Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 JjrfJeuößii Diskussion nahmen die Herren Dr. Arnstein, Dr. Eisner ^iegmund Hirsch, Hamburger, Hugo Schück, Rechtsanwalt Luft und Pinezower Theil. Sodann wurde unter dem lebhaften Beifall der Versammlung die Begründung des Vereins beschlossen. Im ersten Flug zeichneten 85 Herren ihren Eintritt. Gleichzeitig lief ein Telegramm des Berliner Verbandspräsidiums ein, das dem „fünfzigsten Litteraturverein" freudige Glückwünsche entbot. Zur Vorberathung der Statuten wurde ein Komitee gewählt, dem die Herren Dr. Blumenthal, Stadtrath Grunwald, Dr. Arnstein, Dr. Eisner, Apothekenbesitzer Eckstein, Kaufmann Hamburger und Kaufmann Pinezower angehören. Die Statutenberathung und Vorstandswahl soll in einer zweiten Versammlung am Donnerstag den 27. d. Mts. in Bruck's Saal stattfinden. Arlch wir begrüßen diesen neuen Verein mit Freude! Tarnplvitz, 18. Dezember. Die achte Versammlung der „Freien Vereinigung jüdischer Lehrer Oberschlesiens" findet am 26. Dezember in Beuthen, Oberschlesien, in Pniower's Restaurant statt. Die Tagesordnung ist folgende: 1. Begrüßung und geschäftliche Mittheilungem 2. Vortrag des Kollegen Abraham-Königshütte: „Anregende Gedanken über den Unterricht in jüdischer Geschichte in der Volksschule.". 3. Besprechung über die geplanten Neugründungen jüdischer Lehrervereine. 4. Geschäftliche Anträge und Anregung wichtiger pädagogischer Fragen. h. Weitzenfels, 17. Dezember. Erfreulich ist in dieser Zeit vor Weihnachten, wo bekanntlich der sog. Geschäfts-Antisemitismus so recht Blülhen treibt, auch einmal vom Gegentheil berichten zu können Als in der vergangenen Woche ein Mann antisemitische Flugblätter an Erwachsene und besonders an Schulkinder vertheilte, trat der hiesige Superintendent und Oberpfarrer energisch dagegen aus. verbot dem Manne solches und meldete ihn der Polizei. Auch das hiesige Kreisblatt schreibt hierüber Folgendes: „Hart an groben Unfug grenzte das Auftreten eines Mannes, der gestern Mittag an die aus der Schule heimgehenden Schulkinder Flugblätter antisemitischen Inhalts austheilte. In Hellen Haufen drängten sich die Kinder, wie um alles Neue, heran, stießen, traten einander. Ein höchst unangenehmer Anblick! Vor Allem aber sind unsere Kinder nicht dazu da, um durch sie für den Geschäfts- Antisemitismus — denn um diese Spielart handelte es sich — Propaganda zu machen. Der Mann ist der Polizei gemeldet worden." In der That sehr lobenswerth! — Wie aus verschiedenen Orten berichtet, sollen in letzter Zeit keine Juden mehr zu Schöffen oder Geschworenen zugelassen sein. Demgegenüber kann ich von hier aus mittheilen, daß in der letzten Schwurgerichts-Seffion in Naumburg zwei jüdische Gefchworne, ein Kaufmann von hier und einer aus Zeitz, ausgeloost wurden und fast bei allen Verhandlungen betheiligt waren. v. Eisenach, 14. Dezember. Das leider so frühe Dahinscheiden unseres geliebten Erb groß Herzogs Carl August von Sachsen-Weimar hat im ganzen Lande tiefe Trauer hervorgerufen Und daß die israelitischen Bewohner des Landes sich hierin mit den Gefühlen der Gesammtheit in vollster Uebereinstimmung befinden, ist selbstverständlich. Unser verehrter Landrabbiner Dr. Salzer in Stadtlengsfeld hat daher ganz nach dem Herzen und im Sinne der sämmtlichen Israeliten des Landes gehandelt, daß er . zur Begräbnißfeierlichkeit des hohen Verblichenen nach Weimar gereist ist und einen Kranz, dessen Schleife die Inschrift trug: „Dem allzufrüh verblichenen Fürstensohne in trauervollem Gedenken ehrfurchtsvoll gewidmet von den israelitischen Gemeinden des Großherzogthums Sachsen", auf den Sarg uiedergelegt hat. Bei der Beisetzungsfeiep ging Herr Dr. Salzer auf höhern Wunsch im Trauerzuge im Ornate, sich der Geistlichkeit anschließend, welche vor dem Leichenwagen einherschritt. Am Samstage, den 8. d. M., wurde in allen Synagogen des Landes Trauergottesdienst abgehalten. Möge dem hohen großherzoglichen Ehepaare nach dem erfahrenen Leide von der gütigen Vorsehung noch eine lange, in urige* trübtem Wohlergehen dahinfließende Lebensdauer zugetheilt werden! © Köln, 17. Dezember. Inn besten Mannesalter ist am Sonntag hier nach schwerem Leiden Herr Nathan Leubsdorf, einer unserer besten und bedeutendsten Männer, dahingegangen. Sein Tod hat in unserer Gemeinde eine tiefe Lücke gerissen und wird weit darüber hinaus schmerzlich empfunden werden. L. gehörte dem Vorstand unserer Gemeinde, zahlreichen« Wohlthätigkeitsvereinen, dem Ausschuß des deutschisraelitischen Gemeindebunds, der Verwaltung der Philippson-Stiftung und andern Vereinen als eifriges Mitglied an. Das Leichenbegängniß findet morgen statt. Ein weiterer Bericht folgt. (Auch wir betrauern in dem Heimgegangenen einen lieben Freund, einen vortrefflichen Mann, dessen Andenken wir stets in Ehren halten werden. Die Red.) 7E Frankfurt a. M., 14. Dezember. Baronin Luise Rothschild, die Wittwe von Mayer Carl v Rothschild, ist ohne vorheriges Kranksein am 12. d. M einem Herzschlag erlegen. Eine hohe Bildung und ein hervorragender Wohlthätigkeitssinn zeichnete die Dahingegangene aus; ihr ist es zu verdanken, daß die Stiftungen ihrer im März 1892 verstorbenen Tochter: Die große Freibibliothek und das „Karolineum" in ihrem Bestehen dauernd gesichert wurden. Zur Kaiserin Augusta hatte die Verstorbene rege Beziehungen und war wiederholt mit der Kaiserin, wenn sie in hiesiger Gegend weilte, zusammen. Luise von Rothschild war 1820 als Tochter des englischen Zweiges der Familie in London geboren. Sie heirathete im Jahre 1842 ihren Vetter, den Baron Mayer Carl von Rothschild. Der Ehe sind sieben Töchter entsprossen. Von schlichtem, liebenswürdigem Benehmen, war sie in weiten Kreisen gleich geschätzt. Die Armen verlieren in ihr eine große Wohlthäterin. Am 16. d. fand die Beerdigung auf dem israelitischen Friedhofe statt. Ein unabsehbarer Trauerkondukt erwies der Todten die letzte Elire. Herr Rabbiner Dr. Plaut hielt die Gedächtnißrede. Er schilderte das wohlthätige Wirken der Verblichenen, das nicht nur aus irdischen Gütern spendete, sondern auch aus mitfühlendem Herzen Antheil nahm, ihr Familienleben und ihre erzieherischen Gaben. Ein solches Leben könne selbst der Tod nicht zerstören. Herr Direktor Dr. Bärwald vom „Philanthropin" feierte die Heimgegangene als die Protektorin des Waisenhauses des Israelitischen Frauenvereins. Herr Donner v Richter legte Namens der öffentlichen Rothschild-Bibliothek eine Lorbeerspende an der Bahre nieder, und Herr Rabbiner Dr. Horowitz pries als Vertreter der Stiftung ihres Gemahls das Andenken der Wohlthäterin, die das Werk ihres Gatten fortführte. Dann trug man den Sarg aus der Halle zum Grabe, auf die Rothschild'sche Begräbnißstätte. Oesterreich - Ungarn« □ Wien, 17. Dezember. Die antisemitische Majorität des Währingew Bezirksausschusses hat in einer ihrer letzten Sitzungen eine peinliche Szene heraufbeschworen, die noch vielfach zur Erörterung führen dürfte: Am 7. d. M. bezog der Währinger Bezirksausschuß, welcher bis dahin seine Sitzungen in einem gemietheten Lokale abhielt, seinen neuen Sitzungssaal im Bezirksamtshause. Aus diesem Anlässe hielt der Bezirksvorsteher, der bekannte antisemitische Landtagsabgeordnete Baumann, eine Ansprache, unterließ es aber, dieselbe in die bei solchen Gelegenheiten übliche patriotische Kundgebung ausklingen zu lassen. Hierüber sprach der liberale Bezirksausschuß Kerner sein Bedauern aus, und der liberale Bezirksausschuß Mayer beantragte, die Versammlung möge ihren loyalen und patriotischen Gefühlen sofort Ausdruck geben. Aber Herr Baumann fand sich nicht bereit, dieser Anregung zu entsprechen, worauf sich eine sehr erregte Debatte entspann. Herr Mayer äußerte in energischer Weise seine Entrüstung über ein derartiges, in Oesterreich unerhörtes Vorgehen. Herr Baumann schnitt die Diskussion damit ab, daß er Herrn Mayer das Wort entzog und ihn von der Sitzung für ausgeschlossen erklärte. Mit den Worten: „Ich bin ein treuer Patriot!" verließ Herr Mayer den Saal. Wie wir erfahren, beschäftigt sich die niederösterreichische Statthalterei mit dieser Affaire. — Auch in der Gemeinderathssitzung vom 14. d. M. provozirten die Antisemiten abermals einen argen Skandal, der mit der Ausschließung des Gemeinderathes Tischler endigte. — In der letzten Sitzung des Polenklub wurde über das Gesetz, betreffend die Regelung derSonn- und Feiertagsruhe im Gewerbetriebe, berathen. Der Verlauf der Debatte über diesen Gegenstand, sowie der einhellig gefaßte Beschluß beweist, daß der Antisemitismus, wie er gegenwärtig betrieben wird, bei keinem Mitglieds des Polenklub auf Unterstützung rechnen kann. Die Debatte nahm nachstehenden Verlauf: Abgeordneter Dr. Byk stellte im eigenen und im Namen des Abgeordneten Dr. von Rapoport nachstehenden Antrag: Zu den im Artikel III des Gesetzes angeführten Ausnahmen ist noch ein neuer Absatz zuzufügen, „die Arbeiten von Nichtchristen, wenn sie Nachweisen, daß sie vierundzwanzig Stunden in ihrer Konfession feiern und wenn diese Arbeiten nicht öffentlich sind." In der Begründung hob Dr. Byk hervor, daß die jüdische Bevölkerung,