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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-21 · Heft 51 (21.12.1894) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 51 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 610 (sequence 10)
Language
German
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610 Gesenkten Hauptes, vor Kälte und Erregung zitternd, drängt er sich durch die über das Trottoir wogende Menge. Er hatte es nicht eilig. Obgleich es schon dämmert, ans den Handlungen bereits das Licht der Gasflammen dringt und der Wind zu pfeifen beginnt, geht er langsam, gemeffenen Schrittes, nur von Zeit zu Zeit stürzt er sich erregt vorwärts oder stößt mit einem Passanten zusammen. Wohin hätte es ihn denn auch drängen sollen? Besitzt er ein Haus, wo es warm und gemüthlich ist? Hat er ein einziges Wesen, welches ihn jetzt begrüßen, ihm die Hand drücken, ihm ein sanftes, zärtliches Wort sagen wird? Auch zu Hause war er niemals geliebkost worden, aber dort hatte er dennoch den Mittelpunkt der ganzen Familie gebildet, und während der Ferienmonate sich an andere Klänge, an andere Empfindungen gewöhnt, jetzt fühlte er sich so krank. Noch mehr als das, er fühlte sich gedemüthigt. Warum das, warum? Er hatte sich, den Menschen vertrauend, bittend genähert. Er glaubte an ihre Güte und bat sie um einige Strahlen dieses Wohlwollens, welches ihm die zu immer helleren Bahnen, immer höheren Gipfeln, zur Verwirklichung seiner Träume führende Milchstraße geworden wäre. Jetzt aber sah er, als was er betrachtet wurde, nicht als der Ertrinkende, der um Rettung fleht, sondern als der Verirrte, nach einem Wegweiser Suchende. Dies empörte ihn. Ich bin kein Bettler, sagte er sich. Was denn sonst? fragte eine innere Stimme. Ein Bettler, nur ei» Bettler bist du. Ein kalter Schauder ergriff ihn, in ihm brannten Schani und Schmerz. Denn wie ist es eigentlich? überlegte er. Ich gehe nicht von Hans zu Haus, sondern zu gewissen, mir bezeichneten Menschen. Das ändert aber nichts an der Natur der Dinge. Wenn ich jedoch dies nicht thäte, könnte ich hier nicht leben. Ich niuß also. Wie er früher, während der hitzigen talmudischen Dispute mit der Zunge, den Händen und mit dem ganzen Körper zu debattiren gewohnt war, so gestikulirte er auch in seinem Selbstgespräch äußerst lebhaft. (Fortsetzung folgt.) „Am Brunnen vor dem Thore." Eine Chanuka-Geschichte von Carl Griot. . . Und seine Zweige rauschten. Als riefen sie mir zu: Komm' her zu mir. Geselle! Hier find'st du deine Ruh." Langsam und schwermüthig waren die Töne durch den Saal gerauscht, — das Lied war zu Ende, und noch immer umfing cs die Gesellschaft mit unnennbarem Zauber; eine athemlose Stille herrschte, nichts regte sich, als die vollen Akkorde verklungen waren, die der prächtigen, dunkeln Baritonstimme sekundirt halte». Jetzt aber wurde ein Beifall laut, dessen Ende wohl nicht so rasch abzusehen war; und der Herr des Hauses, dem die Beifallskundgebungen der eleganten Gesellschaft galten, dankte mit halbem Lächeln den.Schmeichelworten und der lauten Bewunderung, die ihm von allen.Seiten entgegengebracht wurde. „Ach! Ich bitte Sie, Herr Professor, noch den Schluß!" „Ja, bitte, bitte, noch die letzte so wundervolle Strophe." i " „O! Sie haben uns einen unvergänglichen Genuß bereitet, liebster Professor. Der große Meister selbst hätte eine vollendetere Wiedergabe seines Liedes nicht gewünscht, als Sie uns heute geboten. Werden Sie uns noch durch den Vortrag eines andern Gesangstiickes erfreuen?" «Ja, ja, Pas wäre reizend!" riefen jetzt mehrere Stimmen, und zugleich unidrängten einige besonders entzückte Zuhörer den Sänger, der mit einem' sonderbaren Ausdruck in den Augen vor sich hinstarrte; mechanisch hob er das Notenblatt, das er noch in den Händen hielt, und es leuchtete auf in seine» Zügen, aber plötzlich zuckte es um seine Lippen, und mit einem müden Lächeln ließ er die Hände mit dem erhobenen Notenblatt sinken und neigte leicht den Kopf. ' Aber da näherte sich die Gattin des Professors demselben, und sich mit einer bittenden Geberde an die "Gäste wendend, sagte sie in leicht entschuldigendem Ton: „Bitte, wollen Sie meinem Mann verzeihen, wenn er für heute nicht mehr Ihrem Wunsch entspricht, — aber," setzte sie mit einem liebenden Blick auf den Gatten fort, „er ist so angegriffen heute — und nun gar jenes Lied — ich weiß nicht, was es ist, aber es übt immer eine merkwürdige Gewalt auf ihn aus — er ist dann stets so nachdenklich. Am besten, wir lassen ihn allein," schloß sie lächelnd, „und begeben uns in mein Zimmer." „Das wird das Beste sein," meinte jetzt hinzutretend ein Freund des Hauses, „kommen Sie, Frau Professor, bitte, geben Sie mir Ihren Arm, und wir wollen drinnen bei Ihnen ein kleines, lustiges Spielchen arrangiren." „Ich wette, daß unser lieber Professor dann bald aus seiner Schwermuth erwachen und uns den Vierten abgeben wird," sagte lachend ein Anderer, und im nächsten Augenblick war der große Musiksalon leer, und die ganze fröhliche Gesellschaft, die heute bei Professor Benno Grünwald zu Gaste war, war der Hausfrau gefolgt, und einige Minuten später vernahm man schon heiteres Lachen und fröhliches Geplauder. Die Gattin aber war, nachdem sie ihre Gäste installirt, »och einmal an die Thür des Musikzimmers gekommen; leise, fast unhörbar zog sie die schweren Portieren zusammen, und ihr Gatte war allein. Jetzt blickte er auf, und ein zerstreutes Lächeln erschien auf seinen Lippen. Müde sah er um sich. Was war das? Hatte er nicht jetzt eben gesungen und man hatte ihn von allen Seiten beglückwünscht? Und früher, noch ehe er in seinem Hause war, was war es denn, an das er nicht denken mochte, und das sich seinem Denken doch stets mit so siegender Gewalt wieder aufdrängte? Ach! und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust — ach, ja! da hatte er ja auch gesungen, aber nicht wie hier, im glanzvoll erleuchteten Saale, umwogt von schönen Frauen, umrauscht von glühender Bewunderung — nein! da, wo er gesungen, war nichts von alledem — aber seine Seele sehnte sich mit Macht nach dieser Umgebung, sein stürmender Geist verlangte nach jenem Weltgetriebe, nach ewigen rauschenden Festen, nach Glanz und Pracht und nach all' dem Sonnenschein des Lebens! Aber hatte er ihn denn nicht, diesen Sonnenschein? Glich sein Leben nicht einem ruhigen, heiteren Pfade, auf dem kein Straucheln möglich, war sein Dasein an der Seite seiner liebenswürdigen Gattin nicht das denkbar harmonischste? Und sein Beruf? Konnte es Würdigeres, Erhabeneres geben, als die Doppelstellung, die er als Lehrer am vornehmsten Kunstinstitute der Stadt und als Oberkantor der großen Synagoge einnahm? Mußtees sein Herz nicht mit Befriedigung erfüllen, wenn er seinen Schülern die holde Lehre der Tonkunst vortragen durfte, und dann, welch süßes Gefühl mußte nicht seine Brust schwellen, wenn die Gemeinde im Tempel mit

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