn auch die Thatsache zum Nachdenken auffordern sollte. * Die Ansicht, die der Pariser Korrespondent der Vossischen Zeitung über den voraussichtlichen Ausgang der Angelegenheit des französischen Hauptmanns Dreyfus geäußert hatte, hat sich wirklich bewahrheitet. „Gott sei dem Angeklagten gnädig, er mag nun schuldig oder unschuldig sein." Dreyfus ist von dem militärischen Gerichtshof schuldig befunden und zu lebenslänglicher Deportation nach einem befestigten Platze verurtheilt worden. Was sich hinter den verschlossenen Thüren abgespielt hat und welcher Art die Beweisgründe gewesen sind, auf die hin auf eine so schwere Strafe erkannt werden mußte, entzieht sich völlig der Kenntniß der Außenwelt. Es bleibt abzuwarten, ob nachträglich, vielleicht durch den Vertheidiger, der anscheinend von der Unschuld seines Klienten überzeugt war, eine Klarheit in die sehr bedenkliche Sache kommt. ♦ Aus Rußland wird von gut unterrichteter Seite gemeldet: „Es scheint, daß die „Judenfrage" wieder aufgerollt wird in Rußland und zwar in einem Sinne, welcher der bisherigen Politik diametral entgegensteht. Man sagt, daß der junge Zar, welcher auf der Höhe der modernen Bildung steht und der in allen seinen Handlungen dem hehren Ideale der Gerechtigkeit und Humanität entgegenstrebt, damit nicht einverstanden ist, Unterthanen erster und zweiter Klasse zu besitzen, daß er in seiner gleichen Liebe und Fürsorge für alle seine Unterthanen entschlossen ist, in den Einschränkungen und Bedrängungen, denen die russischen Unterthanen mosaischer Konfession in Rußland ausgesetzt sind, von Grund aus Wandel zu schaffen. Wir wissen, daß der Zar über diesen seinen Entschluß viel und eingehend mit dem Prinzen von Wales gesprochen hat, daß Letzterer die edlen und aufgeklärten Absichten Nikolais II. mit Begeisterung begrüßte und, so viel an ihm lag, seinen hohen Verwandten darin bestärkt hat, mit unentwegter Konsequenz diesen Entschluß durchzuführen." Bas Gesetz über die Sonntagsruhe und die Juden in Oesterreich. Von Dr. S. R. Landau. f Wien, 16. Dezember. er Fall Brentano ist Ihren Lesern bekannt. Eine Leuchte der Wissenschaft, ein bedeutender Philosoph, der eine Reihe akademischer Lehrer zu seinen Schülern zählt, sieht sich gezwungen, auf sein Lehramt zu verzichten und Oesterreich zu verlassen, um so den Chikanen der Regierung dafür, daß er vor 14 Jahreri konfessionslos wurde und eine Jüdin heirathete, zu entgehen. Dieser Fall steht nicht vereinzelt da. Als vorigen Jahres der erste Vize-Bürgermeister Dr. Richter an Stelle des verstorbenen Dr. Prix zum Bürgermeister von Wien gewählt werden sollte, wurde er sofort vom Statthalter aufmerksam gemacht, es werde der Umstand, daß Dr. Richter konfessionslos und seine Frau eine Jüdin sei, der Bestätigung im Wege stehe. Der „liberale" Vize-Bürgermeister verstand den Wink und taufte sich sanimt seiner Gemahlin, aber die liberale Majorität im Gemeinderath besaß mehr Charakter und wählte ihn nicht. Hingegen wurde damals der zweite Vize-Bürgermeister, Dr. Grübl, dessen Frau eine rechtzeitig getaufte Jüdin war, gewählt und auch bestätigt. Diese Thatsachen beweisen vollauf, daß Oesterreich im Fahrwasser der Reaktion segelt. Graf Hohenwart ist die Stütze der Koalition', und der antisemitische Abgeordnete, in freien Stunden Branntweinschänker, Polzhofer, erklärt dem aus der deutschliberalen Partei hervorgegangenen Handelsminister, Grafen Wurmbrand, daß er mit dessen Thätigkeit und Gesetzesvorlagen vollständig zufrieden sei. Und die Gesetze dieses „liberalen" Handelsministers sind auch derartig, daß die Antisemiten daran ihre helle Freude haben können. Seit einem Jahre im Amte, hat er bereits drei Vorlagen im Hause eingedracht, die ihre Spitze in erster Linie und hauptsächlich gegen die Juden richten. Es sind dies das Raten-, Hausir-Gesetz und die Regelung der Sonntagsruhe. Unsere Antisemiten haben viel gelernt und nichts vergessen. Ausnahms-Gesetze gegen die Juden — an die denkt man nicht mehr! Ist es ihnen da doch möglich, im Rahmen der gegenwärtigen Verfassung und auf Grund einer wirthschaftlichen Reform dasselbe zu erreichen. Zu den Staatsämtern läßt man die Juden trotz der Staatsgrundgesetze nicht mehr zu, nun sollen sie auf ihrem eigensten Boden, in ihren wirthschaftlichen Berufen getroffen werden. „Reform der Gewerbegesetze" rufen Schneider und Lueger; im Handelsministerium, dessen Chef noch als steiermärkischer Abgeordneter in der deutsch-liberalen Partei dafür eingetreten ist, daß den Deutsch-Nationalen ein Thürchen offen gelassen werde, findet dieser Ruf ein getreues Echo, und auch über den Kern dieser Reform „Befähigungsnachweis für den Handelsstand", ist man sich hier im Klaren. Mittelalterliche Zünfte, Befähigungsnachweis für den Handelsstand, Beseitigung des Raten- und Hausirhandels, eine ausgiebige Sonntagsruhe in puritanischem Stil — das wollen unsere Antisemiten, und der konservativ-klerikalen Partei, die jetzt bei uns die Stütze der Regierung ist, kann ja dies nur recht sein. Es scheint, als ob die österreichische Regierung selbst diesen Zweck anstreben würde. Die Proletarisirung der galizischen Juden macht Riesenschritte. Von allen Erwerbszweigen werden sie langsam verdrängt, jede Möglichkeit, einen anständigen, ehrlichen Lebensunterhalt sich zu verschaffen, wird ihnen systematisch genommen. Die Polen nennen dies „Selbstschutz". Betrachten wir diese so euphemistisch bezeichnete Kampfweise der edlen Szlachzizen ein wenig näher. Die Verhältnisse der Juden in Galizien sind exceptionell. Man kann sie vielleicht tadeln und zu ändern bestrebt sein, aber sie sind da, und man muß mit ihnen rechnen. Jede Entwickelung im wirthschaftlichen Leben geht nur schrittweise vor sich, und daher muß sowohl der Staatsmann wie der Gesetzgeber die bestehenden Verhältnisse in Betracht ziehen. In Galizien ist der größte Theil der Juden mit Kleinhandel beschäftigt. Als Dorfhausirer, Mäkler, kleine Handelsleute fristen sie ihr Dasein. Daß sie in diesen Beschäftigungen dem Bauernstände unentbehrlich sind, und daß sie mit diesem auch im besten Einvernehmen leben, weiß Jeder, der die Verhältnisse genauer kennt. Doch dem Adel ist dies nicht genehm, und so läßt er Konkurrenz- Geschäfte, sogenannte christliche Waarenniederlagen gründen, er 1 erwirkt bei der Regierung, daß der Salzhandel monopolisirt und ‘ Tausenden jüdischer Familien der Salzverschleiß und damit ihr Brod entzogen wird u. s. f. Charakteristisch für diese Verhältnisse ist eine unlängst beim Landesgericht ju Krakau stattgefundene Gerichtsverhandlung, bei der ..

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