Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- Seite 587 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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<r, ^^7^: j»-re**tt■■*«))!.w«/ f *' /~.;i-~»-; *11 ’ . „ rv ' - .'- '• -< yr * - 587 über Stipendien und andere öffentliche Gelder, ihre Pflicht ist es daher. ..." „Oh, wie werde ich Ihnen danken können!" rief Graf, der plötzlich einen neuen Hoffnungsstrahl erblickte. „Unsinn!" warf der junge, in Gedanken vertiefte Herr hin. „Es bleibt nur die Frage, wie inan es anstellen »inß, um zu diesen Herrschaften zu gelangen." Er promenirte schweigend eine Weile. „So wird es gehen!" wendete er sich endlich an Jizchak. „Ihr werdet zu Dr. X. gehen, dessen Adresse Ihr Euch notiren müßt. Das ist ein hochgelehrter Herr." „Gelehrt?" „Doktor der Philosophie!" „Doktor der Philosophie?" Er war Profeffor an der Hochschule." „Ah!" „Dorthin müßt Ihr Euch also begeben. Ich werde heute mit ihm sprechen, ihm Eure Lage darsteflen und im Verein mit ihm etwas beschließen. Jizchak war entzückt. „Dieser Herr muß ein sehr glücklicher Mensch sein," bemerkte er. Moritz lächelte traurig. „Er ist sehr bedariernswerth —" und erzählte ihm in Kürze de» Lebenslauf des Dr. X. „Moritz!" ließ sich jetzt aus dem anstoßenden Ziinmer die Stimme der Frau Bauer vernehmen. „Wie kommt es, das Lolas Schirm hier am Schreibtisch liegt?" „Ich komme, Mütterchen!" rief Moritz, seinen Gast verlassend. Diesem gerann das Blut in den Adern, als er hörte, wie in demselben Augenblick die aus der Küche in jenes Zimmer, wo sich Frau Bauer mit ihrem Sohne befand, führende Thür geöffnet wurde, und Lolas Stimme ertönte, aber so sonderbar klingend, wie von Thränen und Entrüstung erfüllt. „Denkt Euch nur," begann diese sonst so heitere und liebliche Stimme, „er begegnete mir, während ich zu Emilie ging, stellte sich mir auf der Straße in seiner ganzen Herrlichkeit entgegen, i» seinem Kaftan, mit seinen ekelhaften Seitenlöckchen. ..." „Aber wer denn? und wo?" frug die Mutter. „Was ist denn geschehen? Lola!" Diese erhob ihre Sopranstimme. „Das ist eine unerhörte, unerträgliche Impertinenz. ... Er hängt sich mir auf offener Straße, im Angesichte der ganzen Stadt an, und dann ... natürlicherweise geschickt, wie ein Bär. ..." Jizchak hörte Alles, er hörte, wie sie hestig sprach, dabei mit dem Fuße auf den Boden klopfend, und wie sie bei den letzten Worten inmitten des größten Zornes zu lachen begann, wahrscheinlich sich an seine ergötzliche Jagd nach dem Hute erinuernd. ... Er näherte sich der Thür, unwillkürlich lauschend. Das Blut war ihm zu Kopfe gestiegen, sein Gesicht bis an die hohe Stirn röthend, dabei klapperte er mit den Zähnen. „Wird man endlich erfahren, wer dieser Don Quichote war?" fragte Moritz indeffen. „Aber dieser, Dein Judenbengel — dieser —" »St." machte der Bruder. „Er ist dort!" Jizchak hörte noch «in kurzes Geräusch, dann hatten Alle das Ziinmer verlaffcn. Bald darauf kehrte Moritz zurück. „Also," setzte er das frühere Gespräch fort, als wenn es gar keine Unterbrechung erlitten hätte, „morgen Vormittag werdet Ihr zum Doktor gehen." »Ja, ja ...." stimmte Jizchak bei, ohne auf seine Worte zu achten. „Aber," warf Moritz ein, „Ihr müßt diesen asiatischen Anzug ausgeben und Euch europäisch kleiden...." „Ganz richtig," gestand Jizchak demüthig. „Wenn Ihr wollt," fügte Moritz hinzu, „werde ich Euch die uöthigen Kleider und einen Kragen geben ... sie sind schon etwas abgenützt ... aber ... noch ganz gut ..." „Nein, nein, ich danke schön," erwiederte Jizchak, in seinem Stolze verletzt. „Ich werde mir schon helfen. Ich bin sehr dankbar, aber in der That. . . ." „Seid also morgen um die Mittagsstunde dort." Jizchak ging, ohne den Weg vor sich zu sehen. „So ist es denn. Ich bin eine Null, ein Bettler . . . niedriger als jeder andere Mensch," wiederholte er sich mit unsäglicher Bitterkeit, die in ihm brannte und ihn verzehrte. ... Und doch war es vor Kurzem anders gewesen. „Habe ich cs denn nicht früher gewußt, daß sie ein schönes . . . reiches ... gebildetes Fräulein ist? und ich? Ah ... sie verdient es nicht, daß ich an sie denke!" sagte er sich zuletzt mit festem Entschluß —; und in seine Wohnung zurückgekehrt, wiederholte er sich: „ich werde vergessen — ich werde vergessen." Aber während er noch so sprach, suchte er mit fieberhafter Eile das Hest, welches die von ihrer Hand ausgebesserten Ausgaben und hier und da ihre Unterschrift enthielt. Diese ihre Unterschrift, diese Spuren ihrer kleinen Finger drückte er an die Lippen, lange . . . und leidenschaftlich. IX. Nach der Erzählung des Herrn Moritz war Doktor X. ein sonderbarer Mensch. Als Sohn armer Eltern, hatte er nur, Dank seinem Fleiß und seiner Ansdauer, die philosophischen Studien an der Lemberger Universität beendigt; um seine Studien sortzusetzen, ließ er sich in Deutschland nieder, wo er sich bald als ein äußerst tüchtiger Forscher auf dem Gebiete der philologischen Kenntnisse erwies. Ein größeres Werk über diesen Gegenstand erregte die Aufmerksamkeit der Männer seines Faches und brachte ihm die Dozentur an einer berühmten deutschen Universität ein. Der juuge Gelehrte befand sich ans dem besten Wege zu einer glänzenden Laufbahn; noch nicht dreißig Jahre alt, besaß er bereits einen europäischen Ruhm, war Mitglied einiger gelehrten Gesellschaften, das Orakel und Vorbild einer Jugend, welche in ihm einen Meister auf seinem Gebiet und den Bannerträger im Kampfe gegen die Finsterniß, die Vorurtheile und Krebsschäden der Jahrhunderte, verehrte. Eine Professur war ihm zugesichert, ebenso Ehre und Liebe — aber der Sonderling, der empfindsame, unpraktische Idealist, verstand davon keinen Nutzen zu ziehen. Es zog ihn unwiderstehlich nach Polen zurück. Es genügte ihm nicht, daß er bis nun, trotz seiner Entfernung. Beziehungen mit dem Heimathlaud unterhielt rmd zahlreiche Abhandlungen in polnischer Sprache veröffentlichte; es genügte ihm nicht, von Zeit zu Zeit in den vaterländischen Zeitschriften folgende Notizen zu lesen: „Unser berühmter Landsmann, Dr. X., der Stolz der zeitgenössischen Wissenschaft, beweist durch sein Beispiel die Lebensfähigkeit und Produktivität unseres Volkes auf geistigem Gebiet." Eines schönen Tages sagte er Deutschland, allen schönen Aussichten und Wissensquellen Lebewohl, rmd mit der Handschrift eines neuen Werkes über die vergleichende Sprachenkunde in seinem Felleisen machte er sich nach Lemberg ans. Er zweifelte keinen Moment daran, daß das Land, dem er all' seine Kräfte zu widmen gedachte, ihm auch das geeignete Feld zur Entfaltung derselben bieten müßte, daß die Universitätsprofefforeu, welche so oft und schmeichelhaft seine Arbeiten beurtheilt hatten, ihn