Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-14 · Heft 50 (14.12.1894) · p. Seite 593

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 50 (14.12.1894)
Date
1894-12-14
Page
Seite 593 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228091--51330-3274189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

593 gegengesetzten „Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens"! Wenn die Zionisten im Anschluß an diesen Pünkt als Nationaljuden de» Anspruch erheben, durch einen jüdischen Abgeordneten im Parlament vertreten zu sein, so steht diesem Anspruch nur — die Reichs- Verfassung gegenüber, nach welcher die Abgeordneten nicht aus Vertretern der Nationalitäten oder Konfessionen bestehen, sondern durch die Gesammtheit der Reichsangehörigen eines gewissen Bezirks gewählt werden! Auf sozialem Gebiet verlangen die Zionisten zunächst die Organisation der jüdischen Wohlthätigkeit gemäß den Ansprüchen des modernen Lebens und wiederholen hiermit um unsere seit langen Jahren erstrebten und zumeist schon durchgeführtm Forderungen; ebenso wird die Rücksichtnahme, die nach ihnen bei der Erziehung auf die Verhältnisse geübt werden soll, in denen die Waisetizöglinge später leben, thatsächlich in den meisten Waisenhäusern seit langen Jahren geübt: Eine nähere Bekanntschaft mit den beiden Waisenhäusern der Berliner jüdischen Gemeinde auf dem Weinbergsweg und in Pankow würde ihnen den Beweis liefern, daß auch diese ihre Forderung ihre Erfüllung gefunden hat, bevor sie noch von ihnen gestellt wurde! Die kräftige Unterstützung aller auf Hebung des Ackerbaues und des Handwerks unter den Juden gerichteten Bestrebungen ist bekanntlich das langjährige Werk zahlreicher über ganz Deutschland verbreiteter Vereine und des Bne-Brithbn»des — also auch hier nichts Neues, meine Herren Zionisten! Wenn Herr Dr. Sachse im Anschluß an diese Forderung die Meinung ausspricht, daß eine erfolgreiche Ausiedlung unserer vertriebenen Glaubensbrüder nur in Palästina erfolgen kann, so müssen wir freilich dagegen Verwahrung einlegen. Es ist richtig, daß die Kolonisation in Argentinien nicht sogleich die erhofften Erfolge gehabt hat; aber mau darf nicht außer Acht lassen, wie schwer es ist, Leute, die seit Generationen auf den Handel angewiesen waren, plötzlich zum Ackerbau zu überführen. Erst in der zweiten oder dritten Geschlechtsfolge wird sich die segensreiche Thätigkeit des hochherzigen Baron Hirsch nach Gebühr beurtheilen lassen! Die Zionisten vergessen ferner, daß auch in Palästina nicht die Begeisterung die schönen Erfolge erzielt hat, sondern die andauernde, thatkräftige Unterstützung, welche die zumeist durch langes Leiden recht stumpfe Masse der Einwanderer von den zahlreichen Palästinavereinen und von Baron Edmund Rothschild erhielt. Aber selbst trotz dieser Unterstützungen waren nicht immer günstige Erfolge selbst bei vorzüglich gelegenen und geleiteten Kolonien, zu erzielen. Auch in Palästina wird ein objektives Urtheil erst nach Jahrzehnten zu fällen sein, und auch hier wird erst eine spätere Generation die volle Fülle des Segens genießen, den die Hochherzigkeit unserer Glaubensgenossen ihnen zngewendet hat! Das im Vorstehenden kurz aufgeführte Programm der Zionisten bietet in seiner Wiederholung alter Forderungen somit wenig Berechtigung für die Selbstgefälligkeit, mit der fast jeder Punkt in der Sachse'schen Broschüre vorgetragen wird. Diese Selbstgefälligkeit, wird nur durch die Ueberhebung überboten, mit der die Zionisten sich rühmen, allein „die idealen Bestrebungen im Judenthum zu vertreten" und für dasselbe, dem man überhaupt bisher „nur aus Pietät gegen die Eltern ergeben gewesen ist", einzutreten. Die Herren, die sich mit ihrer Kenntniß der Geschichte des Judenthums so sehr brüsten, sollten sich doch daran erinnern, daß Männer, die mit warmem Herzen ihr Vaterland liebten — wie Rießer — mindestens so treue Söhne des jüdischen Glaubens waren wie die Zionisten, die von den erhabenen Gedanken, die unser Glaube in sich birgt, recht wenig, von der jüdischen Nationalität desto häufiger reden. Welche Hoffnungen sie bereits durch die einseitige Hervorkehrung der Nationalitätsidee bei der Judenmission erwecken könnten ihnen die Ereignisse der jüngsten Wochen, sofern die Nachrich darüber richtig ist, bei einigem Nachdenken leicht zeigen! Me ordentliche Generalversammlung des Centralvereindeutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", welche am 4. d. M. im Saale der Berliner Ressource, Kommandantenstraße 57, abgehallen wurde, war so zahlreich besucht, daß der Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Herr Dr. Mendelssohn eröffnete die Versammlung und ertheilte dem Herrn Dr. jur. Horwitz das Word zu seinem Bortrage: „Ist das Wirken des Eentral- Bereins von Erfolg?" Der Redner wies darauf hin, daß die Juden selbst im Anfang wenig gethan, um der antisemitischen Bewegung Einhalt zu thun, und erst spät sich zur selbstständigen Abwehr entschlossen hätten. Seit der Central - Verein seine Thätigkeit in dieser Richtung begonnen, seien 1% Jahre verflossen; inzwischen sei aber auch die Frage: „Ist das Wirken des Central-Vereins eine Nothwendigkeit?" gegenstandslos geworden. Jetzt gelte nur die Frage zu beantworten: „Ist das Wirken des Eentral-Bereins von Erfolg?" Hierbei handle es sich erstens um den Erfolg nach Außen gegen die Antisemiten, zweitens um den Erfolg nach Innen in dem Wirken auf die Glaubensgenossen. Die Erfolge nach Innen seien theilweise durch den von Herrn Dr. Fuchs verfaßten Bericht der Rechtsschutz-Kommission bekannt geworden, bei dessen Abfassung noch manche Fälle in der Schwebe waren, die jetzt erledigt find. Von diesen erklärte Redner nur die prägnantesten Fälle zur Kenntniß der Versammlung bringen zu wollen. Um ihr Ziel zu erreichen, die Juden rechtlos zn machen, betrieben die Antisemiten' in grandiosester Weife die Kunst der Verleumdung. Ihre Hauptangriffspunkte seien das Kol-Nidre-Gebet und der Talmud. Die zu Mißdeutungen Veranlassung gebende Fassung des ersteren Gebets werde häufig zu der Behauptung benutzt, daß den Juden kein Eid heilig sei Ein solche Verleumdung enthaltendes Flugblatt wurde auf dem Bahnhofe zu Hirschberg vertheilt. Der Vorstand des Central-Vereins habe sich deshalb an die Behörden gewandt und sei überzeugt, daß die Schuldigen ihrer Strafe nicht entgehen würden. (Bravo-Rufe!) Das gleiche Vorgehen gegen den Redakteur der „Hannov. Post", der das Kol-Nidre- Gebet verleumdete, hatte den Erfolg, daß Herr Rethwisch zu 14 Tagen Gefängniß verurtheilt wurde. (Bravo-Rufe!) Selbst wenn das Reichsgericht die erstinstanzliche Entscheidung der I. Strafkammer zu Hannover nicht billigen sollte, bliebe der Erfolg bestehen, daß wir Richter gefunden haben, die in dieser Sache für uns entschieden. (Bravo!) Der Talmud bilde das Hauptangriffsobjekt der Antisemiten; derselbe werde allen Juden an den Rockschoß gehängt, obwohl er den wenigsten völlig bekannt sei. Er enthalte wohl auch Vieles, das sich nur aus den Zeitverhältnissen erklären lasse, in denen er entstanden; sein ganzer Inhalt müsse historisch erklärt werden. Nur bei übelwollender Erklärung biete der von den Juden mit Recht hochgeschätzte Talmud das Mittel, die Juden anzugreifen. Dabei werde die Taktik angewandt, die Juden entweder als völlig religionslos darzustellen, oder als ob sie alle Aussprüche des Talmud als gesetzliche Verpflichtungen anerkennen müßten. Ein solche Angriffe enthaltendes Flugblatt der „Breslauer Ostwacht", sowie ein Artikel des Dresdner Blattes „Deutsche Wacht", veranlaßte den Borstand des Central-Vereins, Schritte zu thun. In ersterem Falle ist das Verfahren im Gange, im zweiten erwartet der Vorstand, nachdem der Staatsanwalt und Oberstaatsanwalt sich ablehnend verhalten, eine Berücksichtigung seiner bisher von dem sächsischen Justizministerium noch unbeantworteten Beschwerde. Daß das Vorgehen gegen den antisemitischen „Generalanzeiger" wegen des Artikels „Historische Enthüllungen über die Judenmoral und das Blutgeheimniß", trotz des ablehnenden Bescheides des ersten Staatsanwalts nicht erfolglos bleiben werde, sei aus einer Notiz des „Generalanzeigers" ersichtlich. Aehnliches sei von dem Vorgehen gegen die Blutbeschuldigungen des Blattes „Freideutschland" zu erwarten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.