Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- Seite 582 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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- 582 - - Stammes angesehen werden kann; wir behaupten vielmehr, daß nur soziale und individuelle Verhältnisse zu dem Ergebniß der Volt Dr. Kraemer gebrachten Frankfurter Statistik geführt haben können. Dem Eingeweihte» wird überdies eine Diabetesstatistik, die ihre größte Beweiskraft aus Verstorbenen schöpft, die ein Alter von 69 bis 79 Jahren erreicht haben, eine behagliche Empfindung verursachen. Wucher bei Christen und Juden im 16. Jahrhundert. Bon Professor Dr. Ludwig Geiger. f er soeben ausgegebene 8. Band von Janssens „Geschichte des deutschen Volkes seit dem Ausgang des Mittelalters", Freiburg i. B., Herder, im Wesentliche» noch ein Werk des verstorbenen Versaffers, ergänzt und herausgegeben von L. Pastor, ruft wieder eine Thatsache ins Gedüchtniß, die gerade in einem jüdischen Blatt Hervorhebung verdient. Die vorliegenden acht starken Bände — ein jeder durchschnittlich 650 Seiten —, von denen jeder mindestens 6 Mark kostet, sind alle in mindestens 12 Auflagen verbreitet; auch der eben ausgegebene erscheint gleich in 1. bis 12. Auflage; Bd. 1 bis 2 habe» bereits ihre 16., Bd. 4 bis 6 ihre 14. Auflage erlebt. Das ist ein in dem nicht bücherkaufenden Deutschland beispielloser Erfolg. Er wird noch unerhörter, wenn ma» bedenkt, daß die etwa 6000 bisher erschienenen Seiten die Geschichte eines einzigen Jahrhunderts bieten, an Zeit und Geduld der Leser also Ansprüche stellen, die diese gewöhnlich durchaus nicht zu befriedigen gesonnen sind, und wenn man ferner bedenkt, daß seit der Ausgabe des ersten Bandes noch nicht zwanzig Jahre verstrichen sind. Erklärt wird er höchstens daraus, daß das Werk von streng katholischem Standpunkte aus geschrieben ist. Gerade diese Thatsache sollte jüdischen Lesern zu denken geben. Es erscheine» jüdische Zeitschriften, es erscheinen Bücher, Broschüren genug, in denen von jüdischen Dingen, oder solche, in denen über deutsche Dinge von jüdischem Standpunkte aus geredet wird. Hat eins dieser Bücher auch nur entfernt den Erfolg zu verzeichnen gehabt, den Janffen erreichte? Man spricht von befreundeter, noch mehr von gegnerischer Seite aus, über das Zusammenhalten der Juden; bekundet es sich jemals in der Unterstützung geistiger Arbeit, die für die Juden geschieht? Wo ist der jüdische Verleger, der den Muth haben würde, ein Riesenunternehmen, wie das Janssensche Werk von Anfang an geplant war, zu beginnen, wo das Publikum, das Freudigkeit und Opferlust besäße, das Werk zu unterstützen? Vielleicht gelingt es den neuerstehenden Vereinen für jüdische Geschichte und Litteratur, hier Wandel zu schaffen, Zeit wäre es wahrlich. Doch nicht um solche Betrachtungen anzustellen, lenke ich an dieser Stelle die Aufmerksamkeit auf Janssens Buch. Noch weniger gedenke ich, in den Streit um Werth und Glaubwürdigkeit des Janssenschen Werkes einzugehen. Ich schätze an ihm und lasse mich in dieser Schätzung durch protestantische Kritiker nicht irre machen, außer der Ungeheuern Belesenheit die außerordentliche Berücksichtigung des Geistes- und Kulturlebens des deutsche» Volkes, die gegenüber den andern deutschen Geschichtswerken geradezu einzig und ohnegleichen dasteht und dem Kulturhistoriker ein ungeheures Material mühelos darbietet. Ich tadle an ihm. wie überall, die Einseitigkeit des Standpunktes, die Verblendung anderen Anschauungen gegenüber, die Tendenzmacherei, die sowohl in der Auswahl der Zeugniffe als in ihrer Gruppirung besteht. Trotz dieser Tendenz darf der Historiker die einzelnen von Janffen mit gewissenhaftester Quellenangabe beigebrachten Zeugnisse wohl benutzen. Dies soll in Nachfolgendem in Bezug auf den Wucher in Deutschland während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts geschehen. Christen wucherten damals so sehr wie die Juden. Protestantische Prediger wagten nicht, entschieden gegen den Wucher aufzutreten, um sich nicht bei ihren Gemeindeangehörigen mißliebig zu machen. Adlige bewucherten ihre eigenen Bauern, so daß Einzelne 15 bis 40 Gulden Zins von 100 forderten und erlangten. Besonders schlimm war es von den protestantischen Ländern in Pommern und Schleswig-Holstein, von katholischen in Baiern. Im letzteren Lande und auch sonst, in Städten und auf dem platten Lande, trieben auch die Juden Wucher. Die Zeugniffe dafür sind bekannt und werden jetzt noch mehr als früher von Judenfeinden allerorten gebucht. In dem Treiben der Angehörigen beider Religionen mag also kein wesentlicher Unterschied gewesen sein; der Hauptunterschied bestand nur darin, daß die Juden mit Geld und Leibesstrafen belegt, häufig genug getödtet oder des Landes verwiesen wurden, während die Christen straflos ausgingen oder unmerkliche Züchtigungen durch die Strafreden der Prediger empfingen. Zwei solcher Strafreden führt Janffen an; sie verdienen auch in den Kreisen, in die sein Buch nicht dringt, bekannt und verbreitet zu werden. Die eine rührt von dem Jngolstädter Prediger Wilhelm Sartorius her (1585) und lautet: „Mit den Christen soll man, wie viele Weltweisen wollen, fein sachte thun, wenn vom Wuchern und wucherlichen Partiten und Kontrakten die Rede kommet; nur die Juden soll man schimpfiren, mit Füßen treten, ihnen alles Unglück auf den Hals wünschen, sie als Feinde Gottes und der Menschen verspeien. Mit Verlaub, Herr Gevatter und christlicher Wucherer: ich halt dafür, daß die getauften Juden viel ärger und ärgerer Strafe schuldig sind denn die ungetauften, und daß das gottlose Laster des Wuchers, so von den Juden auf die Christen übergegangen, von diesen heftiger denn von jenen geübt wird." Die andere Stelle findet sich in der Schrift von Georg Engelhardt Löhneiß, Aulico- Politica, Remlingen 1625. Sie konstatirt im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts Zustände, die sich allmählich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hatten, und hat folgenden Wortlaut: „Der Wucher hat also überhand genommen, daß auch vornehme, ansehnliche Leute mit solchem schändlichen Laster inficirt sind, und muß man diese Wucherer mehr ehren und feiern als andere ehrliche Leute; denn Fürsten und Herren sind ihre Gefangenen, die sie also mit ihrem wucherischen Gelde gefangen nehmen, daß sie thun müssen, was sie ihnen vorschreiben. Desgleichen sind Land und Leute ihre Mancipia oder eigenthümlichen Knechte, die sie mit ihrem unchristlichen Wucher aussaugen und verderben, und wollen dazu noch Christen sein. Wenn ein armer beschnittener Jude eine Woche von einem Gulden einen Pfennig nimmt, so schreit ein Jeder Mordio darüber. Wenn aber ein »»beschnittener Christenjude eine Woche von einem Gulden einen Dreier oder Kreuzer, ja wohl einen Groschen nimmt, das heißt nicht mit dem Judenspieß gelaufen. Item der armen Juden kleiner und geringer Wucher sticht allen Leuten in die Augen, es schreit Jedermann über sie und will sie verjagt haben; wenn aber die Christenjuden vom Hundert 10, 12, 15 oder mehr nehmen, schlagen ihr Geld etliche Mal um in ihren Wechseln, da ist Niemand, der diese gedenkt zu verjagen." Vielleicht ist es lehrreich, diese alten Zeugnisse heute aufzufrischen.