Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 607 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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607 Derjenige, welcher als Vorsitzender der „Protestant-Association" die ganze Bewegung leitete, war der sehr ehrenwerthe Lord George Gordon, dritter Sohn des Herzogs Cosino George Gordon, Sproß einer uralten schottischen Adelsfamilie, die ihren Ursprung ans den mythischen König Gordios zurückführte. Warum ich diese Geschichte den Lesern der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" erzähle? Nun, wenige Jahre nach jenem Krawalle wurde eben dieser Lord George Gordon in der Hambro-Synagoge, London, als R. Israel ben Abraham Abinu zur Thora aufgerufen und spendete im Mi-Scheberach hundert Pfund Sterling an die Armen. Er war kurz zuvor in Birmingham durch Rabbi Jacob in den Bund Abrahams aufgenonimen worden. Was in aller Welt hat Se. Lordschaft bewogen, Jude zu werden? Die Zeitgenossen waren schnell fertig mit ihrem Urtheil: „Der Mann ist verrückt!" Aber James Picciotto bemerkt hierzu mit Recht: „Der Uebertritt von der in sich gespaltenen Kirche mit ihren vielumstrittenen Dogmen zu dem einfachen und einheitlichen Glauben der Synagoge könnte eher als Zeichen von Weisheit denn von Wahnsinn gelten."* 2 * 4 * *) Hinneigung zum Judenthum war und ist unter den Engländern gar nicht selten zu finden. Wollen die Engländer doch selber Israeliten, Nachkommen der zehn Stämme, sein, und Paulus Caffel hat sich gemüßigt gesehen, diese Prätension in einer besonderen Schrift zu widerlegen?) Selbst in den Jahrhunderten, wo kein Jude englischen Boden betreten durfte, hören wir von Engländern, welche wegen jüdischer Glaubensmeinungen zur Rechenschaft gezogen wurden.8) Cromwells „Eisenseiten", die Begründer der englischen Freiheit, schöpften ihre Begeisterung zum Kampfe gegen die Tyrannei aus dem Alten Testament. Gideon, Jehu und Juda Makkabi waren ihre Lieblingshelden und Vorbilder. Ein puritanischer Prediger wünschte geradezu der Knecht Israels zu werden und dem Volke Gottes auf den Knieen zu dienen?) England hat zwar zuerst von allen europäischen Staaten die Juden aus dem Lande getrieben, aber es hat auch zuerst von allen den Versuch gemacht, ihnen Bürgerrecht zu verleihen (1753). Als man darüber im Parlament verhandelte, äußerte ein Abgeordneter die Befürchtung, wenn die Bill durchginge, würde der Judaismus alsbald zur fashionablen Religion unter den Engländern erwachsen?) Da, wo die Edelsten der Nation dem Judenthum solche Sympathien entgegenbrachten, ist es nicht zu verwundern, wenn auch ein Edelmann für dasselbe gewonnen wurde. Cherchez la femme! Vielleicht war auch die Liebe zu einer edlen Jüdin auf seinen Entschluß nicht ohne Einfluß?) Uebrigens soll gar nicht geleugnet werden, daß der edle Lord für alles Seltsame und Excentrische eine große Vorliebe hegte. Seit 1774 Mitglied des Unterhauses, erregte er nicht blos durch Haltung und Kleidung, sondern oft auch durch jährlichsten. Vgl. außerdem Biographie universell« XVII, 187 et suiv. > Nouvelle Biographie geniale XXI, 278; Encyclopaedia Britannica X, 782; besonders Dictionary of National Biography XXII, 197. lieber fein Verhältniß zum Judenthum macht I. Picciotto (Sketches of Anglo- Jewish history, London 1875, p. 183 seqq.) interessante Mittheilungen, leider ohne Quellenangabe. Eine romanhafte, aber auf gediegenem Quellenstudium beruhende Schilderung giebt Dickens im Barnaby Rudge ') J Picciotto, Sketches of Anglo-Jewish history, London 1875, p 185 2) P. Cassel, die Abstammung der englischen Nation, Berlin 1880- , 3) 6. Voetii select. disput. theol. pars II, Ultraj. 1655, p. 99. I- I- Schudt, jüdische Merkwürdigkeiten, Theil I, Frankfurt 1717, S. 538. 4) Graetz, Geschichte der Juden, Band X, S. 94.. 0 M. Brosch, Geschichte von England, Band VIII, Gotha 1893, S. 305. b) Dickens, Barnaby Rudge, eh. 82. brüske Unterbrechung der Verhandlungen unliebsames Aufsehen. Aber es wäre doch übereilt, deswegen an seinem Verstand zu zweifeln. Dieselben Unarten, welche man Gordon nachsagte, wurden auch an dem jugendlichen d'Jsraöli getadelt, und doch ist aus ihm Lord Beaconsfield, der Stolz Albions, geworden. Ich weiß nicht, ob damals noch in England das Gesetz galt, welches den Abfall von der Kirche als Verbrechen bestrafte; jedenfalls wurde es gegen den vornehmen Apostaten nicht in Anwendung gebracht. Aber man wußte ihn in anderer Weise zu -treffen. Die Engländer sind bekanntlich gegen individuelle Eigenheiten, selbst wenn sie noch so seltsam erscheinen, höchst tolerant, und nirgends findet man daher soviel Originale wie jenseit des Kanals. Aber wehe dem, welcher es dort wagt, den nationalen Sitten und Vorurtheilen ins Gesicht zu schlagen. Das ist shocking-, das verzeiht kein Engländer; ein solcher ist verfehmt, geächtet, gesellschaftlich todt. Das erfuhr in unserem Jahrhundert auch Lord Byron, nachdem inan ihn erst wie einen Gott geehrt hatte, und dieselbe Erfahrung mußte Lord Gordon nach seinem Uebertritt machen. Der Vorwand, unter welchem man ihn strafte, war deutlich genug als solcher erkennbar. Als er kurz nach dem gefährlichen von ihm erregten Aufstande wegen Hochverraths vor den Schranken stand, hatte die Jury ein freisprechendes Urtheil gefällt; jetzt verurtheilte man ihn zu der exorbitanten Strafe vou 5 Jahren Gefängniß und 500 Pfd. Sterling Geldbuße, weil er von einer fremden Fürstin unehrerbietig gesprochen und Mißstände in der englischen Justiz- und Gefängnißverwaltung, allerdings in wenig schonender Weise, aufgedeckt hatte. Beide Vergehen gereichen ihm aber keineswegs zur Uuehre. Im ersteren Falle handelte es sich um die Königin Marie Antoinette von Frankreich, welche damals in der berüchtigten Halsbandgeschichte von den Meisten für schuldig erachtet wurde, und Lord Gordon hatte seiner Entrüstung über ihre Handlungsweise im „Public Advertiser" einen vielleicht etwas zu energischen Ausdruck verliehen. Die Grausamkeit der englische« Justiz in der „guten, alten Zeit" ist bekannt genug. Damals war noch das Gesetz „der guten Königin Beß" in Kraft, nach welchem ein Kind, das, von Hunger getrieben, eine Kleinigkeit entwendete, gehängt worden sollte?) Auf den aller Beschreibung spottende» Zustand der Gefängnisse hatte schon ein Jahrzehnt zuvor John Howard in einer sensationell,, Schrift hingewiesen, ohne daß jedoch die Regierung daraus Veranlassung genommen hätte, irgend etwas zur Abhilfe zu thun. Die Erbitterung darüber drückte nnserm Gordon die Feder in die Hand, und wir werden es nicht so hart wie seine damaligen Richter beurtheilen, wenn er dabei die englischen Perrücken etwas unsanft gezaust hat?) Am 28. Januar 1788 mußte er seine Haft in Newgate antreten, aber man gestattete ihm, im Gefängnisse als Grand-Seigneur zu leben. Er sah täglich Tischgesellschaft bei sich, und alle vierzehn Tage gab er seinen Freunden einen großen Ball. Dabei verfolgte er mit dem regsten Interesse die hochwichtigen Ereignisie, welche sich gerade damals abspielten. So manche politische Flugschrift von seiner Hand ging aus den Kerkermauern von Newgate hervor, und diejenigen, welche ihn durchaus zu einem Verrückten stempeln wollen, können sich nicht genug darüber wundern, daß diese Schriften durchweg eine gesunde Logik zeigen und in kräftiger, formvollendeter Sprache abgefaßt sind. 0 G. F. Kolb, Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. II, Leipzig 1885, S. 594. 2) Die Verhandlungen stehen ausführlich in The Annual Register for tlie year 1787, London 1789, I, p. 239 seqq.