Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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59i Als Erster erschien ein Herr auf dem Plan, der in seiner Gegenschrift zwar nicht die Gründung eines jüdischen Reiches in Palästina für nothwendig hielt, aber doch die ausschließliche Ansiedlung aller auswandernden Juden in Palästina forderte, weil sie z. B. in Argentinien unsere seit langen Jahren dort ansässigen Glaubensgenossen, welche die Hauptimporteure der deutschen Jndlistrie sind, „durch ihr Schachern (!) ruiniren". Einen großen Eifer legt in einer jüngst erschienenen Broschüre ») ein zweiter Zionist, Dr. Heinrich Sachse, an den Tag. Mit aufrichtiger Genugthuung schließen wir zuvörderst aus seinen Worten, daß seine Gesinnungsgenossen ihr absurdes Ziel, das — und mögen sie es noch so laut bestreiten — schließlich auf die Gründung eines jüdischen Nationalreiches in Palästina hi»anslief — wenigstens vorläufig in den Hintergrund geschoben haben. Die Herren finden es jetzt für gerathen, dieses ihr Ziel zu verschleiern; aber alle Bestrebungen weisen immer auf dasselbe hin, und so wird der Kampf gegen dieselben zwar schwieriger, aber auch rücksichtsloser geführt werden müffen! Der große Gegensatz, der zwischen den Ansichten der meisten deutschen Bürger jüdischen Glaubens und denen der Zionisten herrscht, muß vor Allem in seiner ganzen Schärfe klargelegt werden. Wir erkennen zwar an, daß unsere Vergangenheit mit der unserer christlichen Nachbarn nicht identisch ist, daß unsere Vorfahren in politischer und religiöser Beziehung von den übrigen Bewohnern Deutschlands getrennt waren. In diesem Jahrhundert fiel aber in Deutschland — ebenso wie in den westlichen Ländern Europas — die politische Scheidewand; unsere Nachbarn nahmen uns als gleichberechtigte Bürger in ihre Mitte auf. Seit dieser Zeit sind wir und fühlen wir uns als treue Söhne des Landes, in dem wir leben und geboren sind, und uns trennt von unser» Nachbarn einzig und allein unser Glaube, der uns darauf hinweist, daß, wenn erst die Menschen getreu ihrer Bestimmung leben, die Zeit Hereinbrechen wird, wo auch die letzte Scheidewand fallen und das wahre Gottesreich entstehen wird! Seit unserer Aufnahme als Bürger des deutschen Vaterlandes knüpft uns an unsere Glaubensgenossen in andern Ländern nur das ideale Band der gleichen Religion, das auch die Katholiken und Protestanten aller Länder verbindet. Nur dann, wenn wir vernehmen, wie des Glaubens wegen unsere Brüder in fremden Ländern unterdrückt oder vertrieben werden, nur dann haben wir für dieselben ebenso warm und opferfreudig einzutreten, wie es zu ihrem unvergänglichen Ruhm wiederholt die Protestanten für ihre Glaubensbrüder gethan haben. Gegen unsere Stellung als gleichberechtigte Staatsbürger in unserem Vaterlande lehnt sich seit zwei Jahrzehnten eine bunt zusammengewürfelte Koalition auf — die Partei der Antisemiten; ihr Ziel geht auf die Entziehung dieses nach langem Mühen erkämpften Rechtes. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Partei aus einer verkehrten Auffassung des Nationalitätsprinzips und der Rassentheorie — zu welch' beiden „Gründen" noch einige andere kommen, die niedrigen Motiven entstammen — eine „Judenfrage" geschaffen, deren Lösung sie „in der Zusammenschweißung eines jüdischen Staates" sieht, der irgendwo von den leitenden Mächten im Wege internationaler Vereinbarungen aufgerichtet werden soll. Mit dieser Partei haben, trotz aller Ableugnungen, die Zionisten eine gewisse Verbindung: Gleich den Antisemiten behaupten sie, daß die deutschen Bürger jüdischen Glaubens ihrer Nationalität und Rasse nach mit den Juden der ganzen Welt vereint sind — es i) Dr. H. Sachse, Antisemitismus und Zionismus. Berlin, o. I., Schildberger. exiftirt auch für sie so eine „Judenfrage". Vergebens weist man ihnen die Verkehrtheit und Unrichtigkeit ihrer Behauptung nach: sie bleiben bei ihrer Ansicht, und ihr jüngster Kämpe führt als ganz neue Stütze für seine Meinung die „auffallende Thatsache" an. „daß die Angriffe der Antisemiten in den verschiedenen Ländern auf denselben grundsätzlichen Vorwürfen gegen die Juden beruhen, wie wiederum die Vertheidiguug der Juden in allen betroffenen Ländern mit den gleichen allgemeinen Beweisgründen geführt wird." Herr Dr. Sachse vergißt bei dieser „auffallenden Thatsache" nur die Kleinigkeit, daß die Angreifer eben — Antisemiten sind, die von einer nur in ihren Köpfen bestehenden Solidarität der gesammten Judenheit faseln, und daß wieder die Vertheidiger immer dieselben Momente vorführen müffen, daß nämlich aus der Raffe nie und nimmermehr von vornherein auf gute oder schlechte Eigenschaften eines Einzelnen geschloffen werden kann und darf. Lediglich aus diesem Grunde führen wir, wenn man lins z. B. als Angehörigen derselben Raffe (was bekanntlich noch' recht fragwürdig ist!) Scheu vor körperlicher Arbeit vorwirft, die jüdischen Rollkutscher in Odeffa, die jüdischen Schneider in London, die jüdischen Lastträger in Salonichi, die jüdischen Schmiede in Nordafrika vor. ebenso wie wir deni Vorwurf, daß wir „unserer Raffe nach" uns liicht für höhere Stellen im Kriegsdienst eignen, dlirch den Hinweis auf die Tüchtigseit der jüdischen Offiziere in der italienischen, englischen, österreichischen Armee begegnen. Wir bestreiten also ausdrücklich eine Einheit der Gesammtjudenheit, die wir mit unserer Stellung als deutsche Staatsbürger für unverträglich halten; denn daß Jemand warme Liebe für sein Vaterland fühlen kann, wenn ihm über Alles in der Welt seine Nationalität geht, erscheint uns wenigstens undenkbar. Eine „Judenfrage" giebt es für uns nicht; sie ist, ein Hirngespinst der Antisemiten und — Zionisten! Abgesehen von diesem freilich fundamentalen Gegensatz bringt das Prograinm der Zionisten für uns keineswegs etwas Neues. Es sind zum Theil recht alte Forderungen, die da zum Zweck der Errettung aus dem materiellen Sumpf, in dem wir Alle stecken sollen, vorgeführt werden. Als „Kulturaufgaben" stellen die Zionisten hin: Unterstützung der Vereine für jüdische Geschichte und Litteratur, die bekanntlich schon vor ihrer Propaganda bestanden haben, Unterstützung der Ackerbaukolonien in Palästina, die keineswegs, wie die Zionisten gerir verkünden, „ihr Gedeihen, wie ihre Entstehung lediglich nationaljüdischen Bestrebungen verdanken"; so verwahrt sich z. B. der Vorstand des „Esra", des thatkräftigen Palästinavereins, energisch gegen eine Zugehörigkeit zu den Zionisten! Daß der Jugend eine größere Kenntniß der jüdischen Religion noththue, daß den Rabbinen der ihnen zustehende Einfluß innerhalb des Gemeindelebens eingeräumt werde, daß der jüdischen Wiffenschaft eine reichere Unterstützung zu Theil werde, daß innerhalb der Gemeinde die denkbar größte Toleranz geübt werde — daß Alles sind Forderungen, über die sich die Zionisten von ihren Großvätern Auskunft erholen könnten. Immerhin wollen wir ihnen nicht das Verdienst absprech-n, dieselben aufs Neue kräftig angeregt zu haben, und sie werden sich durch schleunige Verwirklichung derselben leicht unsere vollste Anerkennung und unfern wärmsten Dank sichern können. Ihre weitere Forderung die hebräische Sprache womöglich zur zweiten Umgangssprache für die Deutschen jüdischen Glaubens zu erheben, wird freilich immerdar ein — zionistischer Wunsch bleiben. Auf politischem Gebiet wiederholen die Zionisten die alte Forderung einer vollständigen Durchführung der Gleichberechtigung; der betreffende Program inpunkt zeigt sogar die gleiche Fassung wie der diesbezügliche Punkt im Programm des dem Zionismus ent-