Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- Seite 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228090--51317-3274175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
585 Bedeutung, nicht als Philo- oder Antisemit, auch nicht als Poet, sondern als Interpret der Bibel und damit des „jüdischen Geistes," und auch dieses nicht etwa im gelehrten Sinne, sondern als ein — züweilen recht handtverksgemäßer — Bearbeiter biblischer Stoffe. Darin hat Hans Sachs eine außergewöhnliche Früchtbctrkeit bewiesen. In seinen mehr als 4000 Meistergesängen behatidelt er Überwiegend biblische Motive. Er hat auch Episoden wie ganze Epöcheii der biblischen Geschichte, dramatisch, rhapsodisch, „prosaisch" bearbeitet, hat gereimt und ungereimt poetische Theile der Bibel, besonders Psalmen übertragen und hat mit letzterer Thätigkeit wohl den Kirchenlied- Dichter Luther, „die wittenbergische Nachtigall" zur Nachfolge angeregt. Die litterarhistorisch-bibliographische oder kritische Beleuchtung dieser Thatsachen überlaffen wir den Männern vom Fach; hier hat sie! für lins keine Bedeutung. Es mag paradox klingen, aber es ist wahr: gerade der Umstand, der Hans Sachs bei seiner litterarischen Würdigung immer zum Nachtheil gereicht hat und gereichen wird, er macht ihn uns werthvoll. Dieser Moment ist seine Zugehörigkeit, seine hervorragende Stellring in der Zunft der Meistersänger. Wir sind nicht so kühn, im Gegensätze zu all' den Autoritäten der Leistungen dieser Schule einen höheren dichterischen Werth beimeffen zu wollen; wir lasten Urtheile wie „handwerksgemäße Reimerei" und andere Schlagwörter durchaus unangefochten. Die Bedeutung des Handwerkersanges beruht auch nicht in ihrem dichterischem Werthe, sie liegt auf ethischem Gebiete. Durch den Zusammenschluß zu ihren Schulen haben die Meistersänger sich und damit dem Kern des Volkes strenge Züchtigkeit und bescheidene Ehrbarkeit in einer moralisch verkommenen Zeit bewahrt, und sie haben diese sittliche Reinheit in ihren Dichtungen zr»n strengen Ausdruck gebracht. Und was diesen einfachen Leuten, denen eine so erhabene Mission im Volke geworden, Quell und zugleich Maßstab ihrer sittlichen Bestrebungen darstellte — das war die Bibel. Der Bibel Ideen und Gestalten begeisterte sie zu ihren Gesängen, und der Bibel Geist war auch für die Beurtheilung des Geschaffenen ausschlaggebend. War das der dichterischen Entfaltung nicht förderlich, so war es doch wichtig genug für die Erhaltung von „Zünftigkeit und Ehrbarkeit" und damit für die Erhaltung des Volkes überhaupt. Man sieht, es hat auch Zeiten gegeben, in denen der jüdische Geist, der Geist des „bibelschöpferischen Volkes" gesellschafterhaltend wirkte — durch das Medium des Meistergesanges und seiner schlichten, anspruchslosen Urheber. Unter diesen hat Hans Sachs in erster Linie gestanden; sein Ruf ist auf die Nachwelt übergegangen, ist in diesen Tagen gebührend aufgefrischt worden. Und hat die Bibel den bescheidenen Nürnberger Meister nicht zu einem deutschen Shakespeare emporgehoben, so hat sie ihn doch zu einem Grobsiegelbewahrer deutscher Sitte und deutscher Ehrsamkeit gemacht. Ein ehrlicher Mannn kann nicht dieser Verdienste des Meisters gedenken und „den jüdischen Geist" in Bausch und Bogen verdammen. Nie echten hebräischen Melodien. Randbemerkungen von Dr. Albert Fränkel in Leipzig. III. ''Uti wohlan, nicht weniger als 203 dieser Gedichte sind jetzt sinngetreu, in reinem und schönem Deutsch dem Einblick erschlaffen, und wir geben von vorn herein zu, daß sie durch ihre morgenländischen Ausdrucksweisen und exotischen Kunstformen mannigfach den Anforderungen modernen Geschmacks, auch durch spiritnalistischf visionäre Symbolik und apokalyptische Vorstellungen mittelalterlicher Mystik den Anschauungen heutiger Bildung nicht entsprechen. Es sind dies jedoch Punkte, die uns hier fern liegen, mit denen die Geschichte der Theologie und die vergleichende ästhetische Kritik ruhig sich abzufindeu hat, während jetzt der Streit um die Moral oder angebliche Unmoral des Judenthums so viele Köpfe erhitzt und gewaltsam in den Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit geschoben ist. Mögen also die gewerbsmäßigen oder freiwilligen Ausspürer jüdischer „Schlechtigkeit" herbeikommen Und mit zehndoppelt geschärfter Spählust jedes Wort, jede Strophe, jede Verszeike untersuchen, man darf begierig sein, wie sie es anfangen werden, aus diesen von indrüiistiger Gottesliebe durchhauchten Lobpreisungen und Verherrlichungen des Weltschöpfers und Welterhalters, aus diesen immer wiederkehrenden Klage» über das Elendsloos, diesem aufjubelnden Erhoffen einer bessern Zukunft Israels einen andern Sinn als den einer kindlich harmlosen, unverwandt nach Oben gerichteten Frömmigkeit herauszulesen. Damit aber sind die in sinniger Verwendung gern an Bibelworte sich lehnenden Haupt- und Grundmotive der Lieder angedeutet. Privatwünsche, Anliegen und Bitten um persönliches Glück und Wohl finden sich überhaupt nicht in ihnen, wohl aber in großer Anzahl gedankenschwere, ergreifende, tiefsinnig-geistvolle Betrachtuugen über die Nichtigkeit aller irdischen Güter, die Eitelkeit, Ohnmacht und Sündhaftigkeit menschlichen Lebens und Strebens, dem inmitten alles endlosen Schwindens und Zerrinnens kein anderer Halt und Schutz bleibe als in der rückhaltlosen Liebe zu Gott, in dem hingebenden, reue- und demuthsvoll entsagenden Vertrauen auf die Gerechtigkeit und erbarmnngsvolle Gnade des Einzigen und Ewigen. Dies Alles mag von freidenkerischen Standpunkten der Gegenwart als excentrischer Spiritualismus, als eine Traum- und Bilderwelt schwärmerischer, in asketischen Verzückungen schwelgender religiöser Phantasie bezeichnet werden, auch werden Frommgläubige anderer Konfession dabei die Heils- und Erlösungslehren ihres eigenen Glaubens vermissen, Aesthetiker das Abgeschmackte mancher Wendung und den Mangel an plastischer und dramatischer Gestaltung des Ideengehalts beklagen. Irgend eineir Anhalt jedoch zu Bezichtigungen des sittlichen Charakters, ja auch nur den Schimmer eines unwürdigen Gedankens, einer verwerflichen Regung und verdächtigen Aenßerung wird selbst der herzhafteste Anschwärzungseifer antisemitischer Tugendmeister in diesen alten „Judenliedern" und „Judengebeten" nicht entdecken können, so unverkennbar spricht aus ihnen der weihevolle Ernst und Hochsinn einer veredelten, allem Gemeinen und Leichtfertigen, allem Unreinen und Unkeuschen weit abgewendeten Gesittung. Oder sollte es möglich sein, Gottesdienst und Religions- Vorschrift, Gebet und Religionslehre als zwei getrennte Gebiete anzusehen, die einander widersprechen können? Sollte Jemand zu der Ausflucht sich versteigen können, daß alle diese Dichter, diese Hunderttausende von Betern verschiedenster Zeitalter an ihren höchsten Fest- und Bußtagen, an ihnen heiliger Stätte, in intimem Verkehr mit ihrem als allwiffend, als Prüfer der verborgendsten Herzensgeheimnisie von ihnen gepriesenen Gott ein beispiellos frivoles Versteckspiel der Heuchelei und Verlogenheit getrieben haben? Bei der Art antisemitischer Deutungen und Beweisführungen würde ein derartig kchwindelhaster, zur Blendung Einsichtsloser erhobener Einwand nicht wunderbar sein. Denn in der That gäbe es keinen andern, d. h. seinen verständigen und redlichen Ausweg, das seit Jahren marktschreierisch aufgepflanzte Scheuch- und Schreckensbild eines gemeingefährlichen Judenthums gegen den aus den „echten hebräischen Melodien" leuchtenden Geist einer makellosen Sitten- und Gesinnungsreinheit zu retten. In dieser ethischen Seite des Buches liegt für uns seine aktuelle Bedeutung, und darum begrüßen wir es als eine