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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-14 · Heft 50 (14.12.1894) · p. Seite 590

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 50 (14.12.1894)
Date
1894-12-14
Page
Seite 590 (sequence 2)
Language
German
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590 Darüber hinaus hat aber die Sache doch eine ernste Bedeutung. Dieselbe liegt vor Allem in dem Widerspruch zwischen den Anschauungen der evangelischen Orthodoxie und des radikalen Antisemitismus über die Bibel. Und doch kämpfen beide Schulter an Schulter gegen die Juden als gegen das Volk der Bibel. Das ist die eine Seite der Frage. Die andere und nicht minder wichtige liegt aber darin, daß man bei dem Kampf gegen das „Alte Testament" sich keineswegs beruhigen, sondern unmittelbar darauf den Kampf gegen das „Neue Testament" beginnen wird, ja sogar von Seiten der Sozialdemokraten und der Antisemiten Dühring'scher Observanz bereits mit sehr scharfen Waffen begonnen hat. Wenn die evangelische Orthodoxie also dem Kampf gegen das „Alte Testament" stillschweigend oder achselzuckend zusieht, so ebnet sie dadurch die Wege allen Angriffen auf die Religion des Christenthums selbst, für dessen Vertheidigung sie ja ein Privilegium zu besitzen behauptet. Für uns als Juden hat dieser Kampf also nur symptomatische Bedeutung. Uns ist und bleibt die Bibel auch einer Welt von Feinden gegenüber heilig und theuer. Die Moche. Berl in, 12. Dezember. f er Sturm bricht los. Im neueröffneten Reichstag sind seitens der Antisemiten folgende Initiativanträge eingebracht worden: 1. Erlaß eines Schächtverbots gemäß den im Königreich Sachsen geltenden Gesetzen. — 2. Verbot der Einwanderung ausländischer Juden. — 3. Antrag auf Erlaß eines Gesetzentwurfs, wonach bei allen, gerichtlichen Vereidigungen von Parteien, Zeugen und Sachverständigen die konfessionelle Eidesformel wieder eingeführt wird. — Die Antisemiten fordern das Verbot der Einwanderung von Juden, die nicht in Deutschland staatsangehörig sind, die Ausweisung der Juden, welche Ausländer sind und nicht vor dem 1. August 1893 ein selbstständiges Gewerbe oder Geschäft in Deutschland getrieben haben, und ein Verbot der Gewährung der Staatsangehörigkeit in einem deutschen Bundesstaat an ausländische Juden. Die Begünstigung der Einwanderung soll mit Geldstrafe von 500 bis 1000 M. oder mit Gefängniß bestraft werden. Die Herren v. Hammerstein und Manteuffel haben Namens eines Theiles der konservativen Partei ebenfalls einen Antrag eingebracht, in dem sie die verbündeten Regierungen ersuchen, „dem Reichstage einen Gesetzentwurf vorzulegen, nach welchem Israeliten, die nicht Reichsangehörige sind, die Einwanderung über die Grenzen des Reichs untersagt wird." Und endlich will ein Antrag des nationalliberalen (!) Professors Dr. Haffe und des Grafen von Arnim eine Novelle zu dem Gesetz über den Erwerb und Verlust der deutschen Reichs- und Staatsangehörigkeit. Die Novelle soll den Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit, ebenso die Naturalisation Fremder im deutschen Reiche erschweren. Das heißt, diese Herren kommen den Konservativen und Antisemiten freundschaftlichst auf halbem Wege entgegen. Jndeß haben alle diese Anträge keine Aussicht ans Annahme seitens des Reichstags und des Bundesraths. Sie sind auch gar nicht deshalb eingebracht worden. Man will nur Gelegenheit haben, antisemitische Debatten ' zu provoziren, um den Wählern im Lande zu zeigen, daß man die ' großen Versprechungen nicht vergeffen und bereit sei, etwas für die „gute Sache" zu thun. In jedem Falle haben wir also in dieser Session heiße Debatten zu gewärtigen. ♦ Ein wichtiger Rechtsfall ist die am 7. d. Mts. erfolgte Vernrtheilung des Redakteurs des „Reichsherold" Medelsky in Marburg wegen Beleidigung jüdischer Einjährig-Freiwilliger zu 150 Mark Geldstrafe. Der Kriegsminister hatte bekanntlich den Strafantrag gestellt. Es handelte sich um eine Zechprellerei-Anekdote ohne jede thatsächliche Unterlage. Der „Reichsherold" bezichtigte vor einigen Wochen Einjährig-Freiwillige jüdischer Religion in sofern der Zechprellerei, als er behauptete, sie hätten während des Manövers bei ihren Quartiergebern bessere Speisen und Getränke mit der Versicherung bestellt, daß die Regimentskaffe dies bezahle» werde. Da diese Versicherung eitel Lüge gewesen, so wären die Qnartiergeber stets die Geprellten, denn sie vermochten nicht einmal anzugeben, welchem Truppentheil die Einjährig-Freiwilligen angehört haben. Eine Anzahl Einjährig-Freiwilliger jüdischer Religion wandte sich aus diesem Anlaß an den „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". Der Vorstand des von diesem Verein unterhaltenen Rechtsbüreaus hatte auf eine Eingabe an den Kriegsminister den Bescheid erhalten, daß er gegen den verantivortlichen Redakteur des „Reichsherold" wegen Beleidigung der Einjährig- Freiwilligen jüdffcher Religion auf Grund des 8 186 des Strafgesetzbuches den Strafantrag gestellt habe. Daraufhin ist nun die obengemeldete Verurtheilung erfolgt. Wir kommen auf die Angelegenheit noch zurück. „Gin unerhörter Bubenstreich." Von Leo Wolfs. nter dem diesen Zeilen Vorgesetzten Titel hat ein bekanntes antisemitisches Blatt einen Artikel gebracht, welcher mit den Worten beginnt: „Die Hetzereien und Verleumdungen der Judenblätter gegen die antisemitische Partei werden immer ärger." In demselben wird eine Explosion vor dem Laden eines jüdischen Kaufmanns zu Traunstein aus dem Gesichtspunkt besprochen, daß dieses Ereigniß von den „Judenblättern" („Franks. Ztg.", „Berl. Tgb!.", „Freis. Ztg.") mit den antisemitischen Hetzereien, insbesondere mit einer an demselben Tage in Traunstein stattgehabten antisemitischen Versammlung in Zusammenhang gebracht wird. Es wird kühn bestritten, daß ein solcher existire, und zum Schlüsse Folgendes gesagt: „Es besteht hier offenbar eine weitverzweigte Verschwörerbande, die darauf ausgeht, die antisemitische Partei um jeden Preis zu verdächtigen; mit größerem Raffinement konnte der abgefeimteste Verbrecher nicht vorgehen, als das hier geschehen ist, und die genannten Blätter „Frankfurter Zeitung", „Berliner Tageblatt", Münchener „Neueste Nachrichten" und „Freisinnige Zeitung" denen wohl noch mehr gleicher Art folgen werden —, haben sich mit ihren Mittheilungen zu Spießgesellen jener Banditen gemacht, und das nicht zum ersten Male. Es ist das ein in hohem Grade gemeingefährliches Treiben, und jetzt erwarten wir einmal, daß die Behörden die Verfolgung der Sache unverzüglich in die Hand nehmen. Wir sind nachgerade so weit gekommen, daß die Deutschen in ihrem eigenen Lande vor jüdischer Hinterlist nicht mehr sicher sind. Hier sollen künstlich Attentate „anarchistischen Anstrichs" konstruirt werden, um den Antisemitismus anarchistischer Umtriebe zu verdächtigen. Sie meinen, daß ein derartiges Treiben den Staatsleitern nicht gleichgiltig sein kann, da es die allgemeine Sicherheit in Frage stellt und der anarchistischen Propaganda nur Vorschub leisten kann. Andererseits dürfen wir wohl von den Abgeordneten der deutschsozialen Reformpartei erwarten, daß sie diese bubenhasten Verdächtigungen der antisemitischen Bewegnng im Reichstage zur Sprache bringen werden. Die Grube, die dem Antisemitismus mit solchen Verleumdungen gegraben werden soll, dürfte leicht das Grab der Anstifter und ihrer Helfershelfer werden."

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