Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- Seite 596 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Erwägung, und will es Gott, auch zur Geltung kommen werden. Denn nur drüben in Amerika scheinen mir für die Juden die Bedingungen gegeben und auch die wachsenden Kräfte bereits in Bewegung, um einen gewaltigen und tiefgreifenden Prozeß zu vollziehen zur Erfüllung des Lebens mit religiösen Mächten. Seit dritthalbtausend Jahren hat man die Thatsache beobachtet, daß der Gang der Kultur immer von Osten nach Westen ging; daß aber dann die jm Westen entfaltete Blüthe sich zurück nach dem Osten wandte. So wird es, denke ich, auch dem Judenthum mit seinen Stationen: Asien, Europa und Amerika gehen. Was nun inzwischen an Ereignissen auf dem Gebiete der Religion sich begeben hat, hüben und drüben, hat mich in dieser Erwartung nur bestärkt. Erst im Vergleich mit den ausführlich geschilderten amerikanischen Verhältnisien werde ich auch die europäischen genauer besprechen, um zu zeigen, wie hier im letzten Menschenalter alle Bewegungen auf religiösem Gebiete durch den Mangel an Energie erlahmt, auf halbem Wege — was sage ich? halbem — auf dem Zehntel des Weges stehen geblieben sind. Bei den Evangelischen: die Lichtfreunde , der Protestantenverein, die Freien Gemeinden; bei den Katholiken: die Deutschkatholischen, die Altkatholischen; bei den Juden: die Rabbiner-Versammlungen, die Synoden. — Die meiste Kraft aufgewendet hat noch in Europa in allen Lagern — die Orthodoxie, aber auch ohne wesentlichen Erfolg; sie will Alles thun, um die Menschen für die Religion zu gewinnen, aber sie thut meist Alles, um sie von ihr zu scheuchen. Innerhalb des Judenthums aber fehlt es in Deutschland mit Oesterreich — und leider kommt nur Deutschland in Frage, denn Frankreich, England, Italien zeigen von einer religiösen Bewegung nur geringe Spuren — an einer energischen, produktiven Vertretung und an weiter Ausbreitung der Gegensätze; von einer Bestimmtheit des Gedankengehaltes, einer Klarheit des Programmes ist weder in Pest noch in Breslau, weder in Wien noch in Berlin die Rede. Das aber begrüße ich mit wahrer Wonne an den Vorgängen unter den Juden in Amerika. Schärfe und Bestimmtheit der Gegensätze der Parteien und enger Anschluß aneinander innerhalb einer jeden sind die beidm Centren in der Elliptik der Bewegung am Sternenhimmel der Ideale. Und dort, wo der große Versöhnungsgedanke unter allen Religionen in dem großen Kongreß eine Stätte gefunden — eine Thatsache allerhöchsten Ranges, die Tage von Chicago werden als Datum und Denkmal am Throne Gottes eingegraben sein ,T DD bi? T — dort sind zugleich die verschiedenen Richtungen innerhalb des Judenthums mit Kraft und Klarheit, mit Ernst und Würde vertreten. Schon der Kampf ist Sieg, Sieg gegen den Jndifferentismus. Man soll nicht verlangen, daß allen Bäumen Eine Rinde wachse; eine Rinde aber muß jedem Baume wachsen, wenn er der Unbill der Gewalten trotzen und dm Leben bleiben soll. Und innerhalb der einen Partei hat neuerdings eine Rabbiner-Versammlung für etwa 120 Genieinden ein gemeinsames, auf dem Boden der Pietät und des Fortschrittes zugleich stehendes Gebetbuch geschaffen. Gott segne die Versammlung und ihr ferneres Wirken! In derselben Versammlung hat Köhler — Gott segne ihn und sein ferneres Wirken! — die gewaltige Rede über die spiritual koress des Judenthums gehalten. Angesichts solcher Thatsachen erhebe ich meine Hände dankend zu Gott und preise ihn: b8“lt£?’ pb8 8b ’D Die Deutschen haben ein naives inniges Sprichwort: Der alte Gott lebt noch! Ja, Er lebt noch, der Gott Israels in den Herzen der Kinder Israel. DD’bD «b Dpi?' ’3D DJ181 'n'32? 8b /hT '38 ’D (Maleachi 3,6.) Die ..Inden von Barnow". fic „Juden von Barnow", das vielgenannte Erstlingswerk von Karl Emil Franzos, sind soeben in fünfter stark vermehrter Auflage (bei A. Bonz in Stuttgart) erschienen. Viele, die von der Macht jener Dichtungen aus dem galizischen und podolischen Ghetto bei ihrem ersten Erscheinen bereits in tiefster Seele gepackt wurden, werden freudig überrascht sein, wenn sie hören, daß der Dichter in den späteren Auflagen, in den neu hinzugekommenen Novellen und in den Verbesserungen der alten dichterisch über sich selbst hinaus gewachsen, ja künstlerisch ein Anderer und Besserer noch geworden ist, als es der junge Student war, der mit der ersten Auflage im Fluge sich eine Stellung in der deutschen Litteratur eroberte. Das aber gilt nur von dem Kunstwerth des BucheS und nicht von seiner Tendenz. Wenn auch diese Tendenz heute dem Beurtheiler gleichfalls unwillkürlich eine andere und bessere erscheint, so liegt dies nicht an einer Wandlung des Dichters, sondern an unserer wachsenden Erkenntniß seiner Absichten. Es wird Viele geben, welche glauben werden, daß uns heute mehr und mehr, namentlich in der in die Sammlung seit der dritten Auflage eingefügten Dichtung „Zwei Retter", der Jude Franzos entgegentritt, der nicht nur an das moderne Lesepublikum denkt, an das Unterhaltungsbedürfniß der Salons, sondern der mit uns, seinen Glaubensbrüdern, Hinabstieg in das „Thal der Thränen" und von dort mit uns zum Himmel schreit in der Roth des Glaubenshasses, im Namen der Menschheit und der Menschlichkeit. Aber in Wahrheit liegt die Sache anders, was sich schon äußerlich Nachweisen läßt. „Zwei Retter" ist keine neue Arbeit des Dichters, im Gegentheil, eine seiner allerersten, bereits 1871 geschrieben und veröffentlicht; vor Jahren hat dies Franzos anläßlich einer Vorlesung der Novelle selbst erzählt und hinzugefügt, daß er sie nur aus einem äußeren Grunde nicht in die erste Auflage habe alifnehmen können: weil der Verleger aus Raumgründen sein Veto eingelegt. Auch lassen sich dieselben Empfindungen, die aus dieser Novelle sprechen, in den andern Erzählungen des Buches Nachweisen. Wir wiederholen, nicht der Dichter hat sich gewandelt, sondern die Auffassung seines Wirkens in jüdischen Kreisen. Was Karl Emil Franzos vor Jahren in der „Neuen freien Presse" über Abraham Geiger geschrieben, er gehöre zu denjenigen Männern,' die einer späteren Zeit größer erscheinen werden als uns, das trifft auf ihn selbst zu. Man hat den Dichter lebhaft angegriffen ob der offen eingestandenen Tendenz seiner Dichtungen, die Juden Halbasiens in ihrem Kampfe gegen äußern Druck und die Finsterniß des chassidischen Fanatismus im Innern mit anklagender Wahrheitstreue zu schildern. Franzos hat seine „Juden von Barnow" Leopold Kompert zugeeignet, und man hat gerade in jüdischen Kreisen dem jungen Genius, der sich huldigend vor der Größe seines Vorgängers neigte, Unrecht gethan, wenn man ihn mit diesem, ihn tadelnd ob seiner Tendenz, verglich. Es ist wahr, die Behaglichkeit der böhmischen Gaffe fehlt den „Juden von Barnow", die Kleinmalerei des dort still duldenden Humors ist hier abgelöst von dem oft tragischen Pathos des anklagenden Propheten. Mit jedem Jahr, in dem die feingesponnene Barbarei des westeuropäischen Antisemitismus auch »ns mehr und mehr umfängt, dämmert auch in denen, die hier gegen unsere Dränger mit allen Hilfsmitteln der modernen Kultur ankämpfen können, mehr und mehr das Verständniß auf für den Dichter, der zu rechter Zeit in die Barbarei des podolischen Ghetto mit der Fackel der Aufklärung hineinleuchtete. In der ersten Vorrede zu den „Juden von Barnow" hat sich Franzos bereits offen zu dieser seiner Tendenz bekannt. Wie ihm diese Tendenz aus dem tiefsten Innern quoll, hat er vor einiger Zeit in dieser Zeitschrift