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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-28 · Heft 52 (28.12.1894) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 52 (28.12.1894)
Date
1894-12-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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58. Jahrgang. Nr. 52. SerLin» 28. Aezemver 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements - Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt voirderEMdition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. Redacteur: Gustav KarpeLeS. Begründet von Uabbiner Dr Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Expedition: Gerlin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zujendungen ttlr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung des JudenthumL", Berlin 8V., Jerusalemer Straße 48/IS zu richten. Verlag von Rndolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Rückblick. -- Die Wocke. — Das Gesetz über die Sonntagsruhe und die Juden in Oesterreich. Bon Dr. S. R. Landan. — Die RolhschildschcHBibliothekrin Frankfurt a. M. Bon Alexander Braun. — Franz Pulszkv und die Juden. Bon Dr. Adolph Ko Hut. — Em Hetzkaplan vor fünsbundert Jahren und sein Ende. Von Dr. M. Kahserling. — Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feldmann lForts.). — ..Am Brunnen vor dem Thore". Äon Carl Griot ISchlußs. — Sprechsaal. Der Genieiudebote. Korrespondenz«« und Nachrichten: Berlin. Memel. Tborn. Schiieidemübl, Bromberg, Ans der Provinz Posen, Stolv, Hannover, Brakel, Wien. London. — Bon Rah und Ser«. — Miseelle«. — GekchöMiche Notizen. Berlin, 27. Dezember. fas bürgerliche Jahr neigt sich seinem Ende zu, und da dürfte es sich wohl geziemen, einen Rückblick auf die bürgerlichen Verhältnisse der Inden in diesem Jahr zu werfen. Die erste Frage wird natürlich diese sein: Hat der Antisemitismus Fortschritte gemacht oder ist er zurückgegailgen V Soweit wir die Sache übersehen können,'ist der Antisemitismus, d. h. der sogenannte Radauantisemitismus, in diesem Jahr erheblich zurückgegangen. Es ist das eingetreten, was einsichtige Beurtheiler schon vor Jahren prophezeit haben: der Antisemitismus fängt an lan g.'wei lig zu werden — unb das ist sein Ende! Es ist natürlich, daß man alle möglicheil Mittel^versucht, uin das Interesse wieder aufzufrischen. Die Geschichte dieser Versuche füllt das Jahr 1894 aus. Ehe wir die eigentlichen.Ereigniffe registriren, möchten wir jedoch noch einige Bemerkungen machen. Wenn auch die antisemitische Bewegung unserer Ansicht nach ihreil Höhepunkt überschritten hat, so machen sich doch die Konsequenzen dieser Bewegung in breiten Schichteir des Volkes jetzt erst recht fühlbar. Eine Generation ist in das öffentliche Leben getreten, welche auf Schule und Universität mit sdeu Ideen des Antisemitismus bekannt gemacht worden ist. Das iji£ein verhängnißvoller Faktor, mit jdem wir noch lange zw rechnen haben werdeil. Und in den Ereignissen des Jahres [1894 haben sich schon hier und da die Folgen dieser Bolkserziehuiig gezeigt. Daß unsere Gegner in der Mahl der Mittel, um ihre.Bewegting wieder interessant unb lebenskräftig zu machen, auch in diesem Jcchre nicht sehr wählerisch waren, bedarf wohl nicht erst ausdrücklicher Bestätigung. Bon der Thierquälerei und den Geheimgesetzen bis zum Aaudesverrath und Ritualmord fehlte keine Anklage, keine Waffe aus ihrer Rüstkammer; aber jdiese Waffen sind stumpf geworden, und diese Anklagen ziehen nicht mehr. Da^ Riiualmord-. mHrchen wird wohl nur noch belächelt, und auch die andern Anklagen finden wenig gläubige Gemüther mehr. Die Petitionen wegen Untersuchung der jüdischen „Gehkimgesetze" würde» in Preußen wie in Baden abgelehnt. Die Agitation gegen das Schächten hatte gerade den entgegengesetzten Erfolg, und nach den gesammelten Gutachten der hervorragendsten Autoritäten gewinnt die Ueberzeugung immer mehr an Bode», daß die jüdische Schlachtmethode die am wenigsten thierquälerische sei. Es ist vielleicht die wichtigste Thatsache, die aus diesem Jahr zu verzeichnen, daß Inden und Jndenthum uicht mehr ungestraft verhöhnt und angegriffen werden dürfen. In verschiedenen Fällen sind Juden als Privatklüger wegen Beleidigung mit Erfolg aufgetreten, in anderen und noch wichtigeren Fällen, wie in Breslau, Heidelberg, Marburg und Hannover, haben die Staatsanwälte wegen Beleidigung des Judenthums, als einer anerkannten Religiousgesellschast, Anklage erhoben; unb es ist fast überall die Verurtheilung erfolgt. 8 . Ein besonderes Verdienst hat sich in dieser Beziehung der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" erworben, indem er den Kampf um's Recht überall, wo es nöthig war, mit Energie dnrchführte. Den energischen Abwehrbestrebungen gegenüber fühlten die Antisemiten das Bedürfniß nach einer Einigung ihrer verschiedenen Richtungen. Dieses Einigüngswerk ist nun nach eifrigem Bemühen izr diesem Sommer wirklich zu Stande gekomnien, und wir haben es nun nicht mehr mit verschiedenen, sondern mit einer einzigen geschlossenen Antisemitenpartei zu thu». Auch das erscheint uns eher vortheilhaft als nachtheilig für die Abwehr aller Angriffe. Daß der Abgeordnete Ahlwardt von diesem Einigüngswerk ausgeschlossen N)»rde, mag nur nebenher als charakteristisch erwähnt werden. Auch s-oyst hat eine Reihe von angesehenen Parteiführern in diesem Jahr abgewirthschaftet; wir brauchen nur die Namen Leuß und Böckel zu nennen. Mildem Scheiden des Letztem aus Hessen hat die Bewegung in dieser am meisten durchseuchten Provinz ihren weseütlichen Stützpunkt verloren. Während aber die antisemitische Bewegung als solche an Kraft eingebüßt, haben die konservative Partei, der Bund der Landwirthc und die preußische Gencralsynode sich leider einige ihrer Forderungen zu eigen gemacht, ohne Rücksicht darauf, daß sie damit Grundsätze der Verfassung angreifen. Die Idee des konfessionellen Eides, der Beschränkt»^ jüdischer Richter, des Verbots der Einwandenmg ausländischer Juden und der Ausweisung der russischen Inden aus den Osiprovinzen, das sind die wichtigsten Punkte, tu denen die Konservaiivcn den Antisemiten brüderlich die Hayd reichen, während sie, sich sonst natürlich nach wie vor auf das Heftigste bekämpfen. Die Hoffnungen, welche unsere Gegner auf die Veränderuiigeir. innerhalb der Regierung, auf de» Abgang des Grafe» Caprivi und

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