Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 49 (7.12.1894)
- Date
- 1894-12-07
- Page
- Seite 580 (sequence 4)
- Language
- German
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580 Versuche gemacht, die aber sämmtlich resultatlos geblieben seien. Ja, man würde mir sehr dankbar sein, wenn es mir gelänge, dem Mädchen in einem passenden jüdischen Hause Unterkunft zu verschaffen. Zu einer Erholungsreise genöthigt. verließ mich der Gedanke an das Mädchen während derselben nicht und, zurückgekehrt, war es mein Erstes, demselben in einer Familie in einer meiner Bezirksgemeinden Aufnahme zu verschaffen. In überaus wohlwollender Weise ging mir das Landesdirektorium hierbei zur Hand und bewilligte für diesen Zeck eine weitaris höhere Summe, als sie' sonst in solchen Fällen von ihr gewährt zu werden Pflegt. Wozu ich dies hier mittheile? Um die Hand auf eine Wunde zu legen, die dringend Heilung fordert. Von dem Herrn Referenten habe ich den Ausdruck der Verwunderung hinnehmen muffen, daß es in unserer Mitte an Rettungsanstalten für verwahrloste Kinder durchaus fehle. Ich erwiederte, daß solche Fälle doch bei uns meines Wiffens zu den allerseltensten Ausnahmen zählen. Wie erschrak ich aber, als mir entgegnet wurde, daß sich in unserem Regierungsbezirke allein 3—4 Kinder in Zwangserziehung befänden! Das ändert freilich die Sachlage, insbesondere, wenn man erwägt, daß es in den andern Theilen Deutschlands kaum bester bestellt sein mag. Das ruft eindringlich auf zur rettenden That. Wir dürfen nicht ferner in die Lage versetzt werden, unsere unglücklichen verwahrlosten Kinder fremden Erziehungsanstalten anvertrauen zu müffen und sie dadurch einer andern Religion in die Arme zu treiben. Man sage nicht, solche Kinder seien für das Judenthum doch verloren. Das ist die Sprache der Lieblosigkeit, der Frivolität. Es ist gewissenlos, eine Seele preiszugeben. Sowenig wie bei einer physischen Krankheit dürfen wir bei einer seelischen Erkrankung jemals die Hoffnung auf Genesung aufgeben. Und ist es denn nicht insbesondere die Religion, die wir in erster Reihe in den Dienst der Erziehung nehmen müffen? Heißt eS nicht von vornherein auf jeden Erfolg verzichten, wenn wir dem Kinde die Möglichkeit entziehen, seine religiösen Verpflichtungen zu erfüllen und ihm dadurch auch seinen moralischen Halt vernichten? Mit Stolz dürfen wir auf die herrlichen Institutionen blicken, die der Wohlthätigkeüssinn in unserer Mitte erzeugt hat. Armen- und Krankenhäuser, Waisenanstalten und Greisenheime, Kredit- und Vorschußvereine legen erhebendes Zeugniß von dem unter uns herrschenden Bestreben ab, jede Roth zu lindern, jedes Elend zu mildern. Daß wir der Asyle für verwahrloste Kinder bisher entbehren — wer könnte uns hieraus einen Vorwurf machen! Wir bedurften ihrer nicht. In die Familie, in die Gemeinde gebannt, lag die Gefahr sittlicher Entartung für das jüdische Kind durchaus fern. Und gab es auch hier und da ein entartetes Kind, so erwies sich das Band der religiösen Gemeinschaft so stark, das Gefühl der Gemeinsamkeit und der Solidarität so mächtig, daß für eine sittlich-religiöse Erziehung auch ohne besonders darauf gerichtete Veranstaltungen Sorge getragen ward. Heute ist es anders worden. Wir bedürfen einer eigenen Anstalt für unsere unglücklichen verwahrlosten Kinder, die, aus berechtigter Furcht vor Ansteckung der übrigen Jnsaffen, von den Pforten unserer Waisenhäuser und sonstigen Erziehungsanstalten zurückgewiesen, auf die Aufnahme in Familien, die nur selten sich hierfür bereit finden und noch seltener ihrer Aufgabe entsprechen, angewiesen sind. Möge, mein Wort, ein schwaches Saatkorn, zur labenden Frucht reifen zum Heile der Unglücklichen wie zur Ehre des Judenthums. Brief aus England. Von Rabbiner Dr. Strauß, i. Schulämter. f ie Wellen der Wahlbewegung für die Schulämter (der Elementarschulen) gingen letzte Woche in England hoch, und da auch Juden sehr dabei interessirt sind, so dürften die Leser der „Allg. Ztg. des Judenthums" auch einiges Jntereffe daran nehmen. Seit dem Jahre 1870 ist durch die von dem Bredforder ParlanrentSabgeordneten W. E. Förster angenonnnene Bill der Schulzwang in England eingeführt worden. Es wurden zweierlei Arten von Schulen anerkannt: 1. solche, welche mit irgend einer Kirche znsammenhingen, die sogenannten ckenorninatioimk shools, welche unter der Aufsicht des Geistlichen und zweier oder dreier seiner Kirchenrüthe stehen. Es giebt auch mehrere Denominational-Schulen, die unter der Aufsicht von Juden stehen. 2. solche, welche unter einem aus öffentlichen Wahlen hervorgegangeuen Schulamte stehen. In den ersteren, den konfessionellen Schulen, dürfen die der betreffenden Konfession eigenthümlichen Dogmen gelehrt werden. In den Schulen zweiter Art, die von Kindern der verschiedensten Sekten besucht werden, darf nach einem im Parlamente zu Stande gekommenen Kompromiß nur die Bibel gelesen und erklärt werden, während dogmatische Lehren ausgeschlossen sind. Ueberdies erlaubt der sogenannte Gewissensparagraph (eonseienee clause), daß, wenn Eltern Dogmen oder Bibel beanstanden, deren Kinder von beiden Gegenständen dispensirt werden können. — Dieser Kompromiß nun ist seit einigen Jahren gewissen bigotten Parteien ein Dorn im Auge. Sie wollen daher das Volk bereden, daß es bester für das Seelenheilder Kinder sei, wenn dieselben außer der Bibel auch noch dogmatische Glaubenssätze erlernten. Da alle drei Jahre die Schulräthe gewählt werden und sich dabei konservative und liberale Parteien befehden, so bietet jede Schulamtswahl zugleich eine politische Aufregung, die nicht gerade zum Gedeihen des Fortschritts der Schulen beiträgt. Da in diesem Jahre die Konservativen besonders rege waren, so gab es heiße Wahlschlachten. Die Resultate der Wahlen sind großentheils wie vor drei Jahren ausgefallen, das heißt, beide Parteien sind ziemlich gleich vertreten, und es bleibt beim Status quo. Ob das Parlament im Laufe der Zeit den Stimmen folgen wird, die da die Bibel und jeglichen Religionsunterricht aus den Schulen verweisen möchten, das ist eine Frage der Zeit. — Interessant ist, daß die Juden Londons in zwei Lager sich theilen, die Einen wühlten für die konservativen, die Andern für die fortschrittlichen Kandidaten. 2. Grgelfrage. Von der Schule zur Kirche oder vielmehr zur Synagoge ist nur ein Schritt; werden ja beide, Synagoge und Schule, dem Namen nach von dem größeren Theile englischer Juden polnischer Abstammung für Eines gehalten, denn „Schul" (skool) ist bei diesen der Name für Synagoge. Daß die englischen Synagogen- und Gottesdienst- Angelegenheiten (ich rede von den sogenannten Orthodoxen) noch in ziemlich dunklem Chaos liegen, ist wohlbekannt. Auf der einen Seite waltet Finsterniß und Zelotisnuis, dem aller Fortschritt ein Gräuel, auf der ander» Seite herrscht kalter Jndifferentismus, der meistentheils mit dem Abfall zum Christenthum endigt. — Es giebt aber auch eine in der Mitte stehende, die Intelligenz und gute soziale Stellung vertretende Partei, von Jahr zu Jahr an Ansehen und Einfluß wachsend, die Verbefferungen (Reform ist auch diesen kein