Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 52 (28.12.1894)
- Date
- 1894-12-28
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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614 die Minister des neuen Kurses gesetzt, scheinen wenig Aussicht auf Erfüllung zu haben, da man in jenen Kreisen auch bereits gegen die Männer der neuen Regierung Stimmung zu machen beginnt. Eine Reihe von Jnitiativ-Anträgen ist nur dazu bestimmt, die Regierung zur Stellungnahme in der sogenannten Judenfragr zu zwingen. Es ist für das Wesen des Antisemitismus überaus charakteristisch, daß derselbe vor der Annahme der neu eingebrachten Umsturzvorlage selbst die größte Angst hat. Auch in den anderen Ländern hat sich die Situation in diesem Jahre wenig verändert. Nur in Oesterreich ist der Kampf womöglich noch schärfer geworden. Das Auftreten des Pfarrers Deckert die Vorgänge innerhalb der Rettungsgesellschaft, die Hetzreden der Antisemiten im Wiener Gemeinderath und im Reichstage verschärfen die Situation immer mehr, während die Koalitions-Regierung nicht den Mnth hat, energisch dagegen aufzutreten. Die Debatten wegen des Rezeptions-Gesetzes in Ungarn hatten mit dem Antisemitismus nichts zu thun; auch die entschiedensten Gegner der Rezeption lehnten ausdrücklich jede antisemitische Tendenz ab. In Frankreich treibt Drumont, obwohl verbannt, sein Unwesen weiter. Der Fall Dreyfus hat gezeigt, daß der Antisemitismus auch in diesem Lande Wurzel gefaßt hat. Der Versuch, durch eine Fremdenbill die Einwanderung der russischen Juden in England zu beschränken, ist gründlich mißlungen. In Rumänien hat man neue Beschränkungen gegen die Juden ersonnen und zum Theil auch ausgeführt. Eine merkwürdige Wandlung ist in den Geschicken der Juden in Rußland eingetreten. Während aus der ersten Hälfte des Jahres nur von neuen Ausweisungen und Beschränkungen gemeldet wurde, scheint mit dem Regierungsantritt des neuen Zaren eine wesentliche Besserung in der Lage der dortigen Juden einzutreten. Möge dieselbe von Dauer sein. Von außereuropäischen Staaten ist es nur Marokko, welches in diesem wie in früheren Jahren fortwährend Judenverfolgungen aufzuweisen hat. Der Rückblick auf das vergangene Jahr ist kein besonders erfreulicher, aber auch nicht gerade ein niederdrückender. Es hat nicht an Verfolgungen und Anklagen gefehlt — wo gäbe es ein Jahr in der gesummten Geschichte der Juden, in dem keine Anklagen und Verfolgungen zu verzeichnen wären? Schon vor 2078 Jahren hat man die Juden wegen ihrer „Geheimgesetze" und wegen ihres Glaubens verfolgt. Zur Erinnerung daran feiern wir noch jetzt das Chanuka- Fest. Aber wie damals, so werden wir auch heute und immerdar den Kampf für unsere heilige Lehre führen im Vertrauen auf die göttliche Leitung, die damals wie heute und auch in Zukunft Israel beschützt und beschirmt! Nie Woche. Berlin, 24. Dezember. in sehr bedeutsames Aktenstück, ein Schreiben des Deutschen Kaisers aus dem Jahre 1890, wird jetzt, nach dem Tode der Baronin von Rothschild, aus ihrem Nachlasse bekannt. Ein schöner Zug aus dem Leben der Freifrau Karl von Rotbschild ist uns in dem nachfolgenden Briefwechsel erhalten, der aus dem Anfänge des Jahres 1890, einer Zeit antisemitischer Hochfluth, stammt. Wir erkennen daraus, wie die edle Frau nicht nur für das Wohl und Wehe Einzelner oder kleinerer Kreise, sondern auch für die vitalen Interessen ihrer Glaubensgenossen die regste Theilnahme hegte und dieselbe ebenso klar wie beredt zu vertreten, verstand. Mit großerGenugthuung wird sie daher auch die höchWedeutsame Antwort begrüßt haben, welche ihrer warmherzigen Fürsprache zu Theil geworden ist. I. Freifrau v. Rothschild an Kaiser Wilhelm II. (Aus dem Englischen übertragen). 29. März 1890. Darf eine völlig Fremde Verzeihung hoffen, wenn sie es wagt, Ew. Kaiserlichen Majestät in einer Angelegenheit, die ihr sehr am Herzen liegt, zu nahen? Es ermuthigt mich dazu der Gedanke, daß mein seliger Gatte, Baron Karl v. Rothschild, viele Jahre lang durch die Freundschaft und das Vertrauen des hochverehrten Großvaters Ew. K. Majestät ausgezeichnet worden, und daß ich selbst, während eines Zeitraums von 20 Jahren, zahlreiche Beweise gnädigster Zuneigung von Seiten der Kaiserin Augusta empfangen habe, deren Andenken mir stets theuer bleiben wird. Ew. Kais. Majestät haben jüngst eine so erhabene Vorurtheilslosigkeit, so tiefes Mitgefühl für die Armen und Bedrückten, so viel Fürsorge, Scharfblick und Festigkeit bekundet, daß es die tiefste Bewunderung erregen, die freudigsten Erwartungen nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa erwecken muß. So darf auch ich denn hoffen, den Gerechtigkeitssinn Ew. K. Maj. nicht vergebens anzurufen, wenn ich Sie beschwöre, die Lage Ihrer jüdischen Unterthanen in gnädige Erwägung ziehen und hierbei fremdem Vorurtheil und Uebelwollen keinen Einfluß gestatten zu wollen. Glauben Sie mir, dieselben gehören zu Ew. Majestät getreuesten und ergebensten Unterthanen, und ich denke, es dürste sich kein einziger Fall finden, wo sie gegen ihr Vaterland sich vergangen hätten. Was ist's, das gegen sie vorgebracht wird? Sie lieben das Geld, heißt es; ihr einziges Begehren sei, Reichthümer anzuhäufen. Aber welche andere Laufbahn, als die des Handels und Gelderwerbs, ist ihnen offen gelassen worden? In welcher andern Weise konnten sie ihren Verstand, ihre Beharrlichkeit, ihre Thatkraft zur Geltung bringen? Bis ganz vor Kurzem war ihnen nicht ein einziger Amtsberuf, fei es im Bereiche der Wissenschaft, sei es im Staatsdienst, zugänglich gewesen; Geschlecht auf Geschlecht ging dahin, und sie hatten immer nur eine Möglichkeit vor Augen: diejenige, sich ein Vermögen zu machen. Schon hatte dieser ungerechte Zustand sich glücklich zu bessern begonnen, aber ach! nun droht er, durch eine seltsame Rückkehr zur Härte und zum Vorurtheil, auf's Neue hervorzubrechen. Ew. K. Majestät ist zu gerecht, zu erleuchtet, um solche Behandlung eines Theiles Ihrer Unterthanen zuzulaffen; Sie werden dem Antriebe Ihres eigenen Herzens, der Leuchte Ihres eigenen Geistes, dem Zuge der Gnade und der Gerechtigkeit folgen und der Engherzigkeit Derer kein Gehör geben, welche, dem Geiste ihrer eigenen Religion zum Trotz, die das Erbarmen und Wohlwollen gegen all' unsere Ncbenmenschen predigt, einen Theil der Unterthanen Ew. Majestät, auf dessen Hingebung und Vaterlandsliebe Sie vertrauensvoll rechnen dürfen, verfolgen und mit grenzenloser Ungerechtigkeit behandeln möchten. II. Antwort. Seine Majestät der Kaiser und König haben Ew. Hochwohl geboren Schreiben vom 29. v. Mts. empfangen. Allerhöchstdieselben vermochten nicht zu erkennen, welche Umstände gerade zur Zeit zum Ausdruck so lebhafter Besorgnisse in Betreff der Behandlung der jüdischen Unterthanen Seiner Majestät Anlaß geben können, wie solche in Ihren Darlegungen Ausdruck gefunden haben. Seine Majestät umfaßt alle ihre Unterthanen ohne Rücksicht auf Stand oder Religionsbekenntniß mit gleichem landesväterlichen Wohlwollen, und die jüdischen Unterthanen dürfen auf den allerhöchsten Schutz um so sicherer vertrauen, je mehr dieselben nach Ihrer Versicherung bestrebt sein werden, keiner anderen Klaffe der Bevölkerung in Bethätigung wahren Patriotismus' und echter Bürgertugend nachzustehen. Auf allerhöchsten Befehl habe ich die Ehre, Ew. Hochwohlgeboren hiervon ergebenst in Kenntniß zu setzen. Der Geheime Kabinets-Rath: v. Lueanus. *