Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-07 · Heft 49 (7.12.1894) · p. Seite 584

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
Seite 584 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228090--51316-3274174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

lichkeit, mit der er die Schlußtheile seiner größeren Werke konzipirt habe. Daß doch solch' ein von autoritativer Seite gesprochenes, auf einen oder einige Fälle paffendes Wort so leicht zum Stichwort wird, mit dem man in der Folge Alles, das ganze Schaffen eines Künstlers beurtheilt! In der That hat die impulsive Natur Rubinsteins ihn manchmal zu einem schnellen, allzuschnellen Hinwerfen und Ausfuhren einzelner Sätze verleitet; ja noch mehr, der stete Schaffensdrang in ihm und die Unmöglichkeit, Anderes niederzuschreiben, als was ihm die unmittelbare Eingebung des Momentes bot, hat öfter, wenn der Moment eben kein günstiger war, veranlaßt, daß die ganzen in diesen Zeiten geschaffenen Werke unbedeutend, verhältnißmäßig ärmlich wurden; doch das sind einzelne seiner Werke, von den Fehlern feiner Tugenden erzeugt, von dem stets in ihm strömenden Musikgeist. den er auch zur Unzeit nicht zurückzuhalten vermochte, geboren. Als einen durchgehenden Zug kann nichts als die Verblendung des Vorurtheils oder nachsprechende Unwiffenheit diese gelegentlichen Verfehlungen bezeichnen. Dagegen haftete ihm auf anderer Seite eine Schwäche an, auf die wir schon oben hingedeutet: in der Vokalmusik war er ein Kind unserer Zeit, d. i. eine wahrhafte, echte Vokalmusik zu schaffen, war ihm, wie den meisten zeitgenössischen Komponisten, nur in seltenen Fällen möglich. Die kompositorische Richtung unserer Zeit krankt daran, daß sie sich, sobald es sich um Gesangmusik handelt, so eng und sklavisch an den Text klammert, nicht nur an seinen Inhalt, sondern auch an seine äußere Form, an die Hebungen und Seiikungen, welche die Stimme bei der sprachlichen Deklamation des Textes macht, an die logischen oder syntaktischen Betonungen, welche beim Sprechen der Worte innezuhalten sind, daß die freie Erfindung der Gesangmelodie, ihrer aus dem Musik-Geist zu schöpfenden Auf- und Niederbewegnngen und Accentuatione», völlig ins Stocke» geräth; es entsteht dann statt einer schwunghaften, voll die Empfindung des Textes wiederspiegelnden Melodie eine dürre Deklamationsmelodie, die werth- und wirkungslos ist, weil sie für Deklamation zu viel Musik, für Melodie zu wenig Musik ist. Wenn er sich mit einem Text zu schaffen machte, dann ging selbst einem Rubinstein seine sonst so reiche Phantasie aus! Derselbe, der die herrlichen oben erwähnten Lieder geschaffen, hat daneben viele unbedeutende hervorgebracht und, was bedauerlicher, ist, in den Gesangpartien seiner Opern verhältnißmäßig selten den echten Vokalstyl gefunden. Diese schwerwiegende Ausstellung ist man der Wahrheit diesem großen Manne gegenüber ebenso schuldig, wie das begeisterte Lob, welches eine ungeniein große Zahl seiner Schöpfungen verdient. Der kurze Artikel, den wir dem Hingeschiedenen Künstler weihen, kann und soll nicht den Umkreis seiner Leistungen erschöpfend oder, auch nur Alles berührend behandeln. Wir möchten aber noch zwei große Werke etwas spezieller betrachten, eins von allgemeinstem Werth und ein anderes, das uns als Juden im Besondern interessirt. Das erste ist seine große Symphonie mit der Ueberschrift „Ocean". Wir halten sie für die bedeutendste symphonische Schöpfung, die seit der Mitte unseres Jahrhunderts geschrieben worden. Ein Beethovenscher, kraft- und schwungvoller und auch wieder ein hochromantischer Geist lebt in diesem Werk. Rubinstein hat ihm allmählich die riesige Ausdehnung von sieben Sätzen ge-, geben, in denen sich elegischer Ernst, freudig-lyrische Empfindung,- Großartigkeit, geistreichster Humor, andachtsvolle Stimmung, jubelnder Aufschwung wechselnd und mit mächtiger Wirkung aussprechen. Die Bedeutung dieser Symphonie wird allgemein gewürdigt, nur leider häufig mit der Lauheit, welche unser musikübersättigtes und dadurch im Empfinden matt gewordenes Zeitalter auch dem wirklich Großen gegenüber zeigt. Dem frisch Empfindenden ist sie ein höchster Genuß und ein Gegenstand höchster Bewunderung. Das andere Werk, das wir zum Abschied näher betrachten möchten, find die „Makkabäer". Hier ist das seelische Element des JudenthuiNs in seiner Eigenart ünd nach seinen tiefsten und edelsten Seiten in Tönen wiedergegeben. Der tiefe, von religiöser Gründstimmung durchzogene Ernst, das Kraft- und Empfindungsreiche, das die alten Frommen wie die alten Helden des Judenthums durchglühte, erhalte» an vielen Stellen einen unübertrefflichen Ausdruck. In einigen Partien, z. B. in der Klage der Juden um Zion, ergreift Rubinstein als Charakterfarde direkt die Wendungen der synagogalen Musik, die ebengenannte Stelle hat innerste Verwandtschaft mit den Weiseil des Versöhnungstages, nur daß hier der ganze Schniuck und Nachdruck der Harmonisirung imb Jnstrumentirung hinzutritt. Dabei ist die Oper nichts weniger als einseitig; die mannigfachsten Stimmungstöne werden mit gleicher Wirkungskraft angeschlagen. Die erste Scene, Volk im Freien gelagert und das Lob der Makkabäerin Leah anstimmeild, hat eine entzückende Musik von idyllischem Charakter, die Fortsetzung bringt einen Winzerchor, der prächtige Frische und Lebenslust athmet; gänzlich unterscheidet sich von der Charakterisirung des jüdischen diejenige des syrischen Elements, das kriegerische und gewaltthälige Auftreten der Syrer, ihre Anrufung der Göttin Athene, werden niit höchst bezeichnenden Musikweisen ausgestattet; eine herrliche, wieder gänzlich anders geartete Mustk, die uns spätgriechische Zeit und Lebensempfindung vergegenwärtigt, ist der Gesang an Eros von der syrischen Prinzessin und ihren Begleiterinnen, und so wäre noch inanches Ausgezeichnete zu nennen. Zu bedauern ist, daß hin und wieder die Vokalpartien schwächer gerathen sind in Folge jener oben bezeichneten allgemeinen Schwäche, welcher die Muse Rubinsteins bei vokalen Aufgaben häufig erliegt. Aber auch mit diesen schwachen Punkten bleibt diese Oper eine der schönsten, der eigenthümlichsten und werthvollsten, und für uns speziell eine erhebende Verkörperung des Besten, das wir in dem jüdischen Stammescharakter und in den großen Gestalten unserer Geschichte schätzen. Die „Makkabäer" waren früher im hiesigen königlichen Opernhause ein oftmals gegebenes, enthusiastisch aufgenommenes Werk, sie verschwanden aber vom Repertoir, als die bedeutende Darstellerin der Leah, Fräulein Brandt, sich von der Bühne zurückzog. Vermuthlich wird man die „Makkabäer" jetzt bald wieder zur Aufführung bringen, man dringt — und nicht etwa nur von jüdischer Seite — darauf, die gehaltvolle musikdramatische Schöpfung wieder zum Leben erwachen zu laffen. — Auch für viele andere, kleinere und größere Rubinsteinsche Werke, die vergeffen daliegen, weil die Fluth des Neuen sie den Künstlern aus dem Gesichtskreis gerückt hat, wird gewiß die Zeit der Wiedtterweckung kommen, und man wird dann noch weit stärker als bisher enipfinden, welche Fülle des Großen und Poesievollen diese herrliche Künstlernatur in sich barg und mit wie reichen Schätzen sie uns beschenkt hat. Sans Sachs und die Kidel. Ein Nachklang zu seinem 400. Geburtstage. Von S. Andorn in Crefeld. fie Hans Sachstage sind vergangen. Auf der Bühne in allerlei Fest- und Zeitschriften und in der Tagespreffe hat man sein Gedenken gebührend verherrlicht. Die jüdischen Zeitungen haben den Tag sang- und klanglos vorübergehen laffen, haben der Erinnerung an den großen Meistersinger auch nicht einmal eine Zeile geweiht. Und doch hat der Nürnberger „Poet" auch für uns seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.