Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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58. Jahrgang, «r. 51. 0^£tft£ittfr firettn, 21. D^embet 1894. Weikage zur „Aktgemernen Zeitung öes IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. B. Berlin, 18. Dezember. In der letzten, am 16. d. Mts. stattgehabten Sitzung der Repräsentantenversammlüng giebt der Vorsitzende, Herr Landsberger, zunächst Kenntniß von einem Schreiben jüdischer Bewohner von NW., in welcher dieselben um Errichtung einer 'Synagoge sowie einer Religionsschule in diesem Stadtviertel bitten. Das Schreiben wird der Petitionskommisston überwiesen. Die Versammlung genehmigte alsdann die Summe von 2800 M. zum Zwecke des Rückkaufs von Synagogenständen. Der Kommission zur Fürsorge entlassener Strafgefangenen wird ein Extrazuschuß von 500 M. bis zum 1. April bewilligt. Zu wiederholten Malen hat sich der Vorstand des jüdischen Krankenhauses an den Gemeindevorstand gewendet mit der Bitte, die Mittel auszuwerfen für einen Erweiterungsbau der Jnfektionsbaracke des Krankenhauses, da das gegenwärtige Gebäude nicht mehr für seine Zwecke ausreiche, und die Ansteckungsgefahr eine große sei. Der Vorstand steht, wie Namens desselben Herr Justizrath Meyer mittheilt, dem Projekt nicht gerade sympathisch gegenüber, bittet jedoch, zum Behuf der Prüfung der Bedürfnißfrage eine gemischte Kommission einzusetzen, bestehend aus 2 Vorstehern, 4 Mitgliedern des Repräsentantenkollegiums und, 2 Mitgliedern des Kuratoriums des Krankenhauses. Nach kurzer Diskussion wird die Kommission gewählt; in dieselbe werden entsandt vom Vorstand die Herren Jacoby und Sanitätsrath Dr. Wiesenthal, vom Repräsentantenkollegium die Herren Geheimrath Boas, Sanitätsrath Jastrowitz, Fränkel und Mosse, vom Vorstand des Krankenhauses die Herren Louis Sachs und Moritz Manheimer. Ueber den nun folgenden Punkt der Tagesordnung entspinnt sich eine lange, stellenweise sogar sehr erregte Diskussion. In der Sitzung vom 25 November hatte die Repräsentantenversammlüng trotz des Widerspruchs des Vorstandes beschlossen, dem jüdischen Mädchenstift eine jährliche Unterstützung von 3000 M. zu bewilligen. Der Vorstand theilt der Repräsentantenversammlung nunmehr mit, daß er nicht in der Lage sei, diesem Beschlüsse zuzustimmen aus den bereits in der Sitzung vom 25. November angegebenen Gründen. Herr Oppenheim beantragt nunmehr die Einsetzung einer gemischten Deputation, um die Sache zum Austrag zu bringen. Herr Justizrath Meyer vom Vorstand nimmt für denselben das Recht in Anspruch, Beschlüsse der Repräsentantenversammlüng abzulehnen und warnt ferner vor der Annahme des Antrags Oppenheim, da in diesem Fall die Behörde um ihre Entscheidung angegangen werden müsse und ein bedauerlicher Zwiespalt die Folge davon sein würde. Herr Louis Sachs glaubt, daß der Vorstand im Rechte , sei und bittet, von allen weiteren Schritten Abstand zu nehmen. Herr Rechtsanwalt Dr. Tiktin wendet sich gegen die Ausführungen des Vorstands und bestreitet demselben das Recht, Beschlüsse der Repräsentantenversammlung einfach zu ignoriren. Er empfiehlt gleichfalls eine gemischte Deputation. Herr Justizrath Meyer sucht das Recht des Vorstands aus dem Wortlaut des Gesetzes abzuleiten, warnt aber gleichzeitig, .aus dieser Sache eine Prinzipienfrage zu machen. Herr Oppenheim bestreitet, daß sein Antrag den Zweck habe, einen Streit hervorzurufen. Herr Dr. Tiktin beantragt nnnmehr eine Resolution, in welcher betont wird, daß die Versammlung unter ausdrücklicher Wahrung ihrer Rechte dem Vorstand die Berechtigung bestreitet, Beschlüsse der Repräsentantenversammlüng abzulehnen, in diesem Falle jedoch von weiteren Schritten Abstand nimmt. Herr Jacoby vom Vorstand erklärt, er würde eher sein Amt niederlegen, als dieses Recht der Versammlung anerkennen. Herr Löwenberg beantragt, die Angelegenheit bis zur Etatsberathung zu verschieben. Herr Justizrath Meyer erklärt in sehr erregtem Ton, daß er sofort sein Amt niederlegen würde, falls die von Herrn Dr". Tiktin beantragte Resolution zur Annahme gelangte, da unter solchen Umständen ein gedeihliches Zusammenwirken von Vorstand und Repräsentantenköllegium unmöglich sei. Die Herren Landsberger und Moffe sprechen sich mit überzeugenden Argumenten entschieden gegen die Resolution aus. Herr Dr. Tiktin beantragt hierauf, prinzipaliter den Beschluß vom 25. November wiederaufzuheben und dann in zweiter Reihe der Resolution zuzustimmen. Herr Louis Sc^chs beantragt, daß die Versammlung von dem Bescheid des Vorstande-' einfach Kenntniß nehme und im Uebrigen die Sache auf sich beruhen lasse. Bei der Abstimmung wird dieser Antrag angenommen, sämmtliche übrigen Anträge bleiben in der Minorität. Da wir prinzipiell auf dem Standpunkt stehen, der gegen solche Initiativanträge ist, so freuen wir uns herzlich dieses Resultats Bei der Abrechnung über die Ausgaben für Beköstigung jüdischer Strafgefangenen ist der Etat um 74,73 M. überschritten. Die Versammlung ertheilt nachträglich hierzu ihre Genehmigung. Ueber die Vorlage betreffend Haftpflichtversicherung für die Grundstücke der Gemeinde referirt Herr Simon. Entsprechend dem Anträge der Kommission beschließt die Versammlung, die Versicherung der Haftpflichtgesellschaft in Stuttgart zu übertragen und auf zwei Jahre je 650 M. zu bewilligen. Damit schließt die öffentliche Sitzung. * Berlin, 16. Dezember. Das kaiserlich russische Generalkonsulat in Berlin theilt den russischen Unterthanen mosaischer Religion mit, daß die Leistung des gesetzmäßigen Unterthaneneides am 21. December um 11 Uhr in der Synagoge Oranienburgerstraße 30 stattfindet. Die Betheiligten werden ersucht, sich persönlich oder schriftlich in der Kanzlei des Generalkonsulats zu melden. ----- Berlin, 18. Dezember. Dem berühmten Kliniker Ludwig Traube, der langjähriger Arzt an der Charite und Direktor der dortigen medizinischen Klinik war, soll jetzt, fast zwanzig Jahre nach seinem Tode, im Jnnenhofe des Krankenhauses ein Standbild errichtet werden. Eine am Sonntag in der Angelegenheit tagende Kommission sprach sich für die Annahme eines vom Professor Martin Wolff entworfenen Modells aus. ^Berlin, 18. Dezember. In der israelitischen Taubstummenanstalt zu Weißensee (Pankstraße 18) wird die Chanukafeier mit Gottesdienst am Mittwoch, den 26. d. M., Nachmittags 5 Uhr, stattfinden. Gäste sind herzlich willkommen. S2 Berlin, 16. Dezember. Wir erhalten den folgenden Aufruf, den wir auf das Wärmste empfehlen, zur Veröffentlichung: Deutscher Reichsverband jüdischer Neligionslehrer. Aufruf zur Gründung eines Lehrerheims Vielfach macht sich in unserem deutschen Vaterlande das Bestreben geltend, den Invaliden des Lehramts, die ihre greisen Tage nicht im eigenen Hause oder bei ihren Kindern verbringen können, ein Heim zu gründen, in dem sie ohne Sorge um das Brod und im Verkehr mit .einstigen Berufsgenossen die wohlverdiente Muße genießen sollen. Solch ein Lehrerheim kann hohen Segen stiften; weit wichtiger noch als die Bewahrung vor Noth und Mangel ist die seelische Freude, die aus dem .Zusammensein mit Genossen von verwandten Erfahrungen und Lebens-, schicksalen entspringt; diese gegenseitige Aussprache, der Austausch der Meinungen und der Erlebnisse kann den Lebensabend dieser in der edelsten Arbeit müd' gewordenen Greise verklären und verschönen. Aber alle diese Bestrebungen, denen wir den besten Erfolg gönnen, werden den jüdischen Lehrern nicht zu Gute kommen, weil diese natürlich in ihren alten Tagen nicht die Speiseoorschriften werden übertreten wollen, die sie so lange treu beobachtet haben. Dazu kommt, daß, abgesehen von einigen wenigen Theilen des Reichs, unsere Rabbiner und Lehrer keinen Anspruch auf staatliche Pension besitzen und zumeist nur Großgemeinden in der Lage sind, Pensionen' zu gewähren. Die Zahl der unversorgten Lehrer-Greise ist dadurch, wie schon eine Umfrage exgeben hat, eine verhältnismäßig große. Daraus erwächst für unsere Glaubensgenossen die Pflicht, ein jüdisches Lehrerheim zu gründen, wo , die iyr heiligen Berufe ermatteten Greise (Rabbiner und . Lehrer) streng nach den Vorschriften der Religion leben und doch all die Segnungen