Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 604 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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604 geoffenbart, seinen Willen ihnen kund gethan, uns berufen, die Einheit seines Namens zu bekennen und seinem Dienste uns zn weihen." Im Abendgebet hat dieser Gedanke folgenden Ausdruck erhalten (S. 121, 249, 343): „Israel hast du mit deiner Liebe behütet alle Zeit, hast es aus dem Dunkel des Irrwahns zum Licht des reinen Glaubens und zur Erkenntniß deiner Einheit und Heiligkeit geführt." In den Festtagsgebeten (S. 357 u. a.) kehrt derselbe Gedanke in folgender Fassung wieder: „Deine Vaterliebe hat einst Israel fcerrufen, dein Wesen und deinen Willen zu künden den Geschlechtern der Erde und durch den Wandel im Lichte deiner Lehre zur Verherrlichung und Heiligung deines Namens beizutragen." Darin, sollte ich meinen, spricht sich ein edler Stolz auf die uns gewordene Auszeichnung und das freudige Selbflbewußtsein, Nachkommen der von Gott erkorenen und in den Bund mit Gott eingetretenen Vorfahren zu sein, deutlich und feierlich aus. Daß aber in den modernen Gebetbüchern die Worte durchweg oder in der Regel gestrichen sind, hat seinen triftigen Grund. Wir wollen verhüten, daß die Freude über nnsern weltgeschichtlichen Beruf in Ueberhebung ausarte, wir wollen Gott tagtäglich aus Herzensgründe danken für seine an Israel bewiesene Huld und Gnade, aber unser Dank soll in demüthiger Form erklingen, soll nichts Verletzendes für Andere enthalten, soll auch die uns von anderen Völkern trennendeil Momente nicht unnöthig hervorheben. Wie der wahre Patriotismus des Bürgers höchste Tugend ist, um derentwillen auch der Angehörige eines fremden Staates ihn achten muß, der Chauvinismus aber mit Recht als ein Zeichen von Selbstüberschätzung gilt und in den Augen Anderer verächtlich macht; so kann es unserem religiösen Sinne mir frommen und zur Festigung unserer heiligen Ueberzeugungen dienen, wenn wir uns in unseren Gebeten mit Begeisterung daran erinnern, daß Gott uns "seinem Dienste erkoren und lins einen erhabenen Beruf verliehen hat; aber es darf dieser Erinnerung nicht der Gedanke angefügt werden, daß andere Völker sich einer solchen Auszeichnung nicht erfreuen, weil hierdurch wohl unser Selbstgefühl und unsere Eigenliebe, aber nicht unser Pflichtgefühl und unsere Berufstreue gesteigert wird. Daß Gott Israel aus allen Völkern auserwählt hat, ist eine geschichtliche Thatsache, ebenso wie das Sterben der Erstgeborenen Aegyptens vor dem Auszuge Israels und wie der Untergang des Aegypterheeres im Schilfmeere. Allein das freisinnige Judenthum ist der Meinung, daß es völlig ausreichend ist, im Gebete nur der Berufung Israels als Verkünder der Gotteslehre, seiner Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft und seines Durchzuges durch das rothe Meer dankend Erwähnung zu thun, ohne dasjenige hervorzuheben, was leicht ein Gefühl des Hochmuths oder der Schadenfreude Hervorrufen könnte. Weirn man uns entgegenhält, daß Katholiken und Protestanten sich gegenseitig des Irrwahns bezichtigen, so ist das ihre Sache. Wir haben keine Veranlassung, unser religiöses Selbstbewußtsein durch derartige Momente zu heben, wir brauchen nur der uns von der Gottheit erwiesenen unzähligen Wohlthaten uild des uns gewordenen hohen Berufes zu gedenken, um mit freudiger Hingabe die uils auferlegten Pflichten zu erfüllen und die von uns verlangten Opfer, und seien sie noch so schwer, zn bringen. Wahrlich! Nicht die Furcht vor den Antisemiten, sondern unsere eigene bessere Erkenntniß und unser sittliches und ästhetisches Empfinden veranlaßt uns, solche Verbesserungen im Kultus vorzunehmen. Schon vor vier Jahrzehnten, als der Antisemitismus noch nicht einmal dem Namen nach bekannt war, haben hochangesehene Gemeinden diesen Standpunkt eingenommen und seitdem unentwegt festgehalten, wie das in Breslau bereits im Jahre 1854 eingeführte Geiger'sche Gebetbuch genugsam arthut. Es schlägt darum den offenkundigsten Thatsachen ins Gesicht, wenn die Orthodoxie den Antisemitismus in die Gebetbuchsfrage hineinzerrt und den Vertretern des religiösen Fortschritts, die ihrer innersten heiligen Uederzeugung in ihren Gebeten zu dem himmlischen Vater, dem Hüter Israels, geeignete Worte leihen wollen, Feigheit und Antisemitenfurcht vorwirft. Es gehört in unseren Tagen, wie Jeder weiß, großer persönlicher Muth dazu, als Rabbiner eine freisinnige Auffassung des Judenthums öffentlich zu bekunden, weil die orthodoxe Preffe in ihreni Fanatismus die reinsten Absichten verdächtigt und vor keinem Mittel zurückschreckt, um die Ausbreitung der Reform zu verhindern. Oder ist es etwa nicht verwerflich, in einer internen religiösen Angelegenheit die Blutlüge in Gesecke, die Fälschungen der Rohling, Brimann-Justus und Ecker ins Gefecht zu führen und darauf hinzuweisen, daß sie von Westfalen, von Münster und Paderborn ausgegangen sind, auch des in der „rheinlälldischen Nachbarprovinz" gelegenen Städtchens Xanten, betrübenden Angedenkens, Erwähnung zu thun? Als ob nicht auch in den vorzugsweise von orthodoxen Juden bewohnten Provinzen der Antisemitismus seine wüstesten Orgien gefeiert hätte, als ob nicht Xanten selbst eine orthodoxe Gemeinde wäre? Es ist eine wahre Schmach, die allen Juden, freisinnigen wie strenggläubigen, angethan wird, daß man in einer Polemik über ein jüdisches Gebetbuch es wagen darf, sich einen solchen Satz zu leisten: „Sollten unsere Glaubensgenossen in den westfälischen Gemeinden nichts vom Antisemitismus erfahren haben?" worauf dann unmittelbar die vorhin angedeuteten traurigen Vorkommnisse, deren Schauplatz Westfalen und die Rheinprovinz gewesen ist, erwähnt werden. Ein Streit, der mit solchen Waffen ausgefochten wird, ist gekennzeichnet durch das Wort unserer Weisen: : aprinb naio p» mar nr«» np^na „Ein Streit, der nicht um Gotteswillen geführt wird, stiftet Unheil und führt nicht zum Ziel." Was sonst von den Orthodoxen gegen das neue westfälische Gebetbuch ins Gefecht geführt wird, ist zn kleinlich, um eine Erwiederung zu verdienen. Jeder Laie weiß, daß die in ünsern Gebeten vorkommenden ermüdenden Wiederholungen und Häufungen der Begriffe der Andacht nur schaden, und daß eine Kürzung der Gebete dem Gottesdienste zum Vortheil gereicht. Die Gegner der religiösen Reform wissen sehr wohl, daß das, was ihre Opposition gegen das neue Gebetbuch vornehmlich herausfordert, die konsequent durchgeführte Umänderung der Stellen, in denen die Sehnsucht nach der Rückkehr in das heilige Land und nach Darbringung von Thieropfern zum Ausdrucke kommt, den Anschauungen der überwiegenden Mehrheit der deutschen Juden entspricht. Darum hüten sie sich, gegen diese Aenderungen Front zu machen und greifen nur diejenigen Umgestaltungen an, die es ihnen ermöglichen, ihren prinzipiellen Widerspruch gegen jede Verbesserung des Kultus durch hochtöneilde Phrasen zu verdecken. Sie fühlen es, daß die religiöse Reform sich nicht länger aufhalten läßt,- daß namentlich die Gebildeten unter den deutschen Juden das neue Gebetbuch, das dem geläuterten religiösen Bewußtsein Rechnung trägt/ freudig begrüßen; sie fürchten, daß die Verbreitung dieses Gebetbuches ihrer Herrschaft in den kleineren Gemeinden ein Ende bereiten wird. Darum suchen sie einzelne nebensächliche, der Widerlegung nicht einmal bedürftige Punkte heraus, führen den Antisemitismus ins Feld und hoffen, ängstliche Gemüther dadurch abschrecken zu können. Laßt euch nicht bethören, ihr freisinnigen Glaubensdrüder, denkt an eure Kinder! Sie für das'Judenthum und seine hohe Mission zu erwärmen und zu begeistern, von der Bahn, die sie zur Glaubens-