Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Me Woche. Berlin, 18. Dezember. f ie Ouvertüre zu den antisemitischen Reden hat anläßlich der Etatsberathung am 13. d. M. der Abg. Zimmer mann — freilich ohne sonderliche Wirkung — gespielt. Er sagte in seiner Rede u. A.: Herr Bachem hat betont, das der öffentliche Friede, besonders in Ostpreußen, Posen, Pommern, gefährdet worden sei, das bestreite ich nicht So haben im Wahlkreise Schlochau-Flatow die werthen Mitbürger mosaischer Konfession hinter dem Abgeordneten Bindewald hergerufen: Schlagt sie todt, die Christenhunde! Hier zeigt sich, wer den Unfrieden in die Bevölkerung trägt. Nach den Ausführungen der Umsturzvorlage soll insbesondere auch die „Religion" geschützt werden. Dieser Wortlaut scheint uns höchst bedenklich. Wir haben vor Allem die christliche Religion in Schutz zu nehmen. Die Sozialdemokraten greifen doch nur das Christenthum an; mir ist wenigstens nicht bekannt, daß auch die Interessen der Synagoge von den Sozialdemokraten bedroht werden. (Sehr richtig! rechts, Lachen links). Daß Herr Bachem mit den Friedensstörern in beit Ostprovinzen die Antisemiten meinte, genirt Herrn Z. nicht. Die Authenticität des Kriegsrufs der Juden in Flatow-Schlochau — bleibe dahingestellt. Weiter sagte Herr Z.: Ein Prozeß in Hannover hat jüngst viel Beunruhigung hervorgerufen. Kein Mensch weiß mehr, was jüdische Religion ist und was nicht. Der dortige Landesrabbiner hat unter seinem Eide als Sachverständiger erklärt, daß der Talmud die maßgebende Gesetzgebung des jüdischen Kultus sei und noch volle Giltigkeit besitze. (Hört, hört!) Andererseits ist von den Rabbinern erklärt worden, der Talmud habe keine Giltigkeit mehr. lHört, hört!) Es ist wiederholt vorgekommen, daß jene Seite (nach links) jede Giltigkeit des Talmud ablehnte. Dann könnte aber doch der nicht wegen Religionsverlästerung bestraft werden, der den Talmud angreift. Das sind widersprechende Zustände, bei denen Klarheit geschafft werden muß. Ich erinnere dabei an den Rabbiner Rahmer in Magdeburg, der in der „Israelitischen Wochenschrift" feststellte, daß zu den Gefühlsantisemiten der allergrößte Theil des deutschen Volkes gehöre, namentlich der Gebildeten, von den Sozialdemokraten abgesehen, und weiter hat er ausgeführt, daß die Sozialdemokratie der einzig starke Damm gegen den Antisemitismus ist. (Hört, Hört! rechts. Sehr richtig, links.) Diese Ausführungen widerlegen am besten das Wort Caprivi's, daß der Antisemitismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie sei. Von all diesen Auseinandersetzungen glauben wir nur den ersten Satz, nämlich daß der Ausgang des Prozesses in Hannover die Herren Antisemiten beunruhigt hat. Am Schluffe seiner Rede macht Herr Z. dem Reichskanzler seine Verbeugung, was ihm aber wohl wenig nützen wird. * Im österreichischen Reichsrath gab es in der vorigen Woche wieder stürmische Scenen. In der Sitzung vom 15. d. Mts. trat Abgeordneter Dr. Menger den Anfeindungen der Antisemiten in einer wirksamen Rede entgegen. Er sagte u. A.: Vor Allem sei es nicht richtig, daß alle großen Industrien in den Händen von Juden sich befinden. Der Abgeordnete Schlestnger sagte: „Unser Naturell empört sich gegen jeden Juden." Wenn er der Geschichte des Handels seine Aufmerksamkeit widmete, würde er selbst zu einer anderen Ansicht kommen. Die Vorwürfe, welche jetzt gegen die Juden hier gemacht werden, wurden ebenso seinerzeit gegen die Hanseaten gemacht, als diese eine so überaus beherrschende Stellung im Handel einnahmen, ebenso gegen die Lombarden, welche namentlich den Geldhandel in einem großen Theile Europas in der Hand hatten, dieselben Vorwürfe macht man derzeit den Deutschen in Rußland und haßt sie ebenso, wie man hier die Leute in den Haß gegen die Juden hetzen möchte. Wahr ist, daß die Juden Jahrhunderte lang gezwungen wurden, sich, weil ihnen alle anderen Erwerbsquellen verschlossen waren, dem Handel zu widmen, und jede Beschäftigung wirkt einigermaßen auf den Menschen zurück, namentlich wenn sie durch so viele Generationen betrieben wird. Die Folge des Antisemitismus ist, daß gerade die gebildeteren Juden oft in herbster Weise beleidigt und gekränkt werden, und daß in dieser Rücksicht viel häßliche Unmenschlichkeit geübt werde. Aber die Folge wird sein, daß die Juden an geistiger Thätigkeit, an Strebsamkeit, an Zähigkeit viel Größeres leisten werden als bisher, und daß sie manche der Eigenschaften, welche sie namentlich durch durch den schroffen Uebergang vom starken Druck zur Gleichberechtigung besessen haben, immer mehr und mehr ablegen. Die Juden gewinnen durch den Antisemitismus, und S:e können es in manchen Wissenschaften ersehen, wie die bedeutenden Leistungen auf diesem Gebiete jetzt in einer zur Zahl der Juden gar nicht verhältnißmäßigen Anzahl von Juden ausgehen. Sie können nicht sagen, daß Habsucht oder ähnliche Leidenschaften die treibenden Motive sind. Das ist eine ideale Thätigkeit, die Thätigkeit für die Wissenschaft. Welche Folgen sieht man aber bei einem Theil der Christen? Ein Gelehrter hat dem Redner, als derselbe darauf aufmerksam machte, daß der größte Theil der Privatdozenten an den hiesigen Hochschulen Juden seien, geantwortet: „Wir suchen Christen, doch die Juden werden immer fleißiger, zäher, werfen sich immer mehr auf die Wissenschaft, während ein Tbeil der Christen glaubt, genug gethan zu haben, wenn sie trinken und auf die Juden schimpfen." (Zustimmung links, lebhafter Widerspruch und Unruhe bei den Antisemiten.) Leider Gottes ist das der Fall. Erkennen Sie (zu den Antisemiten gewendet) das Unglück, was Sie angerichtet haben gerade für die Christen? Wodurch zum Theil wurde denn Wien so groß? Redner verweist darauf, daß die großen Kaufleute des Ostens, welche zum allergrößten Theile Juden sind, sobald sie reich geworden waren, nach Wien kamen und hier ziemlich reichlich lebten. Dadurch sei viel Kapital und Erwerb nach Wien gekommen. Seitdem aber der Antisemitismus eingerissen sei und Wien ein so unglückliches Renommee in dieser Richtung bekommen hat, kommen nur noch die armen Juden nach Wien, aber die reichen Juden vermeiden Wien, soweit sie können, sie gehen nach Budapest, Berlin und Paris. (Beifall links.) Wien leidet sehr darunter, und wenn unsere Kleingewerbetreibenden, unsere Kaufleute klagen, daß ihnen das Brod vom Munde weggenommen wird, so mögen sie wissen, bei wem sie sich zu bedanken haben. Der Abgeordnete Schlesinger ist auf einem sehr irrigen Wege, wenn er dadurch, daß er Haß gegen die Juden schürt, seinem Volke und seinem Lande einen Dienst zu erweisen glaubt. Es ist auch ein großer Jrrthum, wenn man glaubt, die Juden seien identisch mit dem Kapital. Das ärmste Proletariat, welches auf der Welt besteht, mit dem weder die armen Weber im Erzgebirge noch die armen Leute in Irland nur verglichen werden können, das ist das Gros des polnischen Judenthums. Wissen Sie, daß es in verschiedenen galizischen Städten Zimmer giebt, die durch Kreidestriche in vier Theile getheilt sind und in jeder Ecke wohnt eine solche jüdische Familie. Unter diesem Proletariate leiden doch die wohlhabenden und gebildeten Juden noch mehr als wir, denn an diese wenden sich die armen Leute, sobald sie irgendwie in die Nähe kommen. Statt dessen werden diese Leute nur beschimpft und herabgesetzt und der soziale Friede wird gestört. Also eine nützliche Thätigkeit betreiben Sie nicht, und die Geschichte, namentlich die Geschichte Wiens und insbesondere die wirthschaftliche Geschichte Wiens wird einmal ein sehr übles Urtheil über Sie fällen. - Schließlich wendete sich Kultusminister M adejski in den schärfsten Worten gegen Pater Scheicher, der eine sozialistische Hetzrede gehalten, vom Staate in dem wegwerfendsten Tone gesprochen, und von den Bischöfen und Geistlichen behauptet hatte, sie hingen materieller Vortheile wegen vom Staate ab. Madejski wies auf die Zunahme des zersetzenden Geistes unter einem Theile der Geistlichkeit hin, der sich in der Auflehnung gegen die Autorität äußere. Nach Schluß der Debatte folgten thalsächliche Berichtigungen. Abg Dr. Bloch brandmarkte die Behauptung des antisemitischen Abgeordneten Schlesinger, wonach seiner Zeit Cremieux eine Million Fraucs als Preis auf den Kopf des Kaisers Wilhelm I. ausgesetzt hätte; er erklärte, daß schon die Tochter Cremieux' die Verbreitung dieser Lüge als eine Infamie bezeichnte. Bloch rief: „Im alten Rom gab es das Institut der Delatoren, denen man, wenn sie einer Lüge überwiesen wurden, ein 6 (ealummator) auf die Stirn als Strafe brannte;