Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 603 (sequence 3)
- Language
- German
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603 tnan sollte eine ähnliche Bestimmung in die Geschäftsordnung des österreichischen Parlaments einstigen"' (Großer Lärm bei den Antisemiten.) Der Präsident entzieht dem Redner das Wort. Scheicher wandte sich gegen den Kultusminister, worauf ihn der Präsident zur thatsächlichen Berichtigung mahnte. Lueger fiel dem Präsidenten ins Wort. Der Präsident rief Lueger zu, er solle sich nicht so unanständig benehmen. Lueger dagegen: „Ich werde Ihnen das Wort „unanständig" schon .. Die weiteren Worte Luegers blieben im allgemeinen Sturm unverständlich. Ein anderer warf Menger, der als Generalredner der Linken gesprochen hatte, vor, er habe die christliche Studentenschaft beleidigt durch die Behauptung, die christliche Studentenschaft könne nichts anderes als trinken und auf die Juden schimpfen. Lueger versicherte. Alles, was Schlesinger erzählte, sei wahr. Er griff dann den Kultusminister an und sagte unter Anspielung aus die Erzählung der antisemitischen Blätter, daß der Bezirkshauptmann Dunajewski, ein Sohn des ehemaligen Finanzministers, der eine Tochter Madejskis heirathete, auf einen höheren Posten berufen sei, und daß ein Dr. Rosner aus Galizien, der eine Nichte Madejskis heirathete, eine hohe Stellung im Unterrichtsministerium erhielt. Erst nach längerer Zeit trat wieder Ruhe ein. In der gestrigen Sitzung versuchten die Antisemiten den straffreien Abdruck eines beschlagnahmten Hetzartikels eines antisemitischen Wochenblattes, der sich gegen die Juden richtete, herbeizuführen, indem sie den Artikel in eine Interpellation an den Justizmiiiister aufnahmen. Die Verlesung der Interpellation mit dem Hetzartikel in der öffentlichen Sitzung des Abgeordnetenhauses Hütte dessen Wiederabdruck in den Parlamentsberichten ermöglicht. Der Präsident Chlumecky vereitelte aber die Absicht, indem er ans Grund der Geschäftsordnung, welche dem Präsidenten das Recht einräumt, im Interesse des Parlaments gewisse Angelegenheiten mit Ausschluß der Oeffentlichkeit zu behandeln, die Verlesung dieser Interpellation in geheimer Sitzung an ordnete. Die Verlesung fand denn auch nach Schluß der öffentlichen Sitzung statt. Da über die geheimen Sitzungen kein stenographisches Protokoll ausgegeben wird, so fällt die Möglichkeit der straffreien Veröffentlichung fort. * Englische Blätter schreiben: „Wir haben allen Grund, zu glauben, daß, bevor Rothschild mit der russischen Regierung über die neue Anleihe verhandelte, von demselben die unerläßliche Bedingung gestellt wurde, daß die bedrückte Lage der Juden in Rußland berücksichtigt werden sollte. Wir glauben, kein Geheimniß zu verrathen, wenn wir sagen, daß Versicherungen gegeben wurden, welche die russische Ehre engagirt haben, und wonach die Juden fernerhin auf russischem Gebiet nicht mehr beunruhigt werden sollen. Wir wissen nicht, ob diese Nachricht sich bestätigt. Ist dies aber der Fall, so wird nur der verbohrteste Antisemit es mißbilligen können, wenn Lord Rothschild sich seiner unterdrückten Glaubensbrüder in Rußland annimmt. * Aus Rußland kommen jetzt übrigens fortwährend Nachrichten, die als Vorboten eines neuen Kurses gelten können. So wird berichtet, daß der Zar angeordnet hat, die Durchführung aller in der letzten Zeit verfügten, jedoch noch nicht vollzogenen Ausweisungen von Juden aus Orten, die außerhalb ihres Aufenthaltsrayons liegen, sowie aus Orten in der Nähe der Grenze, haben zu unterbleiben. Des ferneren soll der Zar der Intention Ausdruck gegeben haben, die Einschränkung der Anzahl der jüdische» Studirenden an russischen Hochschulen auf fünf Prozent der Gesammtzahl der Studirenden aufzuheben. Endlich ist gestern General Gurko in Warschau seines Postens als Generalgouverneur, von Polen enthoben worden. Noch einmal das nette westfälische Gebetbuch. Ein Mahnwort an die freisinnigen jüdischen Gemeinden. Von Rabbiner Dr. Vogel stein in Stettin. „Sic spannen ihre Zunge als einen Bogen der Lüge, s -j und nicht für die Wahrheit schalten sie im Lande." n dieses Wort des Propheten Jeremias erinnert das Treiben der orthodoxen Blätter anläßlich des von dem Verbände der Synagogengemeinden Westfalens herausgegebenen, von mir bearbeiteten Gebetbuches. Die Sachkundigen, die mit den seit einem halben Jahrhundert in Deutschland unternommenen und in vielen Großgemeinden durchgeführten Versuchen einer Reform des Gottesdienstes einigermaßen vertraut sind, fühlen sich angewidert und vermögen es nicht zu begreifen, warum denn ein in allen wesentlichen Punkten nach denselben Grundsätzen verfaßtes Gebetbuch, wie die seit langen Jahren in der großen Synagoge zu Berlin und in der Hauptsynagoge zu Frankfurt am Main im Gebrauche befindlichen, für den religiösen Sinn so verderblich sein solle, daß man seine Abfassung als einen „Frevel am Heiligthum" zu bezeichnen wagt. Was in Berlin und Frankfurt die Gemüther zum Höchsten erhebt und von echt religiösen und weihevollen Empfindungen durchglüht sein läßt, das soll in Westfalen und in den Gemeinden, die das neue Gebetbuch einführen wollen, gottlos und frevelhaft sein? Allein die Absicht ist klar; man spekulirt einfach auf die Unkenntniß der Leser, man stellt die Sache so dar, als wäre etwas ganz Neues, Unerhörtes geschehen, als hätte der Berfaffer des Gebetbuches einen Angriff auf geheiligte, bisher für unantastbar gehaltene Institutionen des JudenthumS gemacht, den zurückzuweisen Ehre und Pflicht gebieten. Mit großer Emphase wird da ein Ausspruch des Dr. Joel citirt, „daß man wohl bescheiden sein könne für seine Person, aber nicht für seine Religion, daß der Jude stolz sein solle auf die unvergleichliche Gabe, die uns Gott verliehen." Diesen Stolz auf die Israel zutheil gewordene Gabe soll ich nun dadurch verleugnet haben, daß ich inich auf die Formel beschränkt habe: „Du hast uns auserkoren", ohne die Worte „aus allen Völkern" (D^n-S^D) hinzuzufügen, daß ich in der Habdalah die drei Worte „zwischen Israel und den Völkern" pa) gestrichen und die Formel 26)2^1) in das „unhebräische" umgeändert habe. Daß aber derselbe Dr. Joel in seinem bereits 1872 herausgegcbenen Gebetbuch dieselben Weglassungen und Veränderungen dutzendweise vorgenommen haN), wird einfach verschwiegen. Was soll man von einer solchen Polemik halten? Kämpft ihr für eine gute Sache, warum bedient ihr euch solcher Waffen? Kann der hohe Beruf Israels, kann das erhebende Bewußtsein, von Gott zu Trägern und Verkündern seiner Lehre erkoren zu sein, einen feierlicheren Ausdruck finden, als 'es in dem neuen Gebetbuch an unzähligen Stellen geschehe»? Im Morgengebet heißt es (S. 15): „Wir aber sind deine Gemeinde, die Kinder deines Bundes, die du deinem Dienste erkoren, und denen du deine Lehre gegeben hast, auf daß sie der Leitstern unseres Lebens, der Gegenstand unserer Liebe und Verehrung sei." Und ferner (S. 57,162, 390): „Du hast den Vätern das Gesetz des Lebens geoffenbart, hast Israel zum Träger deines göttlichen Wortes erkoren, daß es deinen Namen verherrliche und dein Reich fördere auf Erden." Im Schlußgebet (S. 105 u. a.) findet sich die Stelle: „Er hat unseren Vätern sich S. Joel: Gebetbuch, Erster Th-il S. SO, 82, 174, 177, 210, 211, 218, 228, 804. Zweiter Theil S. 10, 30, 88. 93, 106, 139, 168, 191, 251. 278, 331, 363, 403, 415, 442, 457.