Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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609 Darauf erwiederte Jizchak nichts mehr. " „Da haben wir es, das ist es eben," ereiferte sich der Advokat. „Menschen, . . . Miezchen! . . . von dunkler Herkunft, ohne Namen, ohne Vergangenheit, kommen zu uns und saugeil . saugen uns aus. Du ater . . . Miezchen! . . . 'Du arbeite im Schweiße Deines Angesichts, mit dem Aufgebot aller Deiner . . . Kräfte . . . liebes, armes Miezchen . . . arbeite bei Tag und bei Nacht. . . . Was?. Thut es noch weh? Was? . . . Uno vergeude dann fort, mit dem Schweife, Spitzbübin! . . . Dein sauer erworbenes Geld, . . . meii» Herzenspinkerl Du! . . ." Hier warf er sich, wahrscheinlich infolge-der erwähnten schweren Arbeit, pustend in den Lehnstuhl. „In wessen Hände wäre die eventuelle Gabe zu deponiren?" wandte er sich wieder an Jizchak. „Ich verstehe nicht." - „Ich kann sie doch Euch nicht einhändigen." „Warum?" „Hm . . . hm! . . . Hört, junger Mann . . . kleine Bestie. . . Suchet es so einzürichten. Wenn der Doktor Alles in die Hand ninimt, . . . das heißt, wenn er . . . zum Beispiel ... die Namen der Spender in irgend welcher Zeitung drucken ließe. . . . Miezchen, wirst Du ruhig liegen, . . . dann ... werde ich .. . sehr gern, ... ich ziehe mich nicht zurück, . . . kennt doch die ganze Stadt . . . meine Bereitwilligkeit, . . . Miezchen, Du Hnndeiratur, ... wo es sich uin eiiie gute Sache handelt, . . . ja. . . . Sagen Sie also dem Herrn Doktor, daß ich mich ihm empfehlen lasse, daß ich, . . . Miezchen! ... ihn bald sprechen werde, ... und daß ich jeder Zeit zu Diensten stehe. . . . Nicht wahr? ... Auf Wiedersehen! ... Miezchen! ..." Jizchak war nicht mehr im Zimmer. XI. Welch' widerwärtiger Mensch ist dies! sagte er sich, nachdem er die Kanzlei verlassen hatte. — Der hat eine Hochschule absolvirt, ist ein Rechtsgelehrter? Na, na, ein schöner Anfang. Er las die zweite Adresse: „Sr. Wohlgeboren Herrn Heimann, Präsident der jüdischen Kultusgemeinde." „I. Heimann, Hauscigenthümer," lautete die Aufschrift auf der Thür des nahegelegenen Hauses. Er klopfte. Herr Heimann war zu Hause. Mittlerer Größe, breit gebaut und stämmig, ging er im Speisezimmer auf und ab und hörte seiiler Frau zu, welche ihm aus der neuesten deutschen Zeitung vorlas. „Sieh nur!" rief er soeben. „Diese Unverschämtheit beginnt mich zu ärgern. Zu schreiben, daß die Hauseigenthümer die armen Miether bedrängen, daß sie Renten beziehen, welche sie nicht selbst erworben haben, aber keine Rücksicht üben. . . . Oho! wir kennen Sie, Herr ,Korrespondent!" Das Stubenmädchen reichte die Karte. „Vom Herrn Doktor A." Die Frau erhob sich. „Ich bin lleugierig zu hören, was dieser..." „Was?" brummte der Gatte. „Der Teufel hole ihn sammt seinen ewigen Ermahnungen zum Wohlthun." Sich dem an der Thür wartenden Jizchak nähernd, fragte er: „Seid Ihr derjenige, dessen unser lieber Doktor erwähnt?" „Ja." „Das ist sehr schön, sehr schön. . . . Aber, was kölinen wir anfangen? Eine einmalige Hilfe kann nicht viel nützen." Er hatte dies im Jargon so drastisch ausgedrückt, daß Jizchak erröthete. „ „Ich verlange kein Almosen. . . ." . Herr Heimann lächelte unter dem rothen Schnurrbart. ' „Das weiß ich, deshalb versuche ich gar nicht, Euch welches anzubieten." „Ich suche Arbeit." „Das ist es eben. ... Es wäre mir lieber, einige Gnlden heransznnehmen, als . . ." Jizchak erinnerte sich an den auf der Adresse gelesenen Titel. „Vielleicht die Vorsteher der jüdischen Gemeinde." . „O, da sind Sie in einem Jrrthum! Ich eben bin der Präsident.. .- der Finanzsektioil und weiß sehr gut... Wo sind wir im Stande... Wir haben so viele Arme — bei der jetzigen Zeit! Ach! Die einst wohlhabende Bürger waren, bedürfen heute der Unterstützung; wie können wir lins mit Fremden — Auswärtigen abgeben .. „Kann ich Weggehen?" „Wartet ... es ist mir sehr peinlich. Ich würde so gerne etwas für den werthen Doktor thun." Er begann nachzudenken und zupfte an seinem Barte. „Richtig," hier betrachtete er Jizchak ernst und forschend. „Nehmen Sie Platz und erzählen Sie mir, was Sie eigentlich nach Lemberg führt." Jizchak setzte sich, und der Herr Präsident begann ihn auszufragen und hörte ihm sehr aufmerksam zu. Es war ihm offenbar eine sehr wichtige Idee aufgestiegen. „Habt Ihr wirklich die redliche Absicht zu arbeiten?" „Den ehrlichen, unerschütterlichen Willen." „Als Handwerker?" „Ich habe, wie gesagt, ganz andere Absichten. Aber einstweilen, um leben zu können, bin ich zu jeder Arbeit bereit. Wenn mir nur Zeit zum Lernen bliebe." „Das ist bitter. Ich werde Euch sagen. Ich bin auch Mitglied einer gewiffen, alljährlich mehrere Handwerkerstipendien vertheilenden Stiftung." „Warum nicht für Unterrichtszwecke?" „Weil wir vor Allem Arbeiter brauchen, Gelehrte haben wir geiuig." „Wir Juden?" wandte Jizchak verwundert ein. „Fehlt es uns doch am meisten an Licht und Wissen." Herr Heimann gehörte augenscheinlich nicht zu Denjenigen, welche mit ihren Parteien lange Gespräche pflegen. „Kurz und gut," unterbrach er ihn, „unsere Gelder sind blos für Handwerker bestimmt. Ich möchte gerne den Wünschen des, theuren Doktor Genüge thun, aber das Wohl unserer Stiftung liegt mir am Herzen. Für so problematische Zwecke kann ich kein Geld verschleudern." Jizchak zögerte mit einer entscheidenden Antwort. „Uebrigens," schloß Jener, „wird der Konkurs erst in einigen Monaten, zu Neujahr ausgeschrieben. Bis dahin wollen wir uns verständigen, werde ich noch die Ansicht des Doktors hören. Stuf Wiedersehen also! Bitte meine Empfehlung auszurichten." XII. Jizchak fand sich auf der belebten, bewegten, lärmenden Straße. Die Vorübergehenden rannten einander an, eilten Jeder dem Geschäft oder dein Vergnügen nach, Jeder in Gesellschaft oder welche suchend. Jizchak fühlte stch arm und verlaffen. Eine dicke, schwere Falte durchschnitt seine Stirn, traurige, düstere Gedanken bedrückten ihm die Seele, i Wie in einem mit kochendem Waffer überfüllten Gefäß der Dampf zischt und den Deckel hebt, so wurde sein schwächlicher Körper von dem Andrang neuer Gefühle und Eindrücke erschüttert.