Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- Seite 597 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Als ich dann heim ging, standen plötzlich so klar, wie nur je einer eine Vision gesehen, zwei Gestalten vor mir, zwischen denen sich eine ähnliche Geschichte abspielte, wie jene, an der ich mich zu verbluten drohte. Nur Alles gesteigert, der Gegensatz zehnfach schärfer. Ich sah ihre Gesichter, hörte ihre Stimmen, und — diese Gestalten schritten durch die Gassen meines Heimathstädtchens. Ich sah's, als hätte ich es gestern verlassen, das Schloß, das Kloster, das Ghetto . . . Ich kam heim, zündete die Lampe an und begann zu schreiben: „Da steht es wieder greifbar lebendig vor mir, das arme, verfallene Landstädtchen . . und so weiter, ohne Besinnen, mit fiebernden Pulsen. Ich schrieb bis in den Hellen Morgen hinein, sank dann aufs Sopha hin, lag einige Stunden in bleiernem Schlaf und schrieb dann fort, hastig, mit der seltsamen qualvollen Empfindung: ich müßte es thun, weil mir ein Anderer diktirte, dem ich zu willen sein müßte. Als das nächste Frühroth in meine Stube schien, war ich zu Ende, sank wieder aufs Sopha und schlief bis zum nächsten Morgen. Als ich da erwachte »und die Blätter liegen sah, mußt' ich mich zunächst erst besinnen, wie's damit stand, dann schloß ich sie hastig in eine Lade und ging fort. So ist meine erste Ghetto-Novelle entstanden; ich habe sie später „Das Christusbild" genannt. Damals scheute ich mich lange, das Ding auch nur nochmals zu lesen, seinen Zweck hatte es ja erreicht; ich hatte darin meinen Schmerz begraben, soweit sich derlei überhaupt je ganz begraben läßt. Aber noch mehr: ich hatte darin mich selbst wiedergefunden; jetzt ahnte ich, wo die innere Ausgleichung des Gegensatzes lag, der mir nun plötzlich das Herz zerriß, nachdem ich ihn so lange gar nicht als Gegensatz empfunden: ich mußte in der kleinen jüdischen Gemeinschaft ebenso meine Psticht thun, wie in der großen deutschen. Mir war zu Muth. wie meinem Helden Friedrich Reimann, ich wollte nun auch derer gedenken, von denen ich stammte. Nicht ihrer allein, das war der Unterschied zwischen ihm und mir, aber auch ihrer. Dies Alles ging mir schon in den nächsten Wochen durch's Hirn. Aber das Wie war mir nickt klar. Etwa als Rechtsanwalt in Galizien? Nein, was könnt' ich dort für die deutsche Gemeinschaft thun? Ich wollte ja beiden dienen. In dieser Unklarheit verstrich mir ein halbes Jahr Erst an dein Tag, wo ich jene Blätter wieder las, dämmerte es in mir auf: wie, wenn das wirklich eine Novelle wäre, und wenn du deren mehr schreiben *) Der vollständige Titel lautet: Die Geschichte des Erstlingswerks. Selbstbiographische Aufsätze von Rudolf Baumbach, Felix Dahn, Georg Ebers, Marie von Ebner-Eschenbach, Ernst Eckstein, Theodor Fontane, Karl Emil Franzos, Ludwig Fulda, Paul Heyse, Hans Hopfen, Wilhelm Jensen, Hermann Lingg, Conrad Ferdinand Meyer, Ossip Schubin, Friedrich Spielhagen, Herman Sudermanu, Richard Boß, Ernst Wichert, Julius Wolff. Emgeleitet von Karl Emil Franzos. Mit den Jugendbildnissen der Dichter. (Leipzig. Adolf Titze.) Man ist in unseren Kreisen so oft um ein passendes Festgeschenk verlegen — und wählt deshalb sehr oft das unpassendste. Wir empfehlen darum diese „Geschichte des Erstlingswerks" auch hier auf das Wärmste, hauptsächlich um ihres höchst interessanten Inhalts willen, der das Buch für alle Freunde der Litteratur an sich sehr werthvoll macht. Sodann aber auch eignet sich das Werk wegen seiner eleganten Ausstattung ganz besonders zu einem Festgeschenk, das sicher Allen Freude und Anregung bieten wird, die es schenken und die es geschenkt erhalten. Die Red. könntest? Bessere, klarere, solche, die dem deutschen Volke wirklich ein Bild des östlichen Ghetto gäben. Dann stündest du als deutscher Schriftsteller in der großen Gemeinschaft, würdest ihre Kenntniß durch bisher nie geschildertes Leben vermehren, und damit der kleinen Welt nützen, indem du ihr mahnend einen Spiegel vorhieltest . . . Aber ich war ja Jurist, wollt' es bleiben! Auch war ja noch fraglich ob ich solche Novellen schreiben konnte! Und über alle dem verging wieder ein halbes Jahr. Da, Weihnachten 1869, beschloß ich, die Ferien zu einem neuen Versuch zu benützen. Ich erinnerte mich eines Zugs aus dem Leben meiner Mutter. Sie hatte als Braut die Wucht des Opfers gefühlt, das ihr mein Vater durch sein Verbleiben in Galizien bringen wollte, und bangte um sein Glück Nur darum wollte sie ihm schreiben, sie habe sich in ihrer Liebe für ihn getäuscht und gebe ihn frei. Sie begann auch den Brief, aber die Thränen schwemmten immer wieder die Schrift hinweg. Sie konnte es nicht. . . . Wie, dacht' ich, wenn sie es gekonnt, wenn er ihr geglaubt hätte?! Dann war durch das fromme Vorurtheil das Lebensglück zweier Menschen zerstört. So entstand die Novelle: „Esterka Regina". Aber nun schrieb ich ja besonnen, das ging viel langsamer. Ich wurde nicht fertig; nun mußte die Arbeit bis zu den Osterferien liegen bleiben." Da griff ein Zufall ein; die erste Novelle wurde gedruckt, und nun schrieb Franzos rasch die folgenden, die eben so leicht in Zeitschriften untergebracht waren. Mit der Buchausgabe freilich ging es schwerer. „Wohlgemutü wandte ich mich (1872) an Cotta. Nach vierzehn Tagen war das Manuskript wieder in meinen Händen. Wollt ich nun aber alle jene Firmen aufzählen, bei denen die „Juden von Barnow" vergeblich ihre Aufwartung gemacht haben, so würde .ch den Leser arg ermüden. Sie sind von 1872 bis 1875 von siebzehn Verlegern abgelehnt worden. Zwei darunter halten das Buch vorher gelesen, beide meinten, es sei nicht ohne litterarischen Werth, aber an einen Absatz, der die Druckkosten decke, sei nicht zu denken." „Erst nach dem Erscheinen der Kulturbilder: „Aus Halb-Asien", schließt Franzos, „wurde auch mein armes Erstlingswerk, das freilich dem Erscheinen nach mein zweites geworden, ans Licht gezogen. Es erschien zuerst im Dezember 1876, vierzehn Tage vor Weihnachten, also zu sehr ungünstiger Zeit Der Absatz war Anfangs sehr spärlich, die Kritik beschäftigte sich wenig mit dem Buche. Nur Johannes Scherr empfahl es dringend, das sei ein ehrliches Buch, das, von Haß und Liebe unbeirrt, die jüdische Volksseele schildere, wie ste sei, und prophezeite ihm, es werde fröhlich fortleben und bald seinen Rundgang durch Europa antreten. Die Prophezeiung erschien mir ebenso wohlwollend wie verwegen Und dennoch hat sie sich erfüllt. Das Buch ist heute in seinem Genre, dem der Ghetto-Novelle, das verbreitetste. In Deutschland sind mehrere starke Auflagen nöthig geworden - die fünfte vermehrte ist im Frühling dieses Jahres (1894) bei Adolf Bonz & Comp. in. Stuttgart erschienen; im Ausland ist es bisher in 16 Sprachen verbreitet. Auch eine Übersetzung in das Hebräische und in das sogenannte Judendeutsch ist erschienen; durch sie ist das Buch im Osten eine Waffe im Kampf der Aufklärung gegen die Finsterniß geworden. Dies ist die Geschichte meines Erstlingswerks." Daß ein solches Werk ehrlicher Wahrheit, aber glich offenen Eintretens für den jüdischen Stamm in dem Zeitalter des Antisemitismus fünf Auflagen erlebt hat, ist eine Ehre und ein Erfolg für den Dichter. — Größere Ehre und größeren Nutzen aber bringt es uns, seinen Stammesgenoffen. Franzos hat uns in seinen dichterischen Werken eine Tribüne errichtet, von der herab für alle Zeilen das Selbstbewußtsein des gebildeten deutschen Juden gegen slavische Barbarei protestiren wird. Sollen wir Franzos noch dafür loben, daß er in dem modernen Oesterreich sich also für uns erhoben, sollen wir die klare und schöne Sprache und den eifernen Fleiß des Dichters rühmen, — möge der Leser selbst zusehen, denn es wäre nicht möglich, durch eine aus dem Zusammenhang gerissene Probe dies zu illustriren. Was ein ganzes Volt, ja iebeit tiefer empfindenden Menschen bewegt,