Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- Seite 599 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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599 fragend. Er goß zwei Taffen Thee ein, und holte aus einer Schublade Kaisersemmeln und Butter hervor. „Ich bitte," ermunterte er Jizchak. Dieser wollte seinen Augen nicht trauen, daß ein so großer Mann sich eigenhändig mit solch kleinlichen Dingen beschäftige. Dieser bat noch ein Mal, und Jizchak nahm, ohne sich länger zu zieren, seinen Thee; sein Wirth. aber sprach, eine Semmel verzehrend, weiter: „Sehen Sie, das Leben richtet sich weder nach Theorien, noch nach irgend welchen an und für sich edlen Antrieben. Wir Juden könnten, wenn genügend ausgebildet, den Eingeborenen auf manchem Felde der geistigen Arbeit Konkurrenz bieten, welche bis jetzt ihr ausschließlicher Besitz war, und diese wollen, wie gewöhnlich, den Ankömmlingen an der reichbesetzten Tafel nicht Platz machen. . ." „Aber sie sollen uns nur zulaffen, nicht vor uns das Feld räumen. . ." „Bah . . . die freien Plätze werden für die Brüder im Glauben, aber nicht für geistig Verwandte bewahrt. .... So geschieht es wenigstens bis jetzt." Jizchak versank in tiefes Nachdenken. „An dem Allen aber," -sprach der Doktor seinen Thee schlürfend weiter, „hat der wirthschaftliche Bau der Gesellschaft schuld, welcher die Jagd nach dem Golde, den Kampf Aller gegen Alle, Verderbniß und Materialismus herbeiführt ..." „Ich verstehe das nicht ganz," unterbrach ihn Jizchack. „Darüber ließe sich sehr viel sagen," sagte der Andere. „Ich behaupte, daß nur Liebe, Einigkeit und gegenseitige Opferwilligkeit das sinkende Land zu retten vermögen. So lange als Eigennutz und Geschäftethuerei die besitzenden Klaffen der Juden und Christen ausschließlich erfüllen werden, so lange müffen die regierten Schichte» den Sündenbock abgeben. Und zu diesen Abhängigen, Gegängelten gehören wir Alle, Alle, denen der ökonomische Organismus von Geburt an die materielle Unabhängigkeit, und damit die faktische Selbstständigkeit im Leben versagt hat." „In diesem Falle, sollte die bisherige Ordnung der Dinge aufgehoben werden." „Das ist es eben." entgegnete Jener. „Wenn das Land Jedem Erziehung, die die Möglichkeit, das Recht, zu arbeiten und ein seinen Kräften entsprechendes Feld bieten wird, dann kann es keine Angst vor der Konkurrenz, keinen Antisemitismus geben, welcher einzig und allein aus wirthschaftlichen Mißständen entsteht. Dann werden auch Solche, wie Sie sind. Unterstützung finden — und auch Andere. . . . Aber die enterbten Klassen denken so wenig, gelangen so langsam zu solcher Ueberzeugung, wie wir sie besitzen. . . . Und die Höheren herrschen." Er hatte das Theegeschirr ins anstoßende Zimmer getragen und setzte sich Jizchak gegenüber. „Ja," seufzte er, „ein einzelner Kopf bricht keine Mauern, und der Glaube, daß es den Enkeln besser ergehen wird, kann weder wärmen noch satt machen." Jizchak betrachtete tief verwundert seinen Wirth. Wäre es möglich? dachte er. So spricht ein Mensch von seinem Schlage? Ein Philosoph, der Andere Weisheit gelehrt hat, der Schöpfer wissenschaftlicher Bücher, der Profesior, der gerühmt, geliebt und gepriesen wurde. ... „Inzwischen fließt das Leben dahin," sprach der Wirth weiter, wie zu sich selbst. Seine Augen waren jetzt matt und hafteten eigensinnig an der Wand. „Die besten physischen, geistigen und sittlichen Fähigkeiten, welche zum Wohte Tausender, für die Gesellschaft und deren Zukunft schaffen und wirken könnten, gehen zu Grunde, verkümmern und werden zersplittert im Kampfe um — ein Stückchen Butter aufs Brod." Jizchak schwieg. Der Doktor sprang vom Seffel. Die im Zimmer herrschende Stille brachte ihn zur Besinnung. Er war zornig und beschämt. „Nicht um Sie zu entmuthigen, habe ich dies gesagt," sprach er, sich über die Stirn fahrend. „Nein, denn warum? Daß es viele Dummköpfe und böse Menschen giebt? Wann hätte es an Solchen gefehlt? Daß diese obenan stehen? Früher oder später wollen wir sie vertreiben. . . . Gerüstet müffen wir sein — mit Wissen und Arbeit. Lernen Sie, lernen und arbeiten Sie — aber mit diesem Gedanken." „Auch mir hat Herr Ludwig gesagt," schaltete hier Jizchak ein, „daß noch ein brudertödtender Kampf die Welt erschüttern müffe, um der Gerechtigkeit und dem Glücke Aller gewaltsam den Weg zu bahnen. . ." „Man muß aber dieses Ziel immer im Auge behalten, sich daran stärken, es den Andern verkünden ... ich wurde erst vor Kurzem davon durchdrungen ... nicht die Theorie, sondern Erfahrung und Praxis haben mich belehrt. . Jizchak wurde verlegen. Er vermochte die Idee des Doktors nicht zu erfaffen. „Nun," fuhr dieser fort, „ich sehe schon, mit wem ich es zu thun habe; es lohnt sich, zu helfen, ivenigstens so weit, als ich es im Stande bin. Ich kann nicht viel thun, aber ich habe Bekanntschaften, Verbindungen; in der Stadt müffen sie mit mir rechnen, mein Wort wird nicht ungehört.verhallen. Ich werde Ihnen einige Empfehlungen an die hervorragendsten Juden mitgeben, und Sie werden mich von dem Ergebniß benachrichtigen." Er füllte mehrere Visitenkarten aus und gab dieselben dem geduldig wartender: Jizchak. „Sie werden alle diese Adressaten besuchen; Sie müffen höflich und vorsichtig mit ihnen reden. Wir wollen sehen." Darauf entließ er ihn sehr freundlich. (Forts, folgt.) ,, Sprechfaul. Jtar Adwehv. Bemerkungen, welche Herr Jsaac Hirsch in seinem „Gott schütze <32? uns vor unseren Freunden" überschriebenen Aufsatz in der Nr. 48 der jüdischen Presse an meinen Artikel „Produktive Arbeit und Judenthum" in der Nr. 46 der „Allgem. Zeitung des Judenthums" knüpft, zerfallen in wenige sachliche und zahlreiche persönliche. Die sachlichen Bemerkungen sind nur durch gewaltsames Auseinanderzerren, dialektische Unterdrückung und Verdunkelung einzelner Stellen meines angegriffenen Artikels ermöglicht. Namentlich ist der Hauptsatz meines Artikels, welcher meine Stellung zur Sabbathheiligung klar präzisirt, wissentlich und geflissentlich ignorirt und weggelasfen. Derselbe lautet: „Darum glauben wir, daß ein religiöses Bedenken der produktiven Arbeit nicht mehr entgegensteht, als jedem anderen Beruf und Erwerb, und daß es aus diesem Grunde allein nicht angeht, die Jugend der produktiven Arbeit fern zu halten." Herr Hirsch kämpft also gegen Windmühlenflügel, wenn er trotz dieses bei einigermaßen gutem Willen nicht mißverständlichen Resumes sich als Retter des Judenthums und des Sabbaths aufwirft und Namens der Mehrheit der deutschen Judenheit, anscheinend ohne jedes andere Mandat, als das seiner verlängerten Selbstüberzeugung entspringende, „gegen die Schmach einer von mir erfolgten Bloßstellung Protest einlegt." Dem mangelnden Verständniß des Herrn Hirsch für einzelne Darlegungen meines Artikels betr. Abwehr des Antisemitismus aufzuhelfen,