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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-21 · Heft 51 (21.12.1894) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 51 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 genießen können, die aus dem gemüthlichen Zusammenleben gleichgesinnter Genossen erblühen. Keine allgemeine Altersversorgungsanstalt, und sei sie noch so vortrefflich, kann dem alt gewordenen Lehrer die Vorzüge des Lehrerheims bieten, denn in einer allgemeinen Altersversorgungsanstalt fehlt dem Lehrer, der nach leckeren Bissen kein Verlangen hat, die eigentliche Würze, das traute Gespräch mit Gefährten. So ergeht an alle Israeliten, die sich dankbar der treuen Arbeit ihrer Religionslehrer erinnern, die innige Bitte, zum Aufbau eines jüdischen Lehrerheims zu steuern. So viele Kräfte des Gemüthes vereinen sich, um dies fromme Werk zu fördern. Ehrfurcht vor den Greisen, Achtung vor dem Wissen, das Mitgefühl für den Dürftigen und nicht zum wenigsten die Dankbarkeit gegen Diejenigen, die früh unfern Geist und unfern Charakter gebildet haben, mahnen uns, ein solch heiliges Werk rasch fertig zu stellen. Die Unterzeichneten wenden sich mit der Bitte um (einmalige und jährliche) Beiträge zunr Aufbau eines Lehrerheims an alle jüdischen Gemeinden, besonders aber an unsere begüterten Glaubensgenossen, und hoffen zuversichtlich auf einen raschen und großen Erfolg. Beiträge sind bis auf Weiteres an unfern Rendanten, Herrn Max Graf in Glogau, zu senden, der dieselben vorläufig auf der Reichsbank deponiren wird. Nach Abschluß der Unterschriften soll ein Central-Ausschuß aus allen Berufskreisen gebildet und der Schatzmeister gewählt werden. Ueber die Beiträge wird öffentlich quittirt werden. Der geschäftsführende Ausschuß. Dr. Louis Neustadt. Max Graf. Dr. Leopold Wreschner. (Es folgt eine lange Reihe von Unterschriften, die wir leider des Raumes halber nicht bringen können.) gg Memel, 18. Dezember. Mit der innigen Bitte an alle Glaubensgenossen um thatkräftige Unterstützung wendet sich das Komitee des isr. Krankenhauses in Memel in einem Aufruf, den auch viele andere Notabilitäten in Berlin, Königsberg u. a O. unterzeichnet haben und in dem es heißt: Der Fortbestand des in Memel vor nahezu 25 Jahren eingerichteten israelitischen Krankenhauses ist gefährdet, falls demselben nicht rasche und ausgiebige Hilfe und Unterstützung zu Theil werden sollte. An keinem Punkte der Welt ist aber eine solche Anstalt so nothwendig und ersprießlich, wie gerade an diesem Orte. Die nahegelegenen russischen Grenzbezirke beherbergen eine jüdische Einwohnerschaft von etwa einer halben Million Menschen, welche gegen 80 Prozent der Städtebevölkerung bilden; und gerade diese jüdische Bevölkerungsmasse ist die ärmste und unbeholfenste und darum hilfsbedürftigste vielleicht auf dem ganzen Erdenrund. Angemessene und ausreichende Anstalten für Krankenpflege sind in diesen Gegenden nirgends vorhanden, die ärztliche Behandlung daselbst ist sehr theuer und für den Armen völlig unerschwingbar, auch nicht an jedem Orte zu erlangen: deshalb von Rußland her der große Zuzug der Kranken, besonders aber der Schwerkranken, denen man seit Menschengedenken selbst in fernliegenden Gegenden Deutschlands begegnet. Besonders aber war die Stadt Memel ihrer geographischen Lage wegen der Ort, wohin sich der Zudrang zunächst wenden mußte, und darum von armen, russisch-jüdischen Kranken jederzeit bis zum Erdrücken belastet. Vorkommnisse der traurigsten Art haben zur Einrichtung des Krankenhauses geführt. In Ställen und Bretterverschlägen, ja auf offner Straße haben arme Kranke, die Niemand aufnehmen wollte, selbst bei strengem Winterwetter sich niederlegen müssen, oft um nie wieder aufzustehen. Da wurde durch milde Beisteuern, besonders der deutschen Glaubensgenossen, das gegenwärtige Krankenhaus eingerichtet, und seitdem sind solche schwere Uebelstände nicht mehr vorgekommen. Das Krankenhaus hat ungeachtet seiner wenigen, nur sehr dürftig ausgestatteten Räume doch überaus segensreich gewirkt und hat, trotzdem ihm nur sehr geringe Geldmittel zur Verfügung standen, seit seinem Bestände annähernd 1200, großenteils schwerkranken Personen unentgeltliche Hilfe und Pflege zu Theil werden lassen. Nunmehr aber ist das einstöckige, völlig unzweckmäßig angelegte Haus derart baufällig geworden, daß es niedergerisfen und an seiner Stelle ein anderes, den Anforderungen der Neuzeit wenigstens einigermaßen entsprechendes Haus errichtet werden muß. Die Aufsichtsbehörde hat ihr Mißfallen über den Zustand des Krankenhauses in unzweideutiger Weise zu erkennen gegeben, und es muß befürchtet werden, daß das Haus demnächst aus sanitätspolizeilichen Gründen geschlossen werden könne. Sollte dieses geschehen, so hätte man damit nicht etwa den Zustrom russischer Kranker gehemmt, j: ondern die ehemaligen Mißstände würden wieder hervortreten und die \ Kranken dem Straßenelend verfallen. Deshalb richten wir an alle Glaubensgenossen die Bitte, durch milde und ausreichende Beisteuern beit Neubau und Unterhalt eines Krankenhauses für russisch-jüdische Kranke möglich zu machen. Herr L. Alexander, Inhaber der Firma: Siebert und Alexander in Memel, hat sämmtliche Kassengeschäfte für den Krankenhausbau übernommen. Alle Spenden aber sind zu richten an eine der geehrten Firmen: Siebert & Alexander, Memel, Jacob Landau, Berlin, Litten & Co., Königsberg, deren Inhaber sich zur Empfangnahme bereit erklärt haben. U. Aus Westpreußen, im Dezember. Der Stadtälteste M. Brasch in Zempelburg ist einstimmig zum Kreistagsabgeordneten gewählt worden. — In Dir sch au starb im 78. Jahre der frühere langjährige Vorsteher der jüdischen Gemeinde, P. Philip so hn, ein biederer, hochgeachteter Bürger, welcher der Stadt 20 Jahre hindurch als Stadtverordneter treue Dienste geleistet. — In Schwetz wurde der Rechtsanwalt A Hirsch zum Stadtverordneten gewählt; außer demselben befinden sich im Kollegium vier jüdische Gemeindemitglieder, während zum Magistrat zwei Juden gehören. — Der dortige Jugendverein, welcher ca 110 Mitglieder zählt, feierte unter allgemeiner Beitheiligung der Gemeinde sein 8. Stiftungsfest durch Theater, lebendes Bild und Tanz; die Bescheerung armer Kinder, welche der Verein bezweckt, findet statutenmäßig am Chanuka statt x. Lissa i. P., 12. Dezember. Am gestrigen Abend feierte der „Verein für jüdische Geschichte" in Lissa im Saale des Kaiserhofs sein Stiftungsfest, welches äußerst zahlreich besucht war. Von den geladenen Ehrengästen waren Herr Oberbürgermeister Herrmann und Herr Dr. Kunze, Direktor des Königlichen Gymnasiums, erschienen; der Landrath Herr v. Hellmann war verhindert und hatte sein Nichterscheinen entschuldigt. Auch sonstige christliche Herren und Damen waren zu bemerken.. Der Vorsitzende, Herr Rabbiner Dr. Bäck, hob in sehr glücklicher Weise in seiner geistvollen und formvollendeten Festrede hervor, daß die Vereine für jüdische Geschichte nicht allein den Zweck hätten, den Idealismus in unserer Zeit des Materialismus zu pflegen und hoch zu halten, sondern daß sie auch geeignet seien, ein weiteres Interesse zu finden als allein bei den Israeliten, da ja die Grundlehren des Christenthums, seine Ritualien, seine Philosophie und Wissenschaft, insbesondere auch die Reformation erfüllt seien von jüdischem Geiste. Dieser mit vielem Beifall aufgenommenen Ansprache folgten Chorgesa^.g, Deklamationen, Lieder-, Klavier- und Geigenvorträge, bei denen die in dankenswerther Weise Mitwirkenden — wir nennen von den Damen: Frau Prediger Rackwitz, Frau Rechtsanwalt Nürnberg, Frau Lehrer Behle, Frau Lehrer Cohn, Frau Minna Weil, Fräulein Grete Eisenstädt; von den Herren: Herrn Rechtsanwalt Nürnberg, Herrn Kaufmann Emil Nehab, Herrn Kantor Oswald, Herrn Cäsar Jakubowski — reichsten Beifall ernteten. Unser in stetigem Wachsthum begriffener Verein kann auf das wohlgelungene Fest mit freudiger Genugthuung zurückblicken. — Das Winter-Programm wird am 22. Dezember durch einen Vortrag von Frau Nahida Remy über „Das Weib im Talmud" eröffnet. a. Ratibor, 17. Dezember. Ein Verein für jüdische Geschichte und Litteratur hat sich gestern Abend hier konstituirt. Die Versammlung fand im Bruck'schen Saale statt. Etwa 130 Herren waren erschienen. Stadtrath Grunwald leitete die Versammlung. Das einleitende Referat über die Zwecke und Ziele des Vereins erstattete in längerer Rede Rabbiner Dr. Blumenthal. Der Verein, welcher jede politische und religiöse Tendenz ausschließt und einen streng wissenschaftlichen Charakter trägt, hat die Aufgabe, durch belehrende Vorträge hiesiger Kräfte und auswärtiger Redner die Kenntniß der jüdischen Geschichte und Litteratur zu verbreiten. Der Redner betonte, daß die Unkenntniß der eigenen Geistesschätze, deren Spuren sich in den Litteraturen aller Völker finden, die Ursache jener religiösen Gleichgiltigkeit und feigen Scham sei, die dem Juden mit Recht nicht selten die Achtung Andersgläubiger raube. Der Verein trage indeß keineswegs einen exklusiven Charakter. Der Verein werde auf dem Boden der breitesten Oeffentlichkeit arbeiten. Jeder, der sich über Wsfen> Inhalt und Geschichte des Judenthums belehren lassen wolle, werde jederzeit als Mitglied und Zuhörer herzlich willkommen sein. Derartige Vereine bestehen in Deutschland 49, in Oberschlesien erst' einer in Neisse, dessen Vorsitzender Landgerichtsrath Dr. Borchardt, die herzlichsten Glückwünsche zur Gründung des Vereins nach Ratibor gesandt hat. An der darauf

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