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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-21 · Heft 51 (21.12.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 51 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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4 welche die Sabbathruhe beobachte und der sozialpolitischen Absicht des Gesetzes über die Sonntagsruhe sonach gerecht werde, in hohem Grade beunruhigt sei. Zwei Ruhetage in der Woche würden die Erwerbsfähigkeil der jüdischen Gewerbetreibenden untergraben. Abgeordneter v. Napopmt wies darauf hin, daß die Israeliten in Galizien an den religiösen Vorschriften sehr strenge festhalten und daß bei denselben die Sabbathruhe schon Freitag vor Sonnenuntergang beginne Wenn also die jüdischen Handwerker gezwungen sein sollten, außer Samstag noch Sonntag zu feiern, so würden sie dritthalb' Tage der Möglichkeit des Erwerbes beraubt sein, sie würden mehr als ein Drittel der Woche verlieren. Das wäre für die Israeliten eine umso drückendere Last, als es hervorgehoben werden muß, daß die ökonomische Lage der Juden in Galizien immer trauriger sich gestalte. Die Juden werden nach und nach von allen Erwerbszweigen, die sie betreiben, abgedrängt. Es ist kaum glaublich, wie groß gegenwärtig das Elend unter den Israeliten, namentlich in kleinen Städtchen und -auf dem Lande, ist, man kann heute sagen, daß der größte Theil jener achthunderttausend jüdischer Einwohner in Galizien nahezu am Bettelstab ist, und dies kann für das ganze Land selbst zu einer großen Katastrophe werden. Würde man aber die israelitischen Handwerker, die bis jetzt den Samstag heiligen, zwingen, auch am Sonntag die Arbeit ruhen zu lassen, so würde ein Theil derselben, um nicht des Erwerbes beraubt zu sein, am Samstag zu arbeiten beginnen, und das wäre eine Abschwächung der Religion bei 800,600 Einwohnern Galiziens, was bei den gegenwärtig in diesem Lande zu Tage tretenden sozialen Strömungen sehr gefährlich wäre. Diese Ausführungen des Dr. Rapoport wurden vom Polenklub sehr beifällig ausgenommen und machten einen tiefen Eindruck. Nachdem noch die Abgeordneten Roszkowski, Lewicki, Dr. Rosenstock, Szezepanowski, Dr. Bloch, Graf Pininski, P. Pastor und Potoczek gesprochen, wurde der Antrag der Abgeordneten Dr. Byk und Dr. Rapoport mit dem Zusatzantrag des Abgeordneten Plazek einstimmig angenommen. Afrika. ng. Mogador, im November. In diesen Tagen wurde in einew Brunnen im Gebiete der Wad Kes Kabyle die Leiche eines Juden mit abgeschnittenem Halse aufgefunden, dessen Mörder sich, noch auf freiem Fuße befindet. Von dem Konsul der Vereinigten Staaten von Brasilien, deren Unterthan der Ermordete war, ist eine Genugthuungsforderung anhängig gemacht worden. — In Holot — zwischen Baräche und Ullagar Keblr — sind, wie hiesige Blätter melden, weitere drei Juden ermordet aufgefunden worden. * Von Nah und Fern. ----- Der Kreisphystkus a. D. Geheimer Sanitätsrath Dr. Adolf Adamkiewiez ist am 13. d. M., 82 Jahre alt, hier gestorben. — Herr Dr. B. Königsberger in Breslau ist einstimmig zum Rabbiner in Pasewalk gewählt worden. — Das Fest der goldenen Hochzeit feierte am Mittwoch, den 12. d. Mts., das Ehepaar Samuel Steilberge'r in Elberfeld unter allgemeiner Theilnahme. Der Vorstand und eine Abordnung der Repräsentanten der Synagogen-Gemeinde, in deren Dienst Herr Steilberger viele Jahre treu und hingebend gewirkt hat, überreichten einen prachtvollen fünfarmigen silbernen Leuchter als Zeichen der Anerkennung. An diese Festgabe knüpfte auch Herr Rabbiner Dr. Auerbach bei der religiösen Feier, die Mittags im „Hotel Central" stattfand, an, als derselbe die vom Kaiser verliehene Ehejubiläums-Medaille mit einem glückwünschenden Schreiben aus dem Geheimen Civilkabinet in feierlicher Ansprache überreichte. Am Nachmittag fand ein großes Festmahl statt. — Das Stöcker'sche „Volk" giebt die Bemerkung der Drumontffchen „Libre Parole" wieder, daß Fürst Hohenlohe in Paris der „unermüdliche Beschützer" des baronistrten Bankiers Erlanger gewesen sei und seinen Einfluß auf den Minister Freycinet dazu benutzt habe, um diesen Großjüden vor einer gerichtlichen Verfolgung zu bewahren. Man merkt die Absicht des „Volk", und — lacht! — Magistrats-Assessor Dr. Lew in in' Frankfurt a. M. hat eine Stellung als Sekretär der jüdischargentinischen Kolonisationsbestrebungen des Barons Hirsch in Paris angenommen. Dr. Lewin erhielt zu diesem Behuf einen halbjährigen Urlaub seitens der städtischen Behörden; realistrt sich seine Pariser Stellung nicht dauernd, so bleibt ihm auf diese Weife die Rückkehr cuif seinen hiesigen Posten gesichert. Das Gehalt, das Baron Hirsch für Sekretariat ausgesetzt hat, beträgt 24,000 Francs. — Eine Abordnung des Arbeiter-Bildungs-Vereins überreichte Herrn Lehrer Rothschild in Worms ein prächtig ausgeführtes Gedenkblatt in schöner Umrahmung als Zeichen des Dankes für die dem Verein durch seine wiederholten Vorträge, in uneigennützigster Weise geleisteten Dienste. — Das Schwurgericht in Würzburg verurtheilte den Getreidehändler Karl Zöllner, Vorstand des Antisemiten-Vereins, wegen betrügerischen Bankerotts zu 21/2 Jahren Zuchthaus und 3 Jahren Ehrverlust. Der Schwindel kam an den Tag, als Zöllner angab, er habe Geldbriefe mit 17,350 Mark Inhalt auf dem Wege zur Post verloren. — Aus Straßburg i. E. wird gemeldet, daß der Reichskanzler Fürst Hohenlohe vor seiner Abreise eine Deputation des israelitischen Konsistoriums von Unter-Elsaß empfangen und derselben versichert habe, „er werde die israelitische Bevölkerung Eon Elsaß-?Lothringen in bestem Andenken behalten". — Der penstonirte Ministerialrath Julius Kaan, gewesener Vorstand der Versichernngstechnischen Abtheilung im Ministerium des Innern in Wien, den die Antisemiten im Parlament fälschlich unehrenhafter Handlungen beschuldigt hatten, ist in Folge dessen von einem schweren Nervenleiden befallen worden und, 63 Jahre alt, gestorben. — Der „Deutsch-nationalen Warte", der Zeitschrift für die deutsche Jugendbund-Bewegung, ist daß Postdebit für Oesterreich entzogen worden. — Der galizischen Judenschast ist in der Person des Präses der Lemberger Kultusgemeinde, Herrn Samuel Horowitz,eine hohe Auszeichnung widerfahren. Herrn Hörowitz ist vom Kaiser der Adelsstand verliehen worden. — Der Nationalrath von Bern ist über die Petition des Centralkomitees des schweizerischen Thierschutzvereines um Erlaß eines Ausführungsgesetzes zum Schächtverbot zur Tagesordnung mit 56 gegen 39 Stimmen übergegangen. — Die Königin-Regentin der Nieder lande hat dem jüdischen Forschungsreisenden EliasModiglianidie Offiziers-Insignien des Orange-Ordens verliehen und ihm auch ein Kriegsschiff zur Verfügung gestellt, damit er die während seiner Durchforschung der zu Holland gehörenden indischen Inseln gesammelten wissenschaftlichen" Schätze nach Batavia senden tönne. — Die antisemitische „Libre parole" schreibt dem Ministerpräsidenten Dupuy die Aeußerung zu: „Ich hätte nie geglaubt, daß die Juden so Zusammenhalten. Man hat dem Offizier, der die Untersuchung gegen den Hauptmann Dreyfus leitete, eine Million angeboten, damit er die Schuld des Verräthers wenigstens als zweifelhaft hinstelle." Die Leser der „Libre parole" werden an diese Aeußerung unerschütterlich glauben, auch wenn Duvuy sie für erfunden erklären läßt. r- Der Zeitung „Woschod" zufolge ist die Ausweisung der Juden aus dem Grenzrayon von 60 Werst auf Verfügung des Ministers des Innern eingestellt worden. Der kaiserliche Ukas, welcher das den Juden die Ansiedelung innerhalb 50 Werst von der Grenze untersagende Gesetz aufhebt, steht für die nächste Zeit bevor. —" Nach Warschauer Berichten ist mehreren jüdischen Familien aus Galizien und Deutschland auf ihr Ersuchen an den Zar der Aufenthalt in Warschau für unbestimmte Zeit gestattet worden. Durch kaiserlichen Ukas sind sämmtliche Berwaltungschefs Rußlands angewiesen worden, die Versetzungen von Beamten aus konfessionellen oder nationalen Gründen künftighin zu unterlassen. — In diesem Monat ist von der türkischen Regierung Befehl ergangen, daß man in allen Schulen, gleichviel ob mohammedanischen, christlichen oder jüdischen, abweichend von dem bisherigen Verfahren, den Unterricht in der türkischen Sprache ertheile. Dem Chachambaschi von Konstantinopel ging infolgedessen im Laufe der Woche ein dahin gehender Befehl zu. — Aus Jerusalem wird gemeldet: Ein mehrere Tage andauernder Sturmregen, der über die biblische Hafenstadt Jaffa niederginghat diese fast gänzlich zerstört. Zwölf Häuser sind schon zusammengestürzt, während mehr als fünfzig dem Zusammenbruch nahe sind. In den Fluthen haben auch mehrere Bewohner der Stadt ihren Tod gefunden. — Wie die „Boss. Ztg." anläßlich der armenischen Wirren schreibt, war es im serbischen Okkupationsfeldzug ein Jude, der bei Bi hatsch die erste Kanone der Aufständischen nahm. — Dr. Max Magil, bisher Rabbiner der „Brith Emes Congregation" in Allentown, Pa , restgnirte und erklärte, er trete zum Christenthum über! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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