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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-12-07 · Heft 49 (7.12.1894) · p. Seite 579

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 49 (7.12.1894)
Date
1894-12-07
Page
Seite 579 (sequence 3)
Language
German
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579 „Ew. Hochwohlgeboren überreichen die Unterzeichneten Llbschrist einer an den Präsidenten des Königl. Oberlandesgerichts zu Kassel gerichteten Beschwerde vom 24. September 1894 und die Urschrift des hierauf am 27 September 1894 ergangenen Bescheides. In Gemäßheit des Schlußsatzes jenes Bescheides, dessen Urschrift wir uns zu Händen des Herrn zurückerbitten, drücken wir hiermit den Wunsch aus, bei der Wahl von Schöffen und Geschworenen berücksichtigt zu werden und bitten Ew. Hochwohlgeboren als Vorsitzenden des Ausschusses, in geeigneter Weise darauf hinzuwirken, daß bei den Wahlen die verfassungsgemäß gewährleistete Parität aller Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubens zum Ausdruck kommt." Die Folge dieser energischen Wahrung ihrer staatsbürgerlichen Rechte ist, wie wir zuverlässig vernehmen, die Heranziehung mehrerer jüdischer Bürger zu den fraglichen Ehrenämtern. Möge das Borgehen der Eschweger Bürger Andern zur Nacheiferung dienen! Jarob Neifmann. Von Albert Katz. s ist nur ein kleiner Kreis, der den Namen „Jacob Reifinann" kennt, der die Verdienste dieses Mannes um die jüdische Litteratnr zu würdigen weiß, aber um so aufrichtiger und größer ist die Trauer, welche die Kunde von dem plötzlichen Ableben dieses Veteranen der jüdischen Wissenschaft in dem kleinen Kreise seiner Verehrer wachgerufen hat. In Lagow, einem Dorfe im Gouvernement Radom, am 1. Nissan 5578 (April 1817) geboren, erhielt Neifmann den ersten Unterricht in Bibel und Talmud von seinem armen, kranken Vater, von dem er schon im zarten Knabenalter von acht Jahren scheiden mußte, um die Talmudschule in Apta zu beziehen, wo er, wegen seiner außerordentlichen Begabung und seines fast beispiellosen Fleißes von seinen Lehrern und Kollegen hochgeschätzt und gefeiert, bis zu seinem 15. Lebensjahr verblieb. Von Chassidim und sonstigen Finsterlingen umgeben, von deren Weltanschauung beeinflußt, vielleicht aber auch, weil er sich nach Ruhe und einem sorgenlosen Leben sehnte, trat Reifmann in Szebrzeszyn (Gouvernement Lublin) als 16 jähriger Jüngling an den Traualtar, wo er im Hause seiner Schwiegereltern »ach der damaligen Sitte thatsächlich allen Sorgenum das tägliche Brod enthoben war und mit noch größerem Eifer als zuvor dem Talmudstudiuin oblag. Allein hier scheint in dem viel gefeierten Talmudisten eine große innere Wandlung sich vollzogen zu haben. Der Frohsinn und die Lebenslust des vom Chassidismus angehauchten jungen Mannes wichen zurück vor einem ernsten Nachdenken, in das man Reifmann jetzt oft versunken sah, und auf dem Tische in seinem Studirzimmer sah man häufig neben den Folianten des Talmud verschiedene religions-philosophische Schriften liegen, welche, wie es scheint, ihm auch bald den Weg für sein ferneres Leben vorgezeichnet haben mußten. Neifmann, dem bisher das Talmudstudium die einzige geistige Nahrungsquelle gewesen war, warf sich nun mit unsäglichem Fleiß auf das Studium der hebräischen und deutschen Sprache, vertiefte sich in die Geisteswelt deutscher Denker und Dichter, und unbekümmert um die Thränen seiner Frau und ihrer Eltern, um die Angriffe und das Gerede der Chassidim und Finsterlinge, welche ihn bald, ohne daß er ihnen irgend welche Veranlaffung dazu gegeben hätte, als einen Abtrünnigen verschrieen hatten, fuhr er fort, an seiner geistigen Ausbildung zu arbeiten und sein mangelndes Wissen zu vervollkommnen. Beseelt von dem Wunsche, Licht und Wissen unter seinen Stammesgenoffcn zu verbreiten, sehen wir ihn bald als Dichter und Satiriker, bald als Publizist und Novellist auftrete». Aus allen Arbeiten spricht ein überaus reger, von einem heiligen Idealismus getragener Geist zu seinen in Nacht und Dunkel gehüllten Glaubeusgenoffen eine sehr beredte Sprache. Doch diese Erstliugsarbeiten scheinen de» vorwärtsstrebenden Reifmaun wenig befriedigt zu haben; auch ist es nicht uuuiöglich, daß die Erfolglosigkeit seines Strebens, seine Glaubeusgenoffen aus dem Schlamm der Dummheit und Unwissenheit emporzuziehen, ihn auf andere Bahnen lenkte und zu ernstem Schaffen und Forschen anfeuerte. Genug, wir sehen ihn von nun an auf andern Gebieten sich bewegen: Bibelexegese, jüdische Lilleraturgeschichle, die Lösung talmudischer und philosophischer Fragen sind jetzt das Feld seiner Geistesthätigkeit. Seine diese Gebiete behandelnden Schriften, von denen wir hier besonders erwähnen: Beth Jakob (Salkowa 1843), die Geschichte des Rabbeuu Serachia (Prag 1852), Chut ham’scliulasch (Prag 1853), Jmroth Jakob (Eydtkuhnen 1872) Szdö Aram (Berlin 1874), lenkten auch bald auf ihn die Aufmerksamkeit der hervorragendsten jüdischen Gelehrten, ivie Znnz, Rapaport, Steinschneider, Geiger, Sachs, Berliner, Rosin, mit denen er einen regen Briefwechsel unterhielt, welche Schriftstücke sicherlich von nicht zu unterschätzendem litterarischen Werthe sein mögen. Sein litterarischer Nachlaß, bestehend aus vielen litterarhistorischen und philosophischen Schriften, befindet sich jetzt in den Händen seines einzigen Sohnes, der die Stelle eines Rabbiuatsverwesers in der alten ehrwürdigen, jüdischen Gemeinde zu Lublin bekleidet. Nur von diesem Sohne und einem treuen Verehrer, Namens David Schiffmann, begleitet, sind die irdische» Ueberreste Jakob Reifmanns, deffen Leben an Leiden und Entbehrung nicht minder reich als an Wissen und Erkenntniß war, dem Schooße der Erde übergeben worden, nachdem er am 13. November (14. Cheschwan) nach langem Leiden gestorben. Die jüdischen Einwohner in Szebrzeszyn haben an dem todten Jakob Reifmann sich dadurch gerächt, daß sie ihm das letze Geleit nicht gegeben haben; aber Tausende von Glaubensgenossen auf dem ganzen Erdenrund, die an seinen Werken sich gelabt, sein Ringen, Streben und Schaffen zu schätzen wissen, werden sein Andenken stets in Ehren halten. Und wie auf kaltem Grabessteine Ein Name zu dem Wandrer spricht. So mög' auf diesem Blatt der seine Einst fesseln unsrer Augen Licht. Verwahrloste jüdische Kinder. Ein Aufruf zur rettenden That. Von Bezirksrabbiner Dr. M. Silberstein in Wiesbaden. s war im vergangenen Sommer, als ich von der hiesigen Landesdirektion die Anzeige, erhielt, daß ein zur Zwangserziehung verurtheiltes jüdisches Mädchen aus Frankfurt a. M., I. H., von ihr in dem hiesigen evangelischen Nettungshause untergebracht worden wäre, da alle ihre Bemühungen, das Kind in einer jüdischen Erziehungsanstalt oder Familie unterzubringen, ohne Erfolg geblieben seien. Der Gedanke, ein jüdisches Kind in einer christlichen Erziehungsanstalt zu wissen, war für mich sehr schmerzlich; ich eilte dann auch sofort auf das Landesdirektorium, wo mir der humane Referent aus einem starken Aktenkonvolut nachwies, wie die Landesdirektion zuin Zwecke der Unterbringung des Mädchens in einer jüdischen Anstalt oder einer jüdischen Familie alle möglichen

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