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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-07 · Heft 49 (7.12.1894) · p. Seite 586

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
Seite 586 (sequence 10)
Language
German
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586 gewichtvolle Stimme, ein entscheidendes Zeugniß ciu§ der Vergangenheit wider ein halt- und besinnungsloses Anklagegetöse der Gegenwart. In einem herrlichen „Die alte »nd die neue Renaissance" iiberschriebenen Aussatz hatte der nunmehr verstorbene Graf Friedrich von Schack (Pandora, Verm. Schriften, 1890) mit aller Kraft seiner anziehenden und eindringlichen Begründung den Gedanken airsgeführt, das; die das Mittelalter abschließenden, aber erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts zn vollem Durchbruch gelangten Wirkungen der Wiedererweckung des hellenischen Geistes, der sogenannten Renaissance, sehr unvollkomnrene geblieben seien, trotz des reichen Segens befreiender und humanisirender Umwälzungen, die ihr das Kulturleben der europäischen Völker unzweifelhaft zu danken habe. Denn alle jene Fortschritte der Erkenntnisse und Einrichtungen, jener gewaltige Umschwung der ganzen Bildung und Gesittung habe doch ein furchtbares Hauptübel, den seit Jahrtausenden die Menschheit zerwühlenden Glaubenshaß, diese feindliche Scheidung der Menschen um verschieden gearteter Dogmen ivillen, nicht hinwcgzntilgen vermocht. Allerdings seien es zum Theil böse Antriebe des Menschenherzeus, welche eine Verengung und Verdumpfung der Religion in den Seelen bewirken, die sie ausweiten und erhellen sollte. Aber ein sehr großer Theil der Schuld an den heute noch unversöhnten Feindseligkeiten und Friedensstörungen ließe sich auf Unwissenheit zuriickzuführen, auf mangelnde Kenntniß der einen Konfession von den Lehren uird Grundsätzen der andern. Und hier würde eine nothwendige Ergänzung und Vollendung der ersten Renaissance erst durch eine zweite heraufgeführt werden: durch die im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte allmählich angebahnte und jetzt bereits zu den bedeutsamsten Ergebnissen gediehene Neuerweckung der orientalischen Studien. Der Orient sei ja die Wiege aller noch bestehenden Hauptreligionen der Welt und für ihre richtige Auffassung, die Erkenntniß ihres Ursprungs wie ihrer geschichtlichen Entwickelung seien die uns neu erschlossenen heiligen Gedichte und Religionsbücher der altorientalischen Völkergruppen von außerordentlichem Belang, so daß in dieser Hinsicht die Geisteswerke der Griechen weit hinter ihnen zurückstehen, Plato nicht ausgenommen. Je mehr eine Kenntniß dieser an Aufschllissen so reichen Urkunden von der unermüdlichen Emsigkeit der Fachgelehrten in weitere Volkskreise getragen werde, um so mehr würde dadurch allmählich ein Wandel des Sinnes geweckt, die Neigung zur Friedfertigkeit gefördert werden. Man würde sich endlich überzeugen, daß in den heiligen Büchern jener fernen und uralte» Völker schon Grundsätze des Guten vorhanden seien, die mit denen der eigenen Religion übereinstimmen, und diese Einsicht müsse auch mildere Empfindungen in den Herzen wecken. Sie würden erkennen, daß die Verschiedenheiten nicht aus Verstocktheit festgehalteu werden, sondern in den Jedermann schon mit der Muttermilch eingeflößten Dogmen bestehen, und wer dies einmal erkannt habe, könne unmöglich den Andersgläubigen hasten. Ja, es müsse sich, wofern er nicht ganz verblendet ist, der Gedanke in ihm regen, es sei bellageuswerth, daß eine solche Verschiedenheit oft ganz unfaßbarer Glaubenssätze die Menschen von einander entferne, während die weisen, in ihren heiligen Büchern gelehrten Lebcnsgrundsätze sie in Eintracht verbinden könnten. Es ist nicht ersichtlich, wie weit der gefeierte Dichter und große Litteratur- und Kunstforscher zu seinen von prophetischer Wärme beseelten, von hohen Gesichtspunkten ausgehenden Betrachtungen durch bestimmte Vorgänge unserer Tage veranlaßt worden ist. Er setzt die einzelnen Thatsachen als osienkundige voraus, und mit einem Wort berührt er den in China wie in den muhamedanischen Ländern immer von Neuem zu wilden Flammen auflodernden Christenhaß, die Protestantenverfolgungen in Rußland und seinen baltischen Provinzen, die feindlichen Spannungen zwischen Katholizismus und Protestantismus, den immer heftiger entbrennenden Dogmenstreit innerhalb der protestantischen Kirche rc. rc., auch nicht die organisirten Anstrengungen zu gewaltsamer Niedertretung der jüdischen Landesgenossen, zur Aechtung ihrer Religion und Religionsurkunden. Bei unserm Hinblick aber auf diese letztere Unterbrechung des Kulturgangs durch eine so ausnehmend wüste und roh sich gebehrdeude Bekundung barbarischer Rassen- und Glaubenswuth sehen wir uns unwillkürlich an die herzergreifenden, der innersten Ueberzeugung entfloffenen Mahnungen des ehrwürdigen Zeitgenosien erinnert. Namentlich der traurigen Erscheinung des Bildungsantisemitismus und seinem unheilvollen Einfluß gegenüber vermehren sie die immerhin nicht geringe Zahl der tröstlichen Anzeichen, daß auf den Höhen wissenschaftlichen Denkens die Freiheit des Blickes noch nicht nmdunkelt ist und hier noch in unversehrt fortwirkender Lebenskraft der einst von Herder gepflanzte Geist waltet, als dieser große Lichtverkünder unserer klassischen Epoche die Wiffenschaft aus den Beengungen des National- und Religionsdünkels erlöste, die Befähigung zu unbefangenem und liebevolleil Erfasten fremden Anschauens als Grundbedingung aller echten Bildung lehrte und damit einem unermeßlichen Fortschritt Welt- und völkergeschichtlicher Erkenntniß die Wege bahnte. Mögen in diesem Geiste humaner Objektivität auch die vortrefflichen Uebertraguugen Hellers aus der hebräischen Poesie des Mittelalters von Allen gewürdigt werden, denen es bei der Feststellung ihrer Urtheile nicht um Befriedigung eines Haßbedürfniffes zu thun ist, sondern um Wahrheit und Gerechtigkeit. c. M UMBQMil MMMk W ... j M I II FEUILLETON n Ä J W MMWM -1 — «2* I 1—1 üMHBlkülßZ: raumiz&s Ner Iudenjunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. Arbeit welche jetzt nicht wissen, was mit dem Gelde zu beginnen; es gicbt hier auch manche große Leute, welche immer ihre Ideen und Verdienste bis zum Himmel erhebe», mögen sie jetzt ihren Werth zeigen, diese Herren! Dort wollen wir anklopfen, Jizchak!" „Was haben Sie vor?" „Ich kann Euch nur mit meinem Rathe. mit meiner Aushilfe beim Lernen beistehen. Es giebt aber einflußreiche, über bedeutende Mittel verfügende und dabei gefällige Leute. Bei diesen müßt Ihr Zutritt finden." „Zu welchem Zwecke?" „Wie naiv Sie sind! Um ihre Unterstützung zu erlangen." „Ich verlange aber nicht ihre Almosen." Moritz biß sich in die Lippe. „Davon ist ja keine Rede. Diese Mensche» habeil aber riesige Verbilldlingeu in der Handelswelt und in Handwerkerkreisen, verfügen L

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