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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-21 · Heft 51 (21.12.1894) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 51 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
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611 banger Andacht seinem herrlichen Gesänge lauschte, wie ganz anders klangen da aus seiner Brust die uralten, jüdischen Melodien, denen schon in langer Borzeit Israels Borfahren gelauscht; und diese Macht des Gebetes, die seinen Vätern n»d Urvätern schon wie der himmlische Thau gewesen, und die sie stets wieder aufgerichtet und ihnen neue Kraft gegeben in der Zeit der Noth und der bittersten Verfolgung — über ihn hatte.es seine Macht verloren? seinem Herzen gab es die ersehnte Ruhe nicht? „Nein, nein!" kam es stöhnend aus seinem Munde, „nein! ich vermag's nicht länger!" Es war lautlos stille geworden um ihn — in seinem Innern aber gährte und stürmte es, und seine wild erregten Sinne jagten ihn auf. Er war erregt im Zimmer umhergegangen; jetzt trat er an den Kamin hin, auf dem heute kein Licht angezündet war, nur die sieben Flömmchen des Chanuka-Lichtes, die auf der silbernen Menorah angezündet waren, brannten mit mildem, sanftem Leuchten. Die Menorah — ja, heute war der siebente Tag des Chanukafestes, und darum mußte mau sieben Lichter anzündeu, und es war Sonnabend gewesen und er hatte im Tempel vorgebetet; und dann hatten sie Gesellschaft gehabt des Abends, weil heute der Geburtstag seines Vaters war. Dieser Geburtstag, er mußte lachen! Es hatte seine eigene Bewandtniß damit: sein Vater kannte nicht das Datum seines Geburtstages — et wußte nur, daß in seinem Elternhause dieser Tag stets am siebenten Tage des Chanukafestes gefeiert wurde, und so sollte es auch im Hause des Sohnes bleiben, und die silberne Menorah mit den geschnitzten golveuen Engeln an beiden Enden hatte schon damals dazu geleuchtet, und sie sollte es noch bis ans Ende seiner Tage. Er war in einen Lehnstuhl gesunken, der neben dem Kamin stand, und bedeckte die Augen mit seinen fieberheißen Händen. O, und denken zu müssen, daß sich auch mein Leben im Angesicht dieser Menorah vollenden wird, Jahr um Jahr wird sie mir leuchten, ich werde, alt werden, und dann werde ich hingehen, ungekannt und ungenannt ein Dasein enden, das mir nichts gebracht und doch so viel versprochen hat. . . . Aber nein! nein! Ich will nicht so enden! Noch fühle ich Kraft in mir, alle die alten Vorurtheile von mir zu werfen, alles das abzuschütteln, das mir dnrch jahrelange Gewöhnung anhaftet — ich fühle es: ein Gott hat mir das Talent gegeben, und diesem Gotte will ich dienen! Ich kann nicht leben in dieser Enge — ich ersticke — es zieht mich hinaus mit Macht — hinaus in das Getriebe, in die Welt des Glanzes, des Ruhmes und der Unsterblichkeit! Ich bin ein Künstler, lind mein ganzes Leben sei der Kunst allein geweiht! Verzeihet, Vater, mein Weib! verzeiht! aber es lebt etwas in mir, das mich hinwegträgt über das Alltägliche, und diesem Etwas will ich folgen. ... Ein glückliches Leuchten zog über sein Antlitz, noch einmal suchten seine Blicke die Menorah, auf der mit sanftem Leuchten die sieben Flämmcheu brannten, dann versank er in tiefes Sinnen. . . * Die Oper war zu Ende. Wagen auf Wagen fuhr in den Porticus des Opernhauses, Damen in rauschenden Toiletten, bedeckt mit strahlende» Diamanten, Herren in tadellosestem Gesellschaftsanzuge eilten zu den bereitstehende» Wagen, immer und immer noch strömten neue Theaterbesucher aus dem Hause; schier unerschöpflich flnthete die Menge aus allen Ausgängen. Es war heute ein glanzvoller Abend gewesen im Opernhause: Ein Ereigniß, das alle kunstsinnigen Bewohner der Stadt aufgerüttelt hatte, und an dem theilzunehmen sich Niemand wollte entgehen lasten: Benno Wald, der große Sänger, dem ein glänzender Ruf vorausgegangen war, hatte heute Abend den Amonasro gesungen, und eine Stimme des Entzückens herrschte im ganzen Hause. Die Stimme des Gastes war unvergleichlich schön; ein prächtiger Barriton mit einer vollen, dunklen Färbung, den Stimmen der größten Künstler der Jetztzeit überlegen — und dabei das Spiel! das war kein Spiel mehr, nein, das war die vollendetste Wiedergabe der Gestalt, wie sie der Tondichter gesehen und wie sie seinem Auge beim Schaffen vorgeschwebt haben mußte! Welch erschütternde Tragik wußte der Gefeierte der Gestalt seines Helden zu geben; wie das stürmte und tobte, wie das wilde Blut des Aethiopiers raste, und wie der Künstler all den entfesselten Stolz und die wilde Rachsucht des gefangenen Aethiopierfürsten malte; das war kein Spiel mehr! Die Hörer durchzuckte grenzenlose Bewunderung; wie gebannt hingen alle Blicke an der hohen Gestalt des Sängers, und athemlos lauschte man den vollen sieghaften Tönen, die seiner Brust entquollen. (Schluß folgt.) (^Usein Fels, mein Heil du in den Höhe», Dir ziemet Ruhm und Preis fürwahr; Bald seh' ich neu dein Haus erstehen Und bringe Dank und Opfer dar. Der Feinde hündisch wilden Schaar Wirst du dann rächend offenbar. Und im Gepränge Der Festgesänge Erhebt sich dir der Weihaltar. Ich lebt' in Sturm und Ungewittern, In Gram und Leid erschöpft, erschlafft. In hartem Frohne mußt' ich zittern. In der Egypter Sklavenhaft; Doch deines Armes Wunderkraft Zog mich aus der Gefangenschaft, Und Pharaonen Und Reich und Kronen, Wie Stein hat sie das Meer entrafft. -nx npö Von Dr. Leo Hirschfeld. Hoch ragte meines Tempels Mauer, Auch dort mein Glück von dannen flog. Der Feind trieb mich ins Reich der Trauer, Wo blöde ich dem Götzen log. Den Trank des Taumels gierig sog. Da kaum vom heimischen Pfad ich bog. Bis meine Schaaren Nach siebzig Jahren Aus Babel Serubabel zog. Agag, der Tanne stolzes Prangen Zu tilgen jäh von Gier erfüllt. In seinem eig'nen Netz gefangen Fiel er und lag, so trotzend wild Jemini ragt, ein Glanzgebild, Doch Fluch und Tod den Feind verhüllt Und seine Sprossen Und Schmachgenossen Am Pfahle auf dem Schandgefild. j Da einst mich Jawan überfallen! Und mit dem Hasmonäer ficht. Zerstört er Burg und heil'ge Hallen, Schont selbst geweihten Oeles nicht. Ein Krüglein blieb noch, karg und schlicht. Und Röslein schaut ein Wunderlicht; Drum setzten Weise Zu Ruhm und Preise Als Fest der Tage acht zur Pflicht. Gott! strecke deinen Arm aufs Neue, Befrei' uns bald, uns ist so bang; Schau' die für dich in Glaubenstreue Geblutet in der Bösen Zwang.! Der Hilfe Stunde säumt, zu lang; Noch bebt dein Volk in Druck und Drang. Der Feind zerstiebe. Uns weih' in Liebe Zu uns'res Retters Festempfang.

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