Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1894)
- Date
- 1894-12-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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58. Jahrgang. Nr. 50 Berlin» 14. Aezenrber 1894. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementS-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteliährl. 3 M. Rebacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. LutzWjg Philipps»«-Bonn. Verlags-Vrpedition: Gerlin, Jerusalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition und an die Adresse.- Verlag der ,Allgem. Zeitung des Judenthums-. Berlin SW., Jeruialemer Straße 48/49 zu nchten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ttt)(tlt« Keitartilelr Der Kampf gegen die Bibel. — Die Woche. — „Ein unerhörter Bubenstreich." Von Leo Wolfs. — Das Programm der Zionisten. Von Dr. S. Adler. — Ordentliche Generalversammlung des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens". — Versammlung des „Vereins der Lehrer und Knltusbeamien des Reg.-Bez. Köslin" zu Neustettiu. — Ein Brief nach Amerika. Von Prof. Dr. M. Lazarus. — Die »Juden von Barnow". — fttotiUtfom Der Judenjunge. Eine Erzählung aus Ost-Galizien von Wilhelm Feld mann (Forts.). — SPrechsaaL. Dev Gemeirrdebole. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin. Königsberg i. Pr.. Königshütte. Beuthen. Rosdzin, Kattowitz. Mvslowitz. Hamburg. Köln. Wien. Budapest. St. Petersburg. Sofia. New-Iork. — Bon Rah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. — Briefkasten. Der Kampf gegen die Bibel. ' Berlin, 12. Dezember.. (cqJCTu haben schon kürzlich darauf hingewiesen, welch eine merk-. würdige Gruppirung der Parteien der Kampf hervor- - 0 gebracht hat, der in neuester Zeit gegen die Bibel, d. h. gegen das sogenannte „Alte Testament" geführt wird. Von zwei der- . schiedenen Seiten hat der Angriff begonnen: von liberalen Schulmännern und von radikalen Antisemiten, bei beiden natürlich aus sehr verschiedenen Motiven. Während aber früher die, Angriffe liberaler Schulmänner und freisinniger Kritiker in der orthodoxevangelischen Preffe, vor allen in der „Kreuzzeitung", eine entschiedene Zurückweisung erfuhren, wagt man jetzt den lieben antisemitischen Bundesgenossen gegenüber, selbst wenn sie in rohester Weise ihre Angriffe gegen die Bibel richten, auch nicht das leiseste Wörtchen des Tadels oder der Mißbilligung. Man muß ja die wackeren Bundesgenoffen bei guter Laune erhallen. Ja noch mehr. Selbst in orthodoxen Kreisen sängt man schon an, die Autorität der Bibel anzugreifen. In der evangelischen Landessynode in Württemberg wurde kürzlich mit 38 Stimmen gegen 17 beschlossen, ein Bibellesebuch für die Schulen zu schaffen, welches den Gebrauch der Bibel ersetzen und das „Alte Testament" nur im Auszuge enthalten soll. Ein Pfarrer aus Stuttgart hob in seiner Befürwortung des Antrages hervor, daß gegen die Benutzung der vollständigen Bibel als Schulbuch seit langem in Nord- und Süddeutschland eine sehr verbreitete und sehr berechtigte Abneigung bestehe, die sich namentlich auf folgende drei Punkte gründe: daß 1. das Alte Testament sehr vieles enthält, was die Kinder nicht verstehen (so die langen Gesetzes-Vorschriften), daß es 2. eine große Anzahl anstößiger Stellen enthält, die eine schlimme Einwirkung auf die Jugend haben können, daß es 3. auf einer verhältnißmäßig unvollkommenen Stufe der Sittlichkeit steht, durch welche die Jugend, der sonst doch die reine christliche Moral beigebracht wird, leicht verwirrt werden kann. Man wird von uns wohl kaum eine ernsthafte Antwort auf diese Angriffe erwarten; sie sind weder neu noch originell, und unzählige Mal widerlegt worden. Gegen die Forderung eines Bibellesebuches an sich haben wir ja nichts einzuwenden, die Behauptung aber, daß das „Alte Testament" auf einer verhältnißmäßig unvollkommenen Stufe der Sittlichkeit stehe, zeigt eine so gründliche Unkenntniß der gesammten biblischen Theologie, daß es sich wahrlich nicht verlohnt, näher darauf einzugehen. Für uns ist, wie gesagt, nur die Parteikonstellation von charakteristischer Bedeutung, welche sich zu diesem Kampfe zusammengefunden hat; denn auch aus den Reihen der Sozialdemokratie sind die Kämpfer gegen die Bibel „oder die sogenannten heiligen Schriften der Juden und Christen" in die Arena getreten. Der Kampf ist also von drei Seiten wieder einmal unternommen worden; jede Seite hat andere Motive, alle aber verfolgen das gleiche Ziel. Am Ende werden noch die freimüthigsten Kritiker, wie Wellhausen und Stade, der Bibel zu Hilfe eilen müffen, und es wäre immerhin ein ergötzliches Schauspiel, zu sehen, wie Wellhausen gegen die Genossen der ..Kreuzzeitung" lind Stade gegen die Freunde des „Volk" die Autorität der Bibel vertheidigen. Wir selbst stehen diesem Ansturm auf unsere alte Bibel sehr kühl gegenüber. Das heilige Buch hat andere Kämpfe lind andere Feinde erlebt und überdauert als die modernen. Für uns handelt es sich nur um die praktische Bedeutung dieses Kampfes, denn der Krieg gegen die Bibel geht bei unfern Gegnern ans dem Gedanken hervor, daß durch die Bibel die „Berjudung des Christenthums" eingetreten sei. Mit großer Freude haben deshalb die antisemitischen Blätter den Beschluß der württembergischen Landessynode begrüßt, weil er angeblich „der Berjudung des Christenthums wirksam entgegenzutreten geeignet sei". Es ist mehr als komisch, daß sie sich dabei auf Luther berufen, während ein alter, wir möchten fast sagen — platonischer — Judenfeind, nämlich Johannes Scherr, schon vor dreißig Jahren erklärt hat, „die mittels der lutherischen Bibel bewerkstelligte Berjudung unseres Volkes sei vom Unheil gewesen, und unsere großen Dichter und Denker des 18. Jahrhunderts seien hauptsächlich darum so hoch zu preisen, weil sie es unternommen, die Nation aus den Feffeln dieser Berjudung wieder zu lösen." Freilich hatte Scherr damals keine Ahnung davon, daß der ernsthaften Litteraturgeschichtsforschung einmal der Nachweis gelingen werde, wie unendlich viel gerade die größten Dichter und Denker des 18. Jahrhunderts, vor Allem Goethe und Schiller, dem Studium und den Anregungen der Bibel zu verdanken haben. Bon diesem Standpunkt aus betrachtet, nimmt sich der Kampf gegen die biblische und das Geschrei nach nationaler Erziehung geradezu komisch aus.