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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-07 · Heft 49 (7.12.1894) · p. Seite 581

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
Seite 581 (sequence 5)
Language
German
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581 '■''%'M$S*I‘% angenehm klingendes Wort) in Gotteshäusern und Gottesdiensten einfiihren möchte. Einiges, wie Abschaffung mehrerer Piutim sowie Wiederholung von Gebeten, hat diese Partei dem unter bigotten Einfluffe stehenden orthodoxen Oberrabbiner vor einigen Jahren abgerungen, aber nun wollen sie gar auch verbesserten Chor- und Gemeinde-Gesang haben (ja Damenstimmen werden schon in der fashionablen New-Hampstead-Synagoge in London von jedem Besucher, nur nicht vom Obberrabbiner gehört) und dorribile dictu, die Orgel soll in orthodoxen Synagogen eingeführt werden! — Schon seit mehreren Monaten brachten die beiden hier zu Lande existirenden jüdischen Zeitungen das „Chronicle". und besonders die „World" Briefe für und gegen die Orgel. Endlich kam es auch in London in einer Sitzung ver Vertreter der orthodoxen Synagogen zum Austrag. Die Vertreter des Fortschritts, die die mit Orgeln versehenen Pariser Synagogen ins Treffen führten, wurden jedoch von der größeren Zahl der uonpossulnus Männer besiegt, und so bleibt vorerstnoch die Orgel aus dem orthodoxen Lager verbannt, und die oft ohrenzerreißenden Chöre mit dem augenbeleidigenden Stabe des Dirigenten sollen fortsahren, zur Erbauung (?) im Gotteshause beizutragen. Aie IuckcrKrmlKhert bei den Inden. Von Dr. I. Ruff in Karlsbad. J^s bleibt daher nichts übrig, als eine eigenartige Veranlagung, bj eine Disposition für die Erkrankung bei den Israeliten anx zunehmen." Zu diesem Schluffe gelangt Dr. S. Kraemer in seinem Artikel in Nr. 46 auf Grundlage der Fraukfurter Statistik vom Jahre 1872 bis 1890, die nach ihm allen Anforderungen genügt, welche wir an eine wiffenschaftliche verwerthbare Erhebung stellen müssen. Bevor wir daran gehen zu untersuchen, in wie weit die Frankfurter Statistik höheren Anspruch auf Wiffenschaftlichkeit erheben kann als jede andere, wollen wir zunächst darthun, daß es denn doch nicht angeht, aus dieser Frankfurter Statistik allein, und ließe sich auch wirklich gar kein Einwand gegen sie erheben, einen so allgemein lautenden Schluß zu ziehen, wie es Dr. Kraemer thut, um so weniger, da ihr Statistiken gegenüber gestellt werden können, die da beweisen, daß die Zuckerkrankheit außerordentlich selten vorkommt in einem Lande, das die meisten Juden hat, und am häufigsten in einem Staate, der außerordentlich wenig Juden hat. In Rußland, wo auf 1000 Einwohner 38 Juden komme», wird nach Senator die Zuckerkrankheit außerordentlich selten beobachtet, und in Italien, wo 1 Jude auf 1000 Andersgläubige kommt, nach Cantani „im Verhältniß zu Deutschland und Oesterreich außerordentlich häufig." Und im Deutschen Reich? Thüringen und Württemberg haben die meisten Todesfälle an Zuckerkrankheit, und hier stellt sich das Verhältniß zwischen Juden und Nichtjuden von 3,5 resp. 7 zu 100, während das Durchschnittsverhältniß in Gesammtdeutschland 12,5 zu 1000 beträgt. Fügen wir noch hinzu, daß in Frankreich die Normandie und in Großbritannien die kälteren Bezirke: Norfolk, Suffolk, Yorkshire und Huntingdon, sich durch häufiges Vorkommen der Zuckerkrankheit auszeichnen — durchwegs Länderstriche, wo Juden, wenn überhaupt, in verschwindend kleiner Anzahl leben — und sagen wir auch noch, daß die Zuckerkrankheit den Griechen und Römern schon zu Christi Zeit bekannt war, ja, daß der Jude Snsentas, der ein Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung gelebt hat, in seinem Werke „Agurveda" die Zuckerruhr ausdrücklich nennt, so haben wir zum Mindesten den Beweis erbracht, daß in dem für die Behauptung des Herrn Dr. S. Kraemer allergünstigsten Fall höchstens die Frankfurter Juden, ninrmermehr aber alle Juden das traurige Vorrecht einer „eigenartigen Veranlagung zur Zuckerkrankheit" besitzen. Doch auch für die Frankfurter Juden als solche existirt eine solche eigenartige Veranlagung nicht. Und damit kommen wir zur Beurtheilung der Frankfurter Statistik, ganz besonders nach der Richtung, wie weit sie wiffenschaftlichen Anforderungen entspricht. Herr Dr. Kraemer findet ihre besonders wiffenschaftliche Eignung darin, daß sie die Konfession der verstorbenen Zuckerkranken verzeichnet. Man erkennt schon aus diesem Umstande, daß Jeder in statistischen Ziffern gerade den Beweis findet, den er für seine Behauptung braucht, und ist dieser Beweis nicht genügend für Jedermann. Herr Dr. Kraemer spricht an verschiedenen Stellen seines Aufsatzes von den Einwänden, die die namhaftesten Autoren erheben, um zu beweisen, daß die Disposition des Juden nur scheinbar größer sei und begnügt sich, sie damit abzuthun, daß er schlankweg sagt: sie lasten sich nicht aufrecht erhalten „gegenüber dem erdrückenden Zahlenmaterial der Frankfurter Statistik". Ist denn diese Statistik ein Gegenbeweis gegen die Behauptung Boucharas, daß Büreauarbeiten, Mangel an physischer Arbeit, geistige Ueberanstrengung, Aufregungen, ' Sorge, Kummer — kurz, daß der den Juden in erhöhtem Maße auferlegte Kampf ums Dasein die häufigste Ursache der Zuckerkrankheit sei? Hat Herr Dr. Kraemer in der Frankfurter Statistik Auskunft über die sozialen Verhältnisse der an Zuckerruhr verstorbenen Juden gefunden? Wir erkennen hierüber in seinem Aufsatze alich nicht die geringste Andeutung. Wir Karlsbader Aerzte dagegen richten unser Augenmerk in erster Linie auf die Berufsthätigkeit unserer Zuckerkranken und finden auch in ihr fast ausnahmslos die Erklärung für das Auftreten der Krankheit. Nachstehend geben wir das wahllos abgeschriebene Verzeichniß unserer Zuckerkranken vom letzten Jahre nach ihrem Beruf: Fabrikdirektor, Bankdirektor, Großindustrieller, Fabrikant, Bankierswittwe, Chemiker, Lokomotivführer, Fabrikantenswittwe, jüdische Kaufmannswittwe aus Odeffa (man versteht uns!), Staatsrath, Advokat, Fruchtbörsenmakler, amerikanischer Geschäftsreisender, Möbelfabrikant, Bankier, Kaufmann und — Journalist. Bei jeder dieser Berufsart ergänzte die individuelle Krankengeschichte den Beweis, daß für das Auftreten der Zuckerkrankheit keine Konfession, keine Rasse und keine Landesangehörigkeit, sondern ausschließlich und allein die persönlichen Lebensbedingungen die Grundursachen der Zuckerkrankheit waren. An allen Berufsarten, die die geistige Thätigkeit im höchsten Maße in Anspruch nehmen, partizipiren die Juden in einem ihre Zahl oft übersteigenden Verhältniß, und das von ihnen geleistete Plus an geistiger Arbeit hat nothwendigerweise ein Minus an physischer Widerstandsfähigkeit zur Folge. Wenn dies alich vielfach wieder ausgeglichen wird durch ihre größere Fürsorglichkeit um ihre Gesundheit durch Beanspruchung ärztlichen Rathes unb durch den Besuch von Kurorten und Sommerfrischen, so liefern sie dennoch ein unverhältnißmäßig großes Kontingent zur dominirenden Krankheit unseres Zeitalters — der Nervenzerrüttung mit ihrem Heer von Folgekrankheiten, zu denen auch in den meisten Fällen die Zuckerkrankheit gehört. Wir gehen sogar soweit, daß wir für das häufige Auftreten der Zuckerkrankheit bei den Juden nicht einmal die Bitterniffe außer unserem Kalkül lassen, die der Antisemitismus uns täglich bringt. Nach alledem bestreiten wir, daß die da und dort etwa zur Beobachtung kommende größere Häufigkeit der Erkrankungen an Diabetes bei den Juden als eine Raffeneigenthümlichkeit unseres

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