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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-21 · Heft 51 (21.12.1894) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 51 (21.12.1894)
Date
1894-12-21
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
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605 innigkeit und zur religiösen Erbauung führen soll, jeden Stein des Anstoßes zu entfernen, ist eure heilige Aufgabe. Seid ihrder Meinung, daß die Beibehaltung des alten Gebetbuches mit seinen Stier- und Lämmeropfern, mit seinen dem Betenden in den Mund gelegten Gelübden: „Dort (in Jerusalem) wollen wir dw darbringen die ständigen Opfer, nach ihrer Ordnung und die Zugabeopfer nach ihrer Vorschrift", mit seinen, schier unendlichen Worthäufungen wie: (2'L'1 N!28) „wahr und gültig, festgegründet und ewig bleibend, gerade, treu, bewährt, lieblich und theuer, voll Anmuth und holdselig, erhaben und gewaltig, wohlgeordnet und wohlgefällig, gut und schön ist dieses Wort für uns auf immer und ewig"' — glaubt ihr, daß die Beibehaltung dieses alten Gebetbuches dem religiösen Leben förderlich ist: .nun so haltet daran fest, es wird euch Niemand ein anderes aufdrängen. Wünscht ihr aber nicht, daß Israel von allen vier Enden der Erde nach feinem Lande hin gesammelt werde; huldigt ihr der Ansicht, daß der Opferdienst nur ein Zugeständniß an nunmehr veraltete Anschauungen gewesen,^ und daß seine Wiederherstellung nimmermehr erstrebens- und begehrenswerth sei: dann gebt auch in euren Gebeten der Wahrheit die Ehre und laßt euch nicht durch Furcht oder durch falsche Rücksichten bestimmen, mit euren Lippen auszusprechen, woran euer Herz keinen Theil hat, spannt eure Zunge nicht als einen Bogen der Lüge, legt muthig eine Lanze ein für die Wahrheit und seid versichert: es ist ein Gott wohlgefälliges Gebet, wenn ihr als treue Israeliten in euren Andachtsstätten das Lob des Höchsten erschallen laßt, wie es in dem neuen Gebetbuche schlicht und innig zum Ausdrucke kommt. In mir lebt die zuversichtliche Hoffnung, daß das neue Gebetbuch unter dem Beistände Gottes, dessen Siegel die Wahrheit, und der an Liebe und Gerechtigkeit Gefallen hat, den Gemeinden Israels zum Segen gereichen wird. Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbe!. m 22. Oktober d. I. erging an uns von Seiten des Kommandeurs des hier garnisonirenden 33. Füsilierregiments die Anfrage, ob wir bereit wären, die eingetretenen Rekruten jüdischer Konfession für ihre Vereidigung vorzubereiten und im Falle der Bejahung Zeit und Stunde hierzu zu bestimmen. Solches ist bisher oder doch wenigstens seit zehn Jahren nicht geschehen. In früherer Zeit fand die Vereidigung selbst von uns und in hiesiger Synagoge statt, ist aber später unterblieben, und wie wir zu vernehmen Gelegenheit hatten, wurden die jüdischen Rekruten ohne vorhergegangene Vorbereitung von unserer Seite von ihrem Offizier vereidigt. Welcher Umstand zu dem jetzigen Verfahren Veranlassung gegeben hat, ist uns unbekannt. Wir erklärten uns selbstverständlich zu dem Verlangten bereit und bestimmten die Nachmittagsstunde des gerade an diesem Tage treffenden Schemini azereth-Festes dazu. Unter dem Geleit ihrer Unteroffiziere erschienen denn zur angegebenen Zeit 15 der eben erst eingekleideten jungen Soldaten in der Synagoge. Man sah es ihnen Allen an, wie neu sie sich noch in der Uniform fühlten, aber auf allen Gesichtern war die Entschlossenheit zu gewahren, dem mm zugeführten militärischen Beruf in der möglichsten Weise gerecht zu werden. Nachdem wir nun in erster Reihe den jungen Leuten die Wichtigkeit des Eides i) Als ein Zugeständniß an die menschliche Schwäche faßt ihn schon Maimonides auf. „Führer der Verirrten" III, 32 u. a. . überhaupt ans Herz gelegt, kamen wir auf die Ehre zu sprechen, die ihnen durch den Eintritt in das deutsche Heer zu Theil geworden, die sie nur dadurch aufs Beste zu würdigen im Stande seien, daß sie sich bemühen, .durch Pünktlichkeit im Dienste das Wohlwollen der Vorgesetzten für sich zu gewinnen, und durch Hingebung und Treue bis in den Tod für unfern Kaiser, den obersten Kriegsherrn. Wir machten sie dann noch darauf aufmerksam, um wie vieles leichter ihnen der Dienst werden wird, wenn sie mit freudigem Eifer an denselben gehen, und daß sie als Juden eine besondere Genugthuung darin suchen sollen, das Zeugniß gethaner Schuldigkeit sich erworben zu haben. — Der Eindruck, den der Tod des Zaren bei unfern Glaubeusbrüdern im benachbarten Rußland hervorgerufen, ist kaum ein anderer als derjenige, welchen der Heimgang des gewaltigen Machthabers im Allgemeinen zu erzeugen vermocht hat. Sie meinen, daß betreffs der politischen Maßnahmen, die von jeher gegen die Juden in Rußland gebräuchlich gewesen, eine Bessergestaltung nur mit sehr geringen Erwartungen in Aussicht zu nehmen ift.§ Die Juden würden nach wie - vor mit dem Loose einer nur geduldeten Menschenklaffe sich bescheiden müssen. Die russischen Juden in ihrer Mehrheit, insoweit wir sie keimen, besitzen indeß eine Resignation in dieser Beziehung, die wohl nicht strikt lobenswerth zu nennen ist, ihnen aber doch die Möglichkeit verleiht, sich mit den schwierigsten Verhältuiffen abfiuden zu können. Wenn man ihnen nur die freie Ausübung ihrer Religionsgesetze nicht unmöglich macht und ihnen die Aufbringung ihres bürgerlichen Lebensunterhalts unbenommen bleibt, so verstehen sie von allem Andern abzusehen. Rußland hat sich seine Bevölkerung nach dieser Richtung hin trefflich erzogen. Gottesdienst und Zarendienst bilden die Motore in der Entwickelungsgeschichte der russischen Nation. Man meine nicht, daß die religiöse Gläubigkeit nur bei den Juden in Rußland zum Hharakterzeichen geworden, nein, das ganze Zarenreich geht darin auf. Der Russe gewöhnlichen Schlages führt sein Gebetbuch mit derselben Gewissenhaftigkeit mit sich, wie es der Jude derselben Nation nicht unterläßt, und dieser Umstand schuf uns einst folgendes Quiproquo: Wir trafen nämlich auf einer Reise nach Königsberg beim Eintritt in das Koupee einen Mann, andächtig in einem dicken Buch lesend, an, dessen äußere Erscheinung in der frappantesten Weise den polnischen Juden wiedergab. Der lange Rock, die Pudelmütze und der graue Bart thaten sich zusanime«, uns glauben zu machen, daß wir einen Glaubensgenossen von jenseits der Grenze vor uns hätten. Das eifrige Beten aus dem Buch bestärkte uns noch in unserer Annahme; kennen wir ja doch die Pflichtmäßigkeit, welche sich der polnische Jude mit Bezug auf das Beten bewahrt, wo weder Zeit noch Umstände ihn daran hindern können, dieser Obliegenheit nachzukommen. Einen Augenblick benutzend, wo der Betende in seiner Lektüre innehielt, richteten wir die Frage an ihn, ob er nach Königsberg fahre. Darauf erfolgte keine Antwort, aber der Manu sah mich mit Augen ' an, die mich erkennen ließen, daß er uns nicht verstanden. Wir wiederholten unsere Frage, aber mit gleichem Mißerfolg. Ein neben uns sitzender Mitreisender meinte hierauf, daß der Mann sicher kein Deutsch verstünde und wohl ein Stockruffe sei. Wir richteten hierauf einen prüfenden Blick auf die immer noch fortlispelnden Lippen desselben und von da auf den Inhalt des Buches, und gewannen bald die Ueberzeugung, daß der Betende kein Jude und das Buch kein Szidur sei. — ... In Tilsit wurden in jüngster Zeit die zwei vakant gewesenen Kustusbeamteustellen wieder besetzt, und zwar die des Predigers durch Herrn Dr. Ehrlich, bisher in Riga in dieser Stellung, von dort aber seiner deutschen Zugehörigkeit wegen ausgewiesen. Der

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