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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-07 · Heft 49 (7.12.1894) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
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583 Noch einmal Anton Nubrnstern. Von William Wolf.y J^n diesen Tagen ist ein glänzender Stern am Himmel der y Tonkunst erloschen: Rubinstein, der herrliche Pianist, der hochbedentende, nach unserer Ueberzeugung unvergänglich bedeutende Komponist und — wahrlich kein geringer Ruhmestitel neben den beiden andern! — der verehrungswürdige Mensch. Rubinstein war von jüdischer Abkunft. Allerdings nur die Stammesverwandtschaft verband ihn mit dem Judenthum, anferzogen wurde er in einer andern Religion. So manche Züge seiner Eigenart aber wurzeln im Charakter des jüdischen Stammes; andere Züge lieferte der russische, speziell südrussische Natioualcharakter. und endlich war sein musikalisches wie sein ganzes persönliches Wesen durchtränkt vom deutschen Geist, für welchen er Lurch Erziehung und durch innerste Sympathie gewonnen worden war. Dies Alles verband sich nun mit einer ganz hervorragenden Begabung und bildete so aus ihm jene Künstlerpersönlichkeit, vor der wir bewundernd stehen und deren zu frühes Scheiden — er wurde 64 Jahre alt — wir betrauern. Rubinstein wurde ziemlich einstimmig als der erste Pianist unseres Zeitalters anerkannt. Er hatte eine faszinirende Wirkung auf das Publikum, nicht nur auf das naive, sondern auch das musikalisch-verständnißvolle. Diese Wirkung entsprang vor Allem aus der Größe seines Wesens, die sich nach jeder Richtung bekundete. Groß, eminent war zunächst seine Technik, er besaß schon als Knabe von zehn Jahren eine bedeutende Virtuosität. Doch in diesem Punkte kam ihm in den letzten Jahrzehnten so Mancher gleich, Einige mögen ihn übertroffen haben. Der Schwerpunkt lag also vielmehr auf der geistigen Seite seiner Darbietungen. Allem, was er darstellte, prägte er eine Größe auf, alle Züge der Tonwerke, mit Geist und lebhafter Nachempfindung erfaßt, wurden in seiner Wiedergabe bedeutend, kernhaft, lebens- und kraftvoll. Wundervoll war sein lyrischer Vortrag. Nicht die weichliche, ttberzarte Lyrik, nicht die Empfindsamkeit, in welche die Empfindung selbst bei hervorragenden Künstlern oft ausartet, sondern ein männlicher, tiefer und voller Gefühlston durchdrang den Vortrag seiner Melodien, welcher zugleich durchhaucht war von einer bezaubernden Poesie des Gefühls. Wo er andererseits das Kräftige oder das Temperamentvolle zum Ausdruck zu bringen hatte, da war er mächtig, großartig, hinreißend. Man hat ihn oft in Gegensatz zu dem ebenfalls kürzlich erst verstorbenen, ebenfalls hochbedeutenden Hans Wir BUlow gestellt; man hat treffend betont, daß Bülow seinen Vortrag wesentlich aus der Reflexion über das Touwerk schöpfte, Rubinstein aber aus dem vollen und unmittelbaren Widerhall, den das letztere in seinem Gemüth erweckte; Bülow sei gleichsam ein Lehrer am Klavier gewesen, Rubinstein ein begeisterter Verkünder, ein Prophet dessen, was ihm die Inspiration eiugegebcu; Bülow habe die Werke in durchsichtigster Klarheit, in einer plastischen Form, die ihren Bau bis in die geringsten Einzelheiten dem Hörer deutlich machte, dargelegt, Rubinstein habe nicht immer ihre Form so klar, so objektiv wie Jener wiedergegeben, dafür aber ihren Inhalt mit der vollen Belebung und Beseelung durch das aus dem Innersten hervorbrechende Gefühl zur Geltung gebracht. *) Nachdem in der vorigen Nummer durch unfern verehrten Mitarbeiter Herrn Dr Kohut der Lebensgang und die allgemeine Persönlichkeit Rubinsteins eine Darstellung erfahren haben, geben wir in vorliegendem Artikel einem Tonkünstler vom Fach das Wort, um die Leistungen des großen Mannes als ausübenden und schaffenden Musikers eingehender zu beleuchten Die Red. Ebendieselben Züge, welche seinen pianistischen Vortrag charakterisirten, weisen nun auch die eigenen Tonwerke des Künstlers auf, und zwar, begreiflicherweise, in viel höherem Grade. Hier hatte sich sein Wesen nicht nur rezeptiv zu verhalten und beschränkte sich sein künstlerischeres Schaffen nicht auf ein Nachschaffen des Gegebenen, hier sprach er sich selbst aus, frei, voll und unmittelbar. Als Komponist hat Rubinstein wohl viele Anerkennung, im Allgemeinen aber eine gemäßigte, nur in Einzelfällen eine begeisterte,- und demgegenüber manche Gegnerschaft, wenigstens manche starke Bemängelung erfahren. Wir geben einen Theil dieser Mängel zu, ja. finden auf einer gewissen Seite sogar eine wesentlichekünstlerische Schwäche, welche die Kritik meist nicht erwähnt oder nicht hoch veranschlagt hat — dennoch stehen wir nicht an, ihn nach unserer Ueberzeugung als den bedeutendsten Komponisten der letzten Zeit zu bezeichnen und, absolut genommen, als einen so großen, daß er den Größten unserer Kunst recht nahe steht. Mit den vorerwähnten Eigenthümlichkeiten seiner künstlerischen Begabung verknüpfen sich in seinen Tonschöpfungen noch'folgende Momente. Er ist von einer unerschöpflichen Phantasie, sowohl im Ganzen genommen, i» dem Hervorquellen immer neuer und eigenartiger Ideen, als auch in der Ausbeutung des einzelnen Mnsikgedankens. welche reich, geistreich und von feffelnder Schönheit zu sein pflegt. Ferner charakterisirt ein großartiger Ernst viele seiner Werke, oft noch verdunkelt zur Herbigkeit, zur Melancholie, zum Tragischen. Dieser Grundzug mag ein Erbe des auf den liefen Ernst gerichteten und leider durch Jahrhunderte langes Mißgeschick für lragische Empfindungen erzogenen jüdischen Gemüthes, gleichzeitig aber auch dex russische», hiermit sehr verwandten Gemüthsart sein; in letzterer vereinige» sich ernste, elegische Richtung mit Gefühlswärme und Weichheit auf der einen, mit hervorragender Energie auf der andern Seite. Ein Drittes aber, das am meisten Eigenartige, ist seine Neigung und excessive Begabung für eine Gefühls- und Ton-Poesie orientalischer Art, ihm gewiß durch seine „halb-asiatische" Heimath, Beßarabien, eingeboren. Was er nach.dieser Richtung geschaffen, hat wohl am meisten auf die musikalische Welt gewirkt und ihm den meisten Ruhm eingetragen. Man denke an sei» berühmtes Lied „Der Asra", ein in kleinem Rahnien mit treffendsten Farben gezeichnetes, ergreifendes orientalisches Bild. Das ist aber nur eine Perle aus dem königlich reichen Juwelenschmuck, den seine dieser Richtung angehörigen Werke darstellen! In Klavierstücke» und Liedern (ich mache noch das köstliche, ganz anders gefärbte „Gelb rollt mir zu Füßen der brausende Kur" namhaft), in den wunderbaren Balletten seiner Oper „Feramors", vor Allein in vielen Partien seiner „Makkabäer", der bei uns am meisten bekannten und wohl mit Recht am höchsten gestellten Oper, in der geistlichen Oper „Sulamith" und noch an vielen andern Orten sind Schätze dieser . Art ausgestreut, immer eigenartig und neu trotz des gemeinsamen . Genres. Aber wie ergiebig auch seine Phantasie auf diesem Felde ist, sie ist es nicht auf diesem allein oder auch nur vorwiegend, ist doch seine musikalische Erfindung und seine Poesie so oft eine echt deutsche, deutsch-tiefe und seelenvolle! Von der Vielseitigkeit seiner . Phantasie und von seiner Fähigkeit, das Verschiedenste in geradezu : packender Weise zu charakterisiren, kann man einen Begriff erhalten, wenn man beispielsweise seine prachtvolle Serie vierhüudiger Klavierfiücke „Bai costume“ hört, in welcher eine große Reihe gänzlich disparater Charakterfiguren: Hirt und Hirtin — Marquis und Marquise — Der Pilger und der Abendstern — Bojar und Bojarin — Trubadur u. s. w. musikalisch illustrirt sind. Die Ausstellungen, die man an seinem Schaffen gemacht hat, betraftii gewöhnlich eine vermeintliche ungeduldige Hast und Oberfläch- 4 3 ■1 •fl

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