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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-14 · Heft 50 (14.12.1894) · p. Seite 598

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 50 (14.12.1894)
Date
1894-12-14
Page
Seite 598 (sequence 10)
Language
German
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598 dafür hat Franzos das sichere, nie versagende Gefühl und das weiß er typisch, überzeugend zum Ausdruck zu bringen. Auf dem Grenzstein slavischen und deutschen Lebens steht der Dichter und spricht zu uns von einer höheren Warte als von der Zinne einer Partei. Die Apologie, die Franzos uns geleistet, wäre aber nicht so werthvoll, als sie es thatsächlich ist, wenn sie blinde Stammesliebe zum Ausgangspunkt hätte. Franzos besitzt eine sehr bedeutende künstlerische Gestaltungskraft und will nur von künstlerischen Gesichtspunkten ans beurtheilt werden, so z. B. in dem Juwel dieser Novellensammlung, in der Tragödie der Entsaguiig „Esterka Regina". Als Franzos diese Novellen schrieb, studirte er in Wien die Rechtswistenschaft und einer seiner bedeutendsten Romane heißt „Ein Kampf ums Recht". Dieser Kampfcsodem, welcher ihn jeder Nationalität die Wahrheit sagen läßt, der auch in der Religion mehr das objektive soziale Elend betont, weht uns aus dem „Shylock von Barnow", aus der Novelle „Nach dem höherem Gesetz" entgegen, und der Kampf um das Recht der unterdrückten Kaste in Halbasien, des beleidigten höheren Ideals in jeder Menschennatur, ist so recht eigentlich das Prinzip in dem künstlerischen Schaffen unseres Dichters. In der Religion sieht Franzos das mächtigste Lehrmittel für die Entwicklung der Menschheit und den heilenden Balsam, wenn das Herz sich schmerzlich zusammenzieht ob des unnennbaren Wehs menschlichen Leidens, ob der Schmerzensschreie der Unterdrückten und um den Sieg des Unrechts, der uns oft halbverzagend beten läßt zu dem der da „beseitigt die Herrschaft des Unrechts". „Niemand kann über seine Natur hinaus," sagt Franzos in der Vorrede von sich und seinem Werke, — „auch dies Buch ist in gewissem Sinn ein streitbares Buch, auch diese Novellen haben nebenbei einen Tendenzzweck. Jedoch auch in diesem Buche habe ich mich nie der Tendenz zu Liebe an der Wahrheit versündig!. Ich schildere die polnischen Juden nicht bester, noch schlechter, als sie sind, sondern genau so, wie sie sind." Berthold Auerbach, der 1872 in Straßbnrg bei der Einweihung der Universität Karl Emil Franzos freudig begrüßte, als den Sohn Heinrich Franzos', des Mediziners, seines Studienfreundes, war der Erste, der das Gebiet der Dorfgeschichte im Sinne der edleren Kulturschilderung angebant hat, — er würde freudig das sieghafte Vorschreiten der streitbaren Novellen seines Freundes begrüßt haben, wie wir Alle dieselben, so oft sie in neuem Gewände vor nns treten, als liebe Freunde mit voller Herzlichkeit begrüßen. M. Fr. m IMHPW IMMW m I 1 FEUILLETON ü s I Sg2!!!iUimmmi!; ^SwÜHmür- - -!—:-1 I mKnuErmmaS Der Iudenzunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feld mann. lFortsetzung.) I^ichznk wurde von einem schlanken, blaffen Manne begrüßt, niit 23% lebhaftem, forschenden Auge und hoher, sogar sehr hoher Stirn unter dem sich bereits lichtenden, rabenschwarzen Haare, welches von silbergrauen Streifen durchzogen war. »Ich heiße Jizchak Graf," sprach der Eingetretene, mit demüthiger Verehrung auf den ihn Begrüßenden blickend. „Ah, bitte, nehmen Sie Platz," bat dieser herzlich. Er setzte sich und umfing mit einem einzigen Blicke das Zimmer. Er sah die mit Fächern versehenen Wände, in den Regalen Hunderte von Büchern verschiedensten Formates. Zwei Wände waren ganz damit bedeckt; an einer andern standen zwei geschloffene Schränke, ein großer Schreibtisch dazwischen; an der vierten Wand hingen mehrere Bilder, vorwiegend Porträts. Auf dem Schreibtisch lagen eine Briefmappe, Schreibrequisiten, ein dicker, geöffneter Band und Briefe auf den Stühlen Zeitungsbündel und Broschüren. Jizchak sah auf das Antlitz des Doktors, auf seinenoft nervös zuckenden Schnurrbart und in das klug und freundlich blickende Auge. Dieser Mensch muß dennoch glücklich sein, sagte er sich. So gelehrt zu sein, so viel Zeit und Bücher ... zu haben ... so viele Bücher und wie viele Gedanken, Bilder und Weisheit darin! Zwar sagte Herr Moritz gestern, daß er bedauernswerth sei. „Bauer hat mir sehr viel von Ihnen erzählt," begann der Doktor. „Sie verstehen doch Polnisch?" „Ich verstehe, aber nicht Alles." „Macht nichts.... Wir wollen uns schon verständigen, sprechen Sie nur in Ihrer Weise. . . . Sie beabsichtigen also, sich hier auszubilden . . ." „Ja. Herr Doktor." „Ohne ein Kapital zu besitzen?" „Ich will mir eben das Wenige verdienen, was ich zum Leben -benöthige." „Das weiß ich," und eine finstere Wolke verdüsterte das Antlitz des Dokiors. „Ihnen ergeht es aber wie allen jüngeren Juden . . . man hat sie nichts gelehrt; sie haben nichts als ihre Köpfe, und damit laffen sich -keine Mauern brechen." „Ei, ich könnte Mauern mit meinem Kopf durchstoßen, wenn er nur mit Wiffen gefüllt wäre. . . ." Der Doktor lächelte. „Aber bis dahin! . . . Darin liegt eben das Unglück. . . ." „Es bedarf ja blos eines Geringen," warf Jizchak ein. „um die Veste der Finsterniß und Absonderung, in der wir leben, zu zerstören." „So? Und was wird daraus folgen?" „Die Aufklärung und Assimilirung der Huden, der Fortschritt der Civilisation!" Der Doktor wurde bitter. „Und das Ende, wenn alle Juden die Kaftans oblegen werden und zum Lernen greifen, wenn die Polen sie nicht aufnehmen wollen?" Jizchak sah ihn staunend an. „Wie? Nicht aufnehmen wollen? Hat mir ja Herr Ludwig gesagt, daß alle Befferen mit diesem Programm einverstanden sind." „Diejenigen aber, welche die Macht und die Möglichkeit haben, führen es nicht aus," „Nun," rief Jizchak nach einigem Besinnen, „dann haben wir die Ueberzeugung, daß wir edler, klüger, daß wir bessere Polen sind als Jene, daß wir Befferes für das Vaterland erstreben." „Haben sie schon viel mit Christen verkehrt?" unterbrach ihn der Doktor. „Nein, Herr, aber ich denke so." „Dieser moralische Trost ist gut, und beruhigt das Gewissen," sprach Jener. „Aber die Wirklichkeit ist darum nicht weniger bitter. Warten Sie ein wenig. . ." Es war schwer zu wissen, ob diese letzten Worte auf die Zukunft oder auf die Gegenwart zu beziehen waren, denn der Wirth öffnete die Thüre des Nebenzimmers, in welchem Jizchak jetzt auseinandergeworfenes Bettzeug und einige Kleidungsstücke ans einem Tisch erblickte. Nach einer Weile kehrte der Doktor zurück, in einer Hand eine Platte mit Gläsern, in der anderen einen kochenden „Samowar"

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