Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1894)
- Date
- 1894-12-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Serlin, 21. Aezember 1894. 58. Jahrgang. Ar. 51. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-PreiS: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. S M. Redacteur: Guftav KarpeleS. Begründet von Aabbiner Dr Ludwig PHUippsou-üonn. Verlags-Grpedition: Lerlm, Äernsalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition nnv an die Adresse.- Verlag der .Allgem. Zeitung des Juventhums*. Berlin 8^., Zeruialemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Inhltü. Leitartikelr Zur Nachahmung. — Die Woche. — Nock einmal das neue westfälische Gebetbuch. Von Rabbiner Dr. Vogelstein. — Aus Ostpreußen. Von Moritz Scherbel. — Drei vornehme Vroselyten aus dem achtzehnten Jahrhundert. 1. Lord George Gordon. Von Dr. N. Samt er. — Feuilleton: Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feld mann (Forts.). — ..Am Brunnen vor dem THore". Eine Chanukageschichte von Carl Griot. — Maos Zur. Von Dr. Leo Hirschfeld. — Sprechsaal. Der Geineirrdedote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Memel. Ans Westpreußen. Lissa i. P.. Ratibor. Tarnowitz. Weißenfels. Eisenach, Köln. Frankfurt a. M.. Wien. Mogador. — Don Rah und Fern. — Miscellen. Zur Nachahmung. Berlin, 18. Dezember. chon seit Jahren haben wir wiederholt darauf hingewiesen, wie dringend nothwen'oig es sei, die gesammten Wohlthätigkeitsanstalten, namentlich in großen Gemeinden, wie Berlin, Breslau, Frankfurt, München u. 51., nach Möglichkeit zu konzentriren. Wir haben auch eingehend die Schäden dargelegt, welche aus der Zersplitterung der Wohlthätigkeit durch zahllose kleinere Vereine entstehen. Wiederholt wurden verschiedene Anläufe und Versuche nach dieser Richtung hin gemacht; ein wirklicher Erfolg ist aber bisher nur in einer einzigen Gemeinde erzielt worden — und zwar in Hamburg. Dort ist bereits im März 1893 ein Verband israelitischer Wohlthätigkeitsvereine und Stiftungen begründet worden, dessen erster Jahresbericht uns vorliegt. Wir entnehmen demselben eine Reihe von Thatsachen, die von allgemeinem Interesse sein werden. Zunächst ist es für die. Sache selbst wichtig, zu konstatiren, daß die Idee eines solchen Verbandes in der großen Gemeinde, die über so zahlreiche Vereine und Stiftungen versügt, allgemeinen Anklang gefunden, was bei den religiösen und sozialen Grundsätzen, die gerade in Hamburg herrschen,, von Bedeutung ist. Nicht minder wichtig ist es zu konstatiren, daß schon nach dem Erfolg des ersten ■ Jahres das Werk als vollständig gesichert gelten kann. Es gehören dem Verband jetzt schon 25 Vereine an, mehrere andere hohen den Anschluß für später in Aussicht gestellt. Der Bericht bringt die Jahresberichte der einzelnen Vereine und bietet schon dadurch wichtiges Material für eine geordnete Wohlthätigkeitsstatistik. Die Kaffenverhältniffe des Verbandes stellten sich im Jahre 1893 ans 240,000 M. Einnahmen und 122,450 M. Ausgaben. Der Verband bezweckt vor Allem: a) die Pflege der Humanitären Ziele auf Grundlage einheitlicher Auffassung, b) die gegenseitige Förderung und Unterstützung der. dem Verbände ungehörigen gemeinnützigen lind wohlthätigen Vereine, Stiftungen und Anstalten, c) den Austausch und die Verallgemeinerung' sachlich wichtiger Erfahrung. Es ist selbstverständlich, daß der Verband sich vor jedem Eingriff in die Selbstständigkeit wie in die Thätigkeit der einzelnen Vereine grundsätzlich hütet; insbesondere ist kein Verein verpflichtet, die Namen der von ihm unterstützten Personen aufzugeben. Zur Erreichung seiner Zwecke bedient sich der Verband hauptsächlich folgender Mittel: a) einer gemeinsamen Auskunftsstelle sowohl betreffs der Gewährung von Unterstützungen als auch betreffs der Verfügung von wohlthätigen Zwecken, b) der Berichterstattung und Diskussion der Mitgliederdelegirten in ihren Zusammenkünften. Die Mitgliedschaft des Verbandes wird durch einen Jahresbeitrag erlangt, dessen Höhe jeder Verein selbst bestimmt. Derselbe darf jedoch nicht unter 10 M. betragen. Man sieht, die Sache ist sehr einfach und überall leicht durchzuführen, wo nur der gute Wille dazu vorhanden ist. Auch in London und Paris sind, soviel wir wiffen, die Wohlthätigkeitsanstalten konzentrirt. Daß der Gedanke in Amerika Wurzel gefaßt, erscheint nahezu selbstverständlich. Der Hamburger Bericht bringt dafür ein interessantes Beispiel. Auch in New-Jork ist es zur Errichtung eines „llnitaä Charities Building“, einer Heimstätte für sämmtliche Wohlthätigkeitsanstalten, gekommen. Der Plan wurde im Jahre 1890 von zwei Gesellschaften angeregt, aber die zur Verfügung stehende Bausumme von 250,000 Doll, erwies sich als ungenügend. Man suchte durch Sammlungen den Betrag auf das Doppelte zu erhöhen, hatte aber hiermit nur theilweise Erfolg. Da trat eines Tages Mr. John S. Kennedy auf und schenkte ein großartiges Gebäude mit 7 Stockwerken zur Ausführung dieses Planes. Also auch hier gilt das Wort von Goethe: „Amerika, du hast es bester." Eine derartige Institution regt sicher zur Nachahmung an. Freilich, das Ziel solcher Bestrebungen ist die Mitwirkung Aller bei dem Werke einer systematischen Wohlthätigkeit. In diesem Sinne sollen die Verbände wirken, indem sie da, wo die Leistungen des einzelnen Vereins ihren Zweck nicht erfüllen können, die Wohlthätigkeit in die richtigen Geleise führen, indem sie als Auskunftsstelle dienen für Diejenigen, welche in irgend einer Form gemeinnützigen Institutionen Schenkungen oder Legate zuwenden wollen und zu diesem Zwecke sachgemäßen Rath wünschen, endlich, indem sie sachlich tvichtige Erfahrungen verallgemeinern, und dadurch in die Praxis übertragen. Die aus gemeinsamen Gesichtspunkten geübte Wohlthätigkeit gelaugt schließlich zu dem Ideal werkthätiger Liebe, indem sie die Quellen des Elends und der Leiden ausfindig macht und auf deren Hebung ihre Bemühungen richtet. Diese vorbeugende Thätigkeit kann aber nur von Verbänden ausgehen. Möge mau daher überall das Beispiel, das Hamburg gegeben, nachahmen. *