Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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608 Während der ganzen Zeit der Gefangenschaft lebte Gordon als orthodoxer Jude, ließ sich den Bart wachsen und beobachtete mit peinlichster Gewissenhaftigkeit alle religiösen Observanzen. Jeden Sabbath wurde unter Theilnahme von zehn erwachsenen Männern Gottesdienst abgehalten. Die Ostwand des Raumes, in welchem gebetet wurde, war mit den zehn Geboten geschiniickt; rechts davon hing der Gebetmantel des Lords, links hingen die Gebetriemen. Gordon war jedoch nicht blos äußerlich Jude, sondern er besaß auch ein echt jüdisches Herz. Obgleich selber mittellos und von der Gnade seines Bruders, des Herzogs Alexander, lebend, war er seinen ärmeren Mitgefangenen ein unermüdlicher Wohlthäter und stets bereiter Helfer. Diese hingen denn auch mit schwärmerischer Liebe an ihm. Ueberhaupt wußte er Alle, welche mit ihm in Berührung kamen, durch se inherzliches und liebenswürdiges Benehmen zu bezaubern. Die fünf Jahre der Haft gingen zu Ende, aber man weigerte sich, ihn aus dem Gefängniß zu entlasten, bevor er nicht eine hohe Kaution für ein vierzehnjähriges Wohlverhalten hinterlegt hätte. . Gordon hatte, wie gesagt, kein Bermögen, und auch die beiden Juden, welche Bürgen sein sollten, besaßen nichts. Bei der Verhandlung, welche hierüber stattfand, beleidigte er ohnedies den hohen Gerichtshof. Er erschien vor demselben mit Kopfbedeckung und weigerte sich, sie abzunehmen, weil dies gegen die jüdische Sitte verstieße. Als ihm der Gerichtsdiener mit Gewalt den Hut vom Kopfe riß, bedeckte er sich schnell mit einem bereitgrhaltenen Käppchen. Solches Benehmen war natürlich nicht dazu angethan, ihm die Richter günstig zu stimmen. So mußte er denn wieder zurück ins Gefängniß. Hier erlag er bald darauf einem hitzigen Fieber, noch nicht ganz 42 Jahre alt (1. November 1793). Der letzte Wunsch. des Sterbenden war gewesen, auf dem jüdischen Gottesacker zu ruhen. Die Bitte blieb unberücksichtigt; man bestattete ihn vielmehr auf dem Kirchhofe der St. James-Kapelle, Hamstead Road?°) ck Auf dem Wappenschild der Gordon stand die Devise: „Berufen,'«' auserwählt und treu." Lord George glaubte sich berufen, dem Bolke, welches er für das auserwählte hielt, anzugehören, und treu ist er ihm gewesen — bis in den Tod. v III w g<j«iii!iiLüni>nLiHiii[ii»ituinnimiiiHiKUjrgnLrf«i::iii»ujrsniLnii;ii!minwntiJ4ii:.imiifTn!i-^iii,i.u,iiTni.-.r, ifflmDEPmKKi I * I FEUILLETON lü II 1 SilMllM!! ÄIIMlUAUIWr M gs>aiiimniniu4niii:m.iiwiiMinniminimuiiiiiiU!inrii'jiiiMii>uiiwniuiiiiiiiniiiMiiimii|iimininiuniiii>LininiM!iir«i»ii ■ ...^ I —1 mumnnumnrr/ MkMMiW I-- Der Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) X. 'it wild pulsirenden Schläfen verließ Jizchak den Doktor. Er hatte jedoch keine Zeit, sich über alle empfangenen Eindrücke und Empfindungen Rechenschaft zu geben, denn er hatte es eilig. Er fühlte, wie seine Tasche immer leichter, die Sorge um das „Morgen", inimer schwerer wurde. Vielleicht warJ er jetzt auf dem Wege der Rettung. Auf dem Umschlag des ersten Schreibens las er: Sr. Wohlgeboren Herrn Dr. Mader, Landesadvokat. d *) The historical and tfie posthumous memoirs of N. W. Wraxalir vol. I. London 1884, p. 254. Jizchak erfragte die Wohnung. Er klopfte. Nachdem er länger als zehn Minuten gewartet, zog er die Glocke. Äus der Thüre blickte das pausbäckige Gesicht einer Dienstmagd: „Was wollt Ihr?" „Zum Herrn." „Kommt in einer Viertelstunde wieder; der Herr schläft. Es ist noch keine Bureauzeit." Der Bittsteller ging die Stiege herunter. Um die Zeit und den leeren Magen auszufüllen, kaufte er sich eine Semmel für vier Kreuzer, setzte sich auf eine Bank der nahegelegenen Promenade und begann z» speisen. Von dem Rathhausthurme schlug es Drei. Jizchak läutete wieder. Es erschien daffelbe dicke Gesicht, und eine dünne Stimme piepste: „Gehen Sie in die Kanzlei, hier ist der Salon." Gegenüber dieser Thür befand sich in der That eine zweite mit der Aufschrift: Dr. S. Mader, Landesadvokat. Büreau. In einem großen Hellen Zimmer waren einige Herren an den mit Akten und Büchern bedeckten Tischen beschäftigt. Er näherte sich dem Zunächststehenden, ihm seinen Brief überreichend. „Das ist für den Herrn Advokaten," sagte dieser. Jizchak glaubte, schlecht getroffen zu haben. „Wo ist Herr Dr. Mader?" fragte er. „Dort." Auf den Zehenspitzen, uin die Arbeitenden nicht zu stören, trat Jizchak an die offene Thür. Er sah sich an der Schwelle eines eleganten Zimmers, desten Fußboden glänzte, besten Wände von Bildern, dessen Decke von goldiger Malerei und einem Kronleuchter strahlten. In der Mitte stand ein großer Schreibtisch, vor welchem in einem weichen Lehnstuhl der Herr Advokat selbst ruhte. „Was ist?" fragte er mit näselnder Stimme. „Zum Herrn Advokaten!" „Bitte näher." Jizchak trat näher und befand sich einem, soweit er beurtheilen konnte, sehr klein gewachsenen Herrn gegenüber. Sein Kopf machte den Eindruck eines riesigen Fettklnmpens, den man mit einem kleinen, grünlichen, ewig zwinkernden Augenpaare, einem breiten Mund und einer Gurkennase versehen hatte. Dieser Herr trug eine gestickte Hauskappe auf dem Kopfe, auf dem Schooße aber liebkoste er ein ebenfalls fettes und kleines Hündchen, welches träge in die verschwommenen Augen seines Herrn blickte. Jizchak stand bescheiden am Schreibtisch, während der Herr das Billet in Empfang nahm. „Von wem?" fragte er. „Von Herrn Doktor A." „Ah," und das weiche Gesicht des Herrn Mader legte sich in Falten, daß es an ungegerbtes Leder erinnerte. — „Schon wieder." Er las die Karte und schnellte von seinem Sitz empor. „Diese Menschen wollen mich wirklich zu Grunde richten," platzte er hervor, das Hündchen heftig abschüttelnd. Dieses begann, zu winseln. „Miezchen, mein liebes, armes, einziges Miezchen," rief der Landadvokat, bückte sich stöhnend nach dem Thier und küßte das zottige Köpfchen. „Thut es sehr weh?" und er glättete es mit seiner weichen, wohlgepflegten Hand. „Wer ist Er eigentlich?" wandte er sich an den Bittsteller. Dieser gab demüthig Bescheid, daß er von der Provinz gekommen sei, um hier zu lernen. „Hm ... hm ... wir kennen das. . . . Aber wer beschäftigt sich denn mit Ihnen?"