Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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594 > ^Sjtr;?,>,» ■ \, Der Redner berichtete sodann über das Eintreten des Kriegsministers für die verleumdeten jüdischen Einjährig-Freiwilligen und beleuchtet die Taktik der Antisemiten, nicht von Juden verübte Dinge diesen in die Schuhe zu schieben, wie bei dem Fall in der JakoLskirche in Köln, dem „patriotischen Verlag" von Naumburger in Dresden u. s. w. Der Redner besprach die Verurtheilung des Redakteurs der „Tägl. Rundschau" zu 100 Mark Geldstrafe auf Grund einer von 3 Vorstandsmitgliedern angestellten Privatklage. Er schilderte hierauf in humoristischer Weise das von den Antisemiten zu einer bösartigen Thierquälerei aufgebauschte Verfahren eines jüdischen Schlächters in Nordhausen gegen einen störrigen Ochsen und nahm dann Veranlassung, den Werth und die Bedeutung der auf Grund des § 11 des Preßgesetzes von den antisemitischen Blättern zu erzwingenden „Berichtigungen" überzeugend darzuthun. Das Bestehen des Central-Vereins, der die antisemitischen Publikationen sorgsam überwache, hat den Gegnern schon eine heilsame Scheu eingeflößt. Redner verlas Notizen des „Badischen Beobachter" und des „Volk", aus denen er folgerte, daß diese Blätter sich jetzt durch die Ueberwachung des jüdischen „Denunzianten-Vereins" zu strenger Wahrheitsliebe gedrungen fühlen. Blätter, deren Metier das Verleumden sei, würden aber nothwendig langweilig und verlören die Leser, wenn ste wahrheitsgetreu berichteten, und das sei ein sehr wichtiger Erfolg des Vereins. Der Redner ging dann zu den Erfolgen nach Innen über, die besonders darin beständen, den Juden Muth und Selbstgefühl einzuflößen. Man solle nicht zur Selbsthilfe schreiten, wie es ein jüdischer Apotheker in einer kleinen Stadt gethan, der durch die Provokation des Bürgermeisters schon gereizt, diesen erst erfolglos gefordert, dann mit der Reitpeitsche gezüchtigt und dafür 100 Mark Geldstrafe erhalten habe. Jeder Jude solle aber auf gesetzliche Weise sein Recht suchen und offen und ehrlich als Jude heraustreten. (Lebhafter Beifall.) So hätten es die Juden in Eschwege in Hessen gethan, und in Befolgung der Rathschläge des Central-Vereins-Vorstandes die Ausschließung der Juden vom Geschworenen- und Schöffendienste erfolgreich beseitigt. Der Redner schilderte sodann die üble Lage der Juden in kleinen Städten und Dörfern, wo dieselben durch den Antisemitismus aufs Schwerste geschädigt werden und verzweifeln würden, wenn sie nicht jetzt eine Stelle wüßten, wo sie Rath und Hilfe, oder wenn Beides unmöglich, doch Trost und Mitgefühl fänden. Allen Juden sei aber jetzt mehr Selbstgefühl anzu empfehlen. Wer sich treten lasse und Danke schön! sage, der verdiene keine Achtung! (Zustimmung.) Ob orthodox oder liberal, jetzt müsse Jeder zeigen, daß er nicht nur als Mensch, sondern auch als Jude Achtung verlange! Niemand habe den Juden mehr geschadet, als die abtrünnigen Juden, die feigen Ueberläufer. Dabei nütze ihnen diese Abtrünnigkeit gar nichts, denn wenn erst diejenige Richtung des Antisemitismus, die mit dem Anarchismus nahe verwandt sei, die Oberhand gewinne, würde man sie so wenig schonen, wie die andern Juden Der Redner erinnerte dabei an die Glaubenstreue des ersten jüdischen Majors, des ehemaligen Lehrers an der Kriegsakademie, Burg. Der Redner schloß dann mit der Ausführung, daß die Juden, wenn ste auch nur den Antisemiten als besondere Nation gelten, doch die Worte Schillers beherzigen müßten: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr Alles fetzt an ihre Ehre!" Langanhaltender Beifall folgte dem Vortrag. Nachdem Herr Adolf Salomon den Kassenbericht erstattet hatte, wurde dieser einstimmig genehmigt und dem Vorstand Decharge ertheilt. Daran schloß sich die Wiederwahl des gesummten Vorstandes durch Akklamation. Ein Antrag des Herrn Rechtsanwalt Dr. Kann ans Kottbus, einen Zusatz zu 8 7 der Vereinssatzungen betreffend, wurde nach kurzer Debatte in etwas veränderter Fassung angenommen. Dieser Zusatz lautet nun: „Das freiwillige Ausscheiden aus dem Verein ist durch schriftliche Anzeige dem Vorstand bekannt zu geben, doch besieht die Verpflichtung, den bisherigen Beitrag noch für das laufende Quartal zu leisten." Nach Eröffnung der Debatte über den Vortrag des Herrn Dr Horwitz drückte Herr Mansbach er über diesen Vortrag seine Befriedigung aus; er glaubte aber eine Lücke darin zu finden, daß über die Notbwendigkeit der religiösen Erziehung der jüdischen Kinder nichts gesagt worden sei. Ferner müsse der Verein mehr Fühlung mit der jüdischen Presse suchen. Darauf erwiederte Herr Dr. Horwitz mit dem Hinweis darauf, daß er in seinem Bortrag wiederholt die Nothwendigkeit betont habe, stch als Jude zu fühlen und als Jude Achtung zu fordern. Das könne doch kein Jude, der sein Kind ohne Religion aufwachsen lasse. Die Fühlung mit der jüdischen Presse sei dem Vorstand selbst erwünscht; sie erheische aber Vorsicht, weil der Verein sich auf keineü religiösen Parteistandpunkt stellen dürfe. Er wolle alle Juden umfassen, gleichviel ob orthodox oder liberal. Herr Steinitz interpellirte hierauf den Vorstand über die Gründe der Ablehnung seines früher gestellten Antrages auf Begehung einer öffentlichen Feier des 25 jährigen Gedenktages der im Juli 1869 erfolgten Annahme des A'igger'schen Antrages durch den deutschen Reichstag. Das Vorstandsmitglied Herr Oberlehrer Dr. Schneider wies nach, daß der Vorstand kaum in der Lage gewesen sei, die Einleitung zu einer solchen Feier zu treffen, auch an der Wirkung einer solchen Feier habe zweifeln müssen. Ein anderer Redner betonte, daß eine solche Feier den Anschein einer politischen Demonstration hätte erwecken und die irrige Anschauung, als ob alle Juden einer politischen Partei angehörig seien, hätte bestärken können. Der Verein solle sich aber auch nicht auf die Thätigkeit des Rechtsschutzes beschränken, sondern mehr agressiv vorgehen, mehr in die Oeffentlichkeit treten und durch die Presse sowie durch große Versammlungen eine größere Wirksamkeit entfalten. Herr Steinitz verwahrte stch dagegen, daß er eine Manifestation zu Gunsten der liberalen Partei im Auge gehabt habe. Herr Fränkel gab dem Vorstand anheim, die Propaganda mehr als bisher auf die Provinz auszudehnen. Auch Herr Wohlberg betonte diese Nothwendigkeit, derselbe verwies außerdem auf die lebhafte und erfolgreiche Thätigkeit der Berliner Gruppen 5 und 6 und das Erforderniß, in den anderen Stadtbezirken ebenso eifrig für die Vereinszwecke zu wirken. Das Vorstandsmitglied Herr Rechtsanwalt Stern führte aus, daß eine Erinnerungsfeier, wie sie Herr Steinitz empfohlen, nur den Gegnern willkommen gewesen wäre, welche die freisinnige Gesetzgebung durch die Behauptung verleumden, daß sie lediglich den Juden zum Nutzen gereiche. Eine solche Feier hätte von dem deutschen Volke, nicht von den Juden veranstaltet werden müssen. Der Redner betonte den hohen Werth einer energischen Defensive, dankte für die dem Vorstände zu Theil gewordenen Anregungen, bat aber, dem Vorstände nicht zu viele und zu schwere Aufgaben zu stellen, sondern demselben volles Vertrauen entgegenzubringen. Hierauf wurde die Versammlung geschlossen. Bericht über die Versammlung des „Vereins der Lehrer nnd Knltnsbeamtrn des Regierungsbezirks Köslin"?ir Neustettin. Erster Tag der Verhandlung (21. November). er Vorsitzende begrüßt die Versammlung und spricht den Dank derselben aus an die zahlreich anwesenden Mitglieder der Gemeinde Neustettin, sowie für die so warme, freundliche Aufnahme, und gedenkt des verstorbenen Mitgliedes I. Grodeck-Schievelbein, dessen Andenken die Versammlung durch Erheben von den Plätzen ehrt. Sodann erstattet der Vorsitzende Bericht über das Wirken des Vereins und verliest die im vorigen Jahre durch die Kommission berathenen und vom Verein genehmigten Resolutionen. 1. Zum ersten Gegenstand der Tagesordnung: „Stellungnahme zu dem Deutsch-Israelitischen Lehrer-Verband" ergreift der Referent Herr Dr. Hahn das Wort und empfiehlt nach längerer Auseinandersetzung eine abwartende Stellung, da die Zeit der eigentlichen Konstituirung dieses Verbandes noch nicht fixirt und der D. I. G. B zum Mittelpunkt der bestehenden Lehrervereine am besten geeignet und dazu auch geneigt sei. Da der Korreferent, Herr Dr. Goldschmidt, erst am Schluß der Debatte seine Stellung zu diesem Gegenstände äußern will, erhält das Wort Herr Dr. Hoffmann.. Derselbe steht jeder Centralisation skeptisch gegenüber und beantragt: „Uebergang zur Tagesordnung". Saul-Schievelbein dagegen spricht die Meinung aus, daß für die allgemeinen Interessen der Lehrer der „Allg. Deutsche Lehrer-Berein" da sei, der auch jüdische Lehrer aufnehme; dahingegen können unsere