Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 606 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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606 Herr befindet sich bereits in vorgerückten Jahren, hat indeß diesen Hinderungsgrnnv durch Verzichtleistung auf jeden -Pensionsanspruch - zu beseitigen verstände». Ferner wurde an Stelle des bisher dort als Kantor und Lehrer wirkenden Herrn A. Levin Herr I. Bär aus Reichenbach in Schlesien berufen. — Man klage bei Leibe nicht mehr darüber, daß dys Einkommen der jüdischen Kultusbeamten ein so geringes sei, daß es ihnen nicht möglich, einen Spargroschen für spätere Zeiten zurückzulegen. Durch Folgendes werden wir eines Anderen belehrt. In Lyk starb in jüngster Zeit die Wittwe des früheren Schames der Gemeinde, Jtschko genannt. Die Leutchen hatten immer das armseligste Leben geführt, schienen sich schwer zu ernähren, und man nahm an, daß sie ihre Existenz nur dadurch erhalten konnten, daß sie noch einen kleinen Handel mit Grünzeug trieben. Wie mußte man daher erstaunen, als man in dem Nachlaß der nun verstorbenen Frau Schames nicht weniger als 5000 Mark — sage fünf Tausend Mark in Gold vorfand! Dabei war es ihr möglich gewesen, 400 Mark nach Jerusalem zu schicken, um sich dafür Erez Jisroel-Erde zu erwerbe», welche ihr nun auch mit in das Grab gegeben wurde. Wie man erzählt, hat die Verstorbene meist auf dem Fußboden geschlafen und hinterließ doch nicht weniger als acht Satz Betten. Da Kinder nicht vorhanden sind, wird der reiche Nachlaß an die sonstigen armen Angehörigen von ihr gelangen. — Zu einer Notiz, welche die „Gumbinner Zeitung" über den in jüngster Zeit in Posen getagten „Jüdischen Lehrer-Verein" brachte, hat das Blatt folgende Bemerkung zu machen: „Es ist eine der ersten Forderungen, die nationalgesinnte Männer stellen müssen, daß die Lehrer der deutschen Jugend auch Deutsche seien. Ein deutschisraelitischer Lehrerbund hat daher keine innere Berechtigung." Man könnte im ersten Augenblick in diesem freundschaftlichen Hinweis etwas Wahres finden, wenn man nicht zugleich an die vielen Vereine zu denken hätte, die sich das Epitheton „deutsch" zu eigen gemacht, ohne daß man sich darüber besonderen Gedanken hingegeben. — In einer Zeit, wo der vorherrschende Materialismus mit seinem verderblichen Einfluß dem religiösen Leben so nachtheilig wurde, daß er zur Jnnehaltung der Sonntagsruhe eines Staatsgesetzes bedurfte, ist es gewiß bemerkenswerth, daß ein öffentlicher Disput darüber stattfinden kann, welchen von beiden Tagen, ob den Sonnabend oder den Sonntag, mit Recht zu feiern man eigentlich angehalten sei. Die hiesigen Zeitungen brachten in jüngster Zeit Einladungen zu Vorträgen, in welchen die beregte Frage zum Austrag gebracht werden sollte. Wir selbst fühlten nicht das Bedürfniß, uns persönlich von dem zu überzeugen, was dort gesprochen wurde. Aber einer der christlichen Prediger hiesigen Orts begab sich in eine dieser Versammlungen, um die dort aufgestellte Behauptung, daß der Sonnabend recht eigentlich der Tag des Herrn sei, welchen zu feiern man verpflichtet ist, zu widerlegen. Die „Pr. Litth. Zeitung" berichtet darüber: „Als Redner trat ein auswärtiger Herr, deffen Namen wir nicht erfahren haben, auf. Er empfahl die Feier des Sabbaths als einzig richtige, von Gott gewollte, und suchte seine Lehre aus der Schrift, hauptsächlich dem Alten Testamente, zu begründen, zog dann Zeugnisse aus der Kirchengeschichte, sowie den Bekenntnißschrifte» der lutherischen wie katholischen Kirche herbei. Da er im Verlauf eines Vortrages die Frage in die Versammlung hinein warf: wenn ihn Jemand widerlegen wollte, wäre er gern bereit, dazu das Wort zu ertheilen, meldete sich Herr Prediger Heinrici, dem es — freilich nur nach einigem Zögern — gestattet wurde, zu sprechen. Aus der Praxis der jungen Apostolischen Kirche erwies derselbe, daß der Apostel Paulus es ablehnte, den zum Christenthum bekehrten Heiden die jüdischen Feiertags- und Sabbathgesetze aufzulegen. Er führte zu diesem Zwecke einzelne Stellen aus dem Neuen Testamente an. Den Vortragenden weiter zu widerlegen, wurde Herr Prediger H. dadurch verhindert, daß man ihn — allerdings in höflicher Form — nicht weiter reden ließ, worauf die Versammelten sich still entfernte^." Von einer erhebenden feierlichen Handlung hat Ihr Korrespondent bereits aus Königsberg berichtet: Am 2. d. M. fand dort in der Hauptsynagoge die Vereidigung der zur Zeit in Königsberg sich aufhaltenden russischen Unterthanen mosaischer Konfession statt, anläßlich der Thronbesteigung des Zaren Nikolaus des Zweiten. Dem Akte ging ein Trauergottesdienst für den verstorbenen russischen Kaiser Alexander III. voraus. Man muß wohl sagen, daß die ganze so überaus erhebende Feier den Eindruck hinterlaffen, daß die Juden, welcher Nationalität sie auch immer sein mögen, dem Fürstenhause in einer Weise nahe stehen, die das Wohl und Wehe desselben in ihrer eigenen Empfindung ganz und gar aufgehen läßt. Sie folgen hierbei nur dem Impulse, der ihnen von ihrer Religion eingegeben, die niemals etwas anderes gekannt oder gewollt, als daß ihre Bekenner die von Gott eingesetzten Landesmonarchen ganz nach dem Maßstabe ihrer erhabenen Bedeutung hochzuhalten und zu verehren haben. Aus Hunderten von Citaten aus Bibel und Talmud läßt sich dies Nachweisen; das monarchische Prinzip wird von den Juden als die feste Säule betrachtet, worauf ebensowohl das Heil des ganzen Landes als das Wohlergehen jedes Einzelnen in ewiger Sicherheit ruht. Dieses Bewußtsein wird den Juden, welche Kämpfe ihnen auch noch bezüglich ihrer Gleichberechtigung bevorstehen mögen, niemals abhanden kommen, und niemals wird ein Staat unter seinen Angehörigen beffere Patrioten besitzen, als wie es die Bekenner des Judenthums stets sein werden. Drei vornehme Proselyten aus dem achtzehnten Jahrhundert. i. Lord George Gordon. Z Von Dr. N. Samter. MMo popery! tobte es in den ersten Junitagen des Jahres 1780 ‘Aswk durch die Straßen Londons. Aufgeregte Volksmaffen durchwogten die Stadt, die schlimmsten Exceffe verübend. Es war ein förmlicher Aufruhr, zu deffen Dämpfung ein ganzes Heer, Reguläre und Miliz, aufgeboten werden mußte. Und die Veranlassung? Das englische und namentlich das schottische Volk wollte es nicht dulden, daß einige Härten in den Ausnahmegesetzen gegen die Katholiken gemildert würden: No popery! 0 Von den Zeitgenossen geben N. W. Wraxall (The historical and the posthumous memoirs of N. W. W, vol. I, London 1884, p. 254 seqq.) und Horace Walpole (Letters ed. by P. Cunningham, London 1859, VII, 328, IX, 123; Journal of the reign of King Georg III., vol. II, London 1859, p. 403 seqq.), besonders aber sein Freund R. Watson (Life of G. Gordon, Edinburg 1795) die zuverlässigsten Nachrichten. Im Annual Register (1780, p. 190 seqq., p. 254 seqq.; 1781, p. 217; 1787, p 239 seqq) ist alles aus seine politische Thätigkeit und seinen Prozeß Bezügliche zusammengestellt. Von neueren Geschichtschreibern sind Schlosser (Geschichte des 18. Jahrhunderts, IV5, Heidelberg 1864, S. 281 ff.) und Lecky (History of England rin the Eighteenth Century, vol. III, London 1882, p. 510 seqq.) am aus-