Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-14 · Heft 50 (14.12.1894) · p. Seite 600

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 50 (14.12.1894)
Date
1894-12-14
Page
Seite 600 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228091--51337-3274196
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

v.f» habe ich keine Neigung. Denn eine Verständigung mit einer solchen einseitig chauvinistischen Meinung, welche auf der Seite unserer Glaubensgenossen alles Recht und bei den Gegnern alles Unrecht sieht, erscheint als aussichtslos. Jeder Einsichtige wird mir darin beipflichten, daß auch bei uns Juden noch Manches der Verbesserung fähig und dringend bedürftig ist. Der Hinweis auf die von Jedermann beklagten unglücklichen russischen Juden entbehrt jeder Beweiskraft, da mein Artikel nur die Zustände in Deutschland behandelt, nicht die in Rußland. Den ruhigen Leser kann ich getrost auf die Lektüre meines Artikels selbst verweisen, dessen einzelne Ausführungen ich lediglich wiederholen und aufrecht erhalten müßte Der Mangel an sachlichen Gegenargumenten soll anscheinend durch einen von übermäßiger Entrüstung getragenen, durch keine Beweiskraft getrübten Pathos verdeckt werden. Oder soll man beispielsweise annehmen, Herr Hirsch habe mit der Behauptung, „mein antisemitisches Pamphlet treibe Wasser auf die Mühle der Antisemiten", diese anreizen wollen sich dieses Materials für ihre Zwecke zu bemächtigen? Ein solches Vorgehen wäre doch ohne Beispiel! Die persönlichen Jnvektiven des Herrn Hirsch, welcher nicht nur meine geringe, die Leser gar nicht interessirende Person wiederholt herabsetzt, sondern auch an meinen unmündigen Knaben mit wenig Witz und viel Behagen sich versucht, würde ich gern mit vornehmen Schweigen übergehen. Denn persönliche Erörterungen, statt sachlicher Diskussion sind niemals anmuthend. Es könnte aber dem jüngeren Manne als Schwäche oder Feigheit mißdeutet werden, wenn er bei einer ihm muthwillig aufgedrängten Fehde Alles ruhig hinnimmt. Deshalb will ich gegen einen Vorwurf wenigstens energische Verwahrung einlegen. Herr Hirsch, dessen schulmeisterliche Ueberhebung freilich, kaum ernst genommen zu werden verdient, wäre der Letzte, der den Großinquisitor spielen und für die Sabbathheiligung mit wohlfeilen Redensarten bei Andern Sorge tragen darf. Herr Hirsch macht mir den geschmackvollen Vorwurf, daß ich meine „Gottes Gesetz höhnende und Gottes Bund leugnende Arbeit" am Sabbath nach dem Tempelbesuch aufnehme. Müßte Herr Hirsch nicht konsequenterweise diesen Vorwurf in noch höherem Maße seinen eigenen Söhnen machen? Die leisten am Sabbath — ohne Tempelbesuch —- und sogar am Bersöhnungstage in ihrer Praxis den Kranken und Leidenden jeder Art, nicht blos den in Lebensgefahr befindlichen, ihre schätzbaren Dienste als Aerzte und tragen kein Bedenken, in Ausübung ihrer hohen Pflichten in der Stadt herumzufahren, einer von ihnen auch zu schreiben — gewißlich doch mit Wissen und Willen ihres Vaters, der ja studiren und Aerzte werden ließ! Für dieses, meine Ansichten' über die Schwierigkeiten der Sabbathruhe praktisch erhärtende Verhalten seiner Söhne wird^Herr Hirsch, um seine angemaßte Position als Censor zu retten, schon irgend einen frommen Entschuldigungsgrund Vorbringen. Das stimmt genau zu der früher schon bewiesenen geschmeidigen Konsequenz dieses Gottesstreiters, welcher den von ihm wegen geringfügiger Aenderungen in der Liturgie des Sabbaths und der Festtage prinzipshalber Jahrzehnte lang eingestellten Besuch des Gottesdienstes in hiesiger Synagoge plötzlich zugesagt und später auch thatsächlich wieder ausgenommen hat, — um seine Wahl als Vorsteher durchzusetzen. Vielleicht versteht Herr Hirsch die ihm bei mir nicht ganz klar gewordene Berufung auf das Wort: „Wer Kinder hat in der Wiegen, der lasse andere liegen," jetzt etwas besser? Sonst empfehle ich ihm das Gleichniß vom Splitter und Balken zur Beherzigung. Im Vertrauen kann ich übrigens Herrn Hirsch mittheilen, daß „das", was ich unter innerer Mission versiehe, zu meiner Genugthuung schon vielfach sympathische Anerkennung und thatkräftige Förderung von maßgebender Seite gefunden hat und hoffentlich in immer weiteren Kreisen finden wird. So hat eine von 150 Gemeindemitgliedern besuchte Versammlung sich noch jün \Vin einer Resolution für die in meinem Artikel als wünschenswert!) und fördersam bezeichneten Bestrebungen ausdrücklich mit allen gegen eine Stimme erklärt. Und ich glaube, daß die abfällige Kritik des Herrn Hirsch zur Förderung der von mir vertretenen Idee nicht unwesentlich beitragen wird. Hannover, 7. Dezember. Dr. Meyer, Rechtsanwalt. * ^o wohlthuend für das jüdische Gemüth die „Spazierfahrt" der Frau Nahida Remy in der „Allgem. Ztg. d. Judenthums" war, so unangenehm und abstoßend mußte der Artikel „Eine häusliche 600 Szene" von einem jüdischen Arzte in Nr. 47 dieser Zeitung berühren. Ein werther Herr Kollege und Freund schreibt mir über den quäst. Artikel Folgendes: „Der Herr Arzt geht mit der Heiligkeit des Sabbaths um, wie mit einer Leiche in der Anatomie; mit rauher Hand reißt und schneidet er und scheint vergessen zu haben, daß es von diesem Tage auch für uns nicht bloß sondern auch heißt." Wenn der Ruf einmal erschallen sollte: Hie Nahida Remy und hie der jüdische Arzt' dann möchte doch wohl die weit größere Schaar sich um die Erstere versammeln. Vlotho a. Weser, 5. Dezember. Hochachtend I. Gutmann, Lehrer. * Geehrter Herr Redakteur! 6I^a Herr Dr. Wiener auf die Erwiederung des Herrn Dr. Königsberger längere Zeit schwieg, so konnte man wohl glauben ♦man nmina npv-nr Nachdem aber diese Voraussetzung sich als irrig erwiesen hat, erlaube . ich mir, zu dem Artikel des Herrn Dr. Wiener in Nr. 38 Ihres geschätzten Blattes „Zur Feuerbestattungsfrage" die Bemerkung zu machen, daß der Midrasch Wajoscha durchaus nicht geeignet ist, auf die „orthodoxen Gegner der Feuerbestattung einen unheimlichen und verblüffenden Eindruck zu machen." Denn es ist doch in jedem Falle ein Anachronismus, aus einer erdichteten oder dichterischen Aeußerung, die ein Schriftsteller einer Persönlichkeit in den Mund legt, die einer weit hinter ihm liegenden Vergangenheit angehört, einen Schluß auf seine und seiner Zeitgenossen Vorstellungen und Meinungen zu ziehen oder einen solchen Schluß als einen Beweis hinzustellen. Man muß doch dem Verfasser jenes Midrasch den historisch und gesetzlich begründeten Standpunkt zuerkennen, daß auch unsere Patriarchen und deren Nachkommen bis zur Offenbarung j-j3 genannt werden*) und daß sie an keine anderen Gesetze gebunden sind als eben die Noachiden. Es erscheint also durchaus unstatthaft, das, was vor der Zeit der Offenbarung erlaubt war, als beweisend zu betrachten für das, was nach der Offenbarung Gesetz geworden ist. Der zweite Punkt, auf den Herr Dr. Wiener seine Ausführungen stützt, die Stelle Synh. 46b, zeugt ebenfalls von einer mißverständlichen Auffassung. Denn dort handelt es sich um den von einem Nichtjuden, *0^)2 TQtt? geforderten Beweis, daß die Thora die Beerdigung gebietet. Der Gelehrte schwieg, und als ihm der Vorwurf gemacht wurde, warum er denn nicht angeführt habe, daß •tf'ispn überflüssig sei, sagte er, „jener hätte mir erwiedert" .X3N3DD 'SW*? X1?“! KD*?» X3H3D Das will sagen, daß ein den Nichtjuden überzeugender Beweis für das Gebot der Beerdigung aus der Thora freilich nicht gegeben werden kann, da für ihn doch die Regeln, auf denen die meisten Ableitungen der halachischen Gesetze beruhen, und speziell die im vorliegenden Falle in Betracht kommende Regel nicht maßgebend sein können, wie sie es für uns sind. 2) Thorn, im November. Hochachtungsvoll > Louis Kalischer. * Sehr geehrter Herr Redakteur! (Lu meinem letzten Artikel gehört folgende Fußnote: Jeder neue Rabbiner, G§r sagt unser Gegner der Synode, bringt ein neues Gebetbuch. Doch daß mehrere Rabbiner verschiedene Aenderungen in den alten Gebetbüchern getroffen haben, beweist eben, daß Aenderungen unerläßlich wurden, und daß es auch für hochbegabte Theologen kein Leichtes ist, mit einem Schlage etwas Vollkommenes zu schaffen. Auch auf diesem Gebiet würde eine Synode mehr Harmonie und Einheit zustande gebracht haben, und wenn eine solche, wie wir hoffen, wiederum Zusammentritt, sicherlich herbeiführen. Darum unser eeterum censeo: „Zusammenberufung einer Synode." Oppeln, 2. Dezember. Dr. Wiener. ‘) Siehe u A. Synh. 59 jfiE *11? TO '33 D’K"lp3 31pv' '33 .min Jeruschalmi Megilla 8 *73 .33 Yfl min TftD D*Tlp INX 31' .*?K"NN' bjb 2) Siehe daselbst Raschi. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.