Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- Seite 591 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ob die sich in diesen Worten kundgebende Entrüstung berechtigt ist, oder aber ob die Bermuthungen der „Judenblätter" begründet sind, soll und kann hier vorläufig nicht untersucht werden, obwohl die letzten Nachrichten aus Traunstein dies sehr wünschenswerth machten. Ich möchte nur auf den Ton des Artikels Hinweisen und den Wunsch aussprechen, daß derselbe, wenn auch nur in gewissem Sinne vorbildlich für den Ton und die Handlungsweise auf jüdischer Seite werde. Mari kann auch vom Feinde lernen; er zeigt uns, sagt Schiller, was wir sollen, Und gerade hier haben wir es mit einem Vorgang zu thun, welcher den Juden Gelegenheit giebt, etwas überaus Wichtiges von ihren Feinden zu lernen. Setzen wir einmal den Fall, jenes Blatt hätte zufällig Recht, cs sei ein Zusammenhang zwischen der Explosion und dem Antisemitismus zu Unrecht angenommen - worden. Dann haben, wie jeder anständige Mensch rückhaltlos zugestehen wird, die „Judenblätter" durchaus verwerflich gehandelt, indem sie eine sensationelle Nachricht, welche über einen gewissen Personenkreis Ungünstiges verbreitete, veröffentlichten, ohne sich vorher von der Richtigkeit derselben überzeugt zu haben. Sie hätten dann freilich ähnlich gehandelt, wie die Antisemiten selbst in zahllosen Fällen; nur daß die Letzteren in dieser Art den Juden »nd Allem, was zu ihnen in Beziehungen steht, gegenüber noch unendlich mehr geleistet haben. Was sollen nach den Behauptungen antisemitischer Blätter die Juden nicht Alles verschuldet haben: ihnen haben wir die Cholera und die Handelsverträge, ihnen, und zwar Allen insgesammt, hat Frankreich zu verdanken, daß es seinen Präsidenten Carnot verloren hat, und daß es von einem Generalstabsosfizier verrathen, die Juden haben uns das kölnische Recht und das allgemeine Wahlrecht gebracht, sie sind die Urheber aller möglichen Verbrechen, kurz, fast Alles, was nach antisemitischer Ansicht der Gesammthctt nachtheilig ist, ist der oft geäußerten Meinung der „Antisemiten" zufolge durch die Juden oder wenigstens niit ihrer Beihilfe entstanden. Die Antisemiten wären hiernach zu allerletzt befugt, den Splitter im Auge der Juden zu entfernen, bevor sie das ihrige von dem Balken befreit; ihnen steht es am wenigsten an, in sittlicher Entrüstung diejenigen Vergehungen bei dem Gegner zu tadeln, welche sie selbst überaus oft in viel schlimmerer Art begangen. Und doch thun sie es! Das ist es, woran wir uns ein Beispiel nehmen sollten. Hunderte, ja tausende Male sind Juden, und was noch schlimmer, Jndenthum in viel ärgerer Weise angegriffen worden, als es hier dem Antisemitismus widerfahren; fortwährend werden uns gegenüber die schlimmsten Verdächtigungen ausgesprochen, aber nur höchst selten hat man sich auf unserer Seite zu einer energischen Abwehr entschloffen. Meist wurde einfach der Angriff registrirt und wurden dabei einige schöne Worte über die Schlechtigkeit derjenigen Menschen, die Derartiges über das Judenthum denken, geschrieben. Dann ließ man bei uns die Sache cinschlafen, während sie auf der Seite unserer Feinde dies nicht that, während dort die Angriffe ihre Wirkung ausübten. Als „unerhörter Bubenstreich" oder ähnlich wurden dieselben selten gekennzeichnet und noch seltener demgemäß behandelt, und so dürfen wir uns nicht wundern, wenn antisemitische Behauptungen, da sie unwiderlegt geblieben sind oder so gut wie unwiderlegt, von der großen Maffe geglaubt wurden, und wenn mit der Zeit nicht nur etwas, sondern sogar sehr viel an uns hängen geblieben ist. Daß sich diese Unterlassungssünden in letzter Zeit, und zwar nicht zum Mindesten durch die Thätigkeit des „Central-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und seiner Rechtsschutzkommission verringert haben, soll nicht verkannt werden. Indessen muß hier noch viel gründlicher Wandel geschaffen werden, insbesondere dadurch, daß in jüdischen Blättern und solchen, die dem Schutz des angegriffenen Judenthums ihre Spalten nicht verschließen, in energischer Weise die Abwehr betrieben wird. Alle diejenigen Repressivmaßregeln, die in den oben mitgetheilten Worten des | „Antisemitenblattes" den Juden gegenüber vorgeschlagen und an- - gedroht werden, z. B. die Klage bei den Staatsleitern, die Erörterung; im Parlament rc., werden paffend auch gegenüber den viel heftigeren und gemeingefährlichen Angriffe» und Beschimpfungen der Antisemiten angewendet werden könne». Ihnen kann endlich auch dadurch wirksam entgrgengetreten werden, daß dem obengenannten Verein von allen unberechtigten Angriffen gegen das Judenthui» Mittheilung gemacht wird, damit er in den geeignet erscheinenden Füllen die - Abwehr in angemessener Art in die Hand nehmen kann. Zu energiichem Handeln in den angedeutcten Richtungen sollen diese Zeilen eine Anregung bieten. * Aas Programm der Zionisten. Von Dr. S. Adler. M» einer Zeit wie der gegenwärtigen, in der wir unseres j Glaubens willen fortdauernd den Angriffe» einer wüsten k Schaar ausgesetzt sind, werden die treuen Andänger dieses; Glaubens Alles zu vermeiden suchen, was sie entzweien und einen j Riß in die festgefügte Phalanx bringen kann. Wenn wir aber sehen, 3 wie die unerfahrene Jugend von verworrenen lind ehrgeizigen Köpfen ■' sich zu Handlungen hinreißen läßt, die schließlich der Gesammtheit 1 zum Schaden gereichen, dann hat ein Jeder von uns die heilige J Verpflichtung, eine weitere Ausbildung dieser bedenklichen Erscheinung * mit aller Kraft zu verhindern. i Viele meiner Glaubensgenossen haben seit Jahren das Thun < und Treiben der messt noch recht jungen Zionisten mit einem wohli wollenden Läckeln betrachtet und aus der Beisterung der Jugend für die 1 nationalen Heldenthaten der Makkabäer und des Bar-Kochba den gesunden i Kern herausgeschält und das warme Interesse anerkannt, welches | das Heranwachsende Geschlecht im Gegensatz zu dem Jndifferentismus 3 der älteren Generation für das Judenthum hegt. Die Schwärmerei j für die Wiederherstellung des längst entschwundenen Zionsreiches, die ' mit diesem Interesse sich verknüpfte, würde — so hofften wir — der;• gereifte Verstand ein jähes Ende bereiten, der dem Einen früher, dem Andern später den klaren Blick über die gegenwärtige Stellung unserer Glaubensgenossen in dem Staate verschaffen muß. In der jüngsten Zeit hat indeß — als Reaktion gegen das j häßliche Treiben der Antisemiten — die zionistische Bewegung in unserem Vaterlande einen solchen Umfang genommen, daß ein Warnungsruf an unsere Glaubensbrüder nothwendig erschient) In ) ruhiger, rein sachlicher Weise wurde die Gefährlichkeit dieser Bestrebung i dargelegt und deren Endziel besonders scharf beleuchtet. Die kleine i Schrift verhallte nicht ungehört; fast alle jüdischen Zeitungen stimmten der in ihr zum Ausdruck gebrachten Meinung bei, und auch die Anhänger der Zionisten hielten es für geboten, Stellung zli derselben zu nehmen. Da sie einsahen, daß durch den in ihren Kreisen seit jeher beliebten Einwand von „Unkenntniß der wahren Bestrebungen des Zionismus", sowie durch Ausdrücke wie „Unverfrorenheit, Oberflächlichkeit u. s. w." die vorgebrachten Gründe nicht widerlegt wurden, entschloffeil sie sich zu breiteren Ausführungen. l) Dr. S. Adler, Assimilation oder Nationaljudenthum. Berlin 1894. Emil Apolant.