Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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gefunden zu haben. Nach zwei kurzen einleitenden Vorträgen, in denen die Herren Zlocisti und Bambus über Leben und Werke Ludwig Phil ppsons sprachen, fanden Vorlesungen aus seinen bedeutendsten Werken statt, woran sich eine Ansprache des Vorsitzenden Herrn -Dr. Heinr. Loewe über die Bedeutung Philippsons für das Judenthum anschloß. Sodann fand ein Kommers statt, wobei verschiedene Lieder (u. A. eins von Salomon ben Gabirol) gesungen wurden Bei dem Kommers hielten die Herren Prof. Dr. Philippson und Dr Hildesheimer begeisterte Neben, die von der Corona mit Enthusiasmus ausgenommen wurden Ebenso fanden die Ansprachen der Herren Dr. H. Loewe, O. Thon und stuä. jur. Loewenstein (von der akademischen Verbindung Spreevia) lebhaften Beifall. g. Schneidemühl, 26. November. Herr Rabbiner Braun, der mehr als 41 Jahre durch seine vorzüglichen Eigenschaften des Geistes und Charakters seiner Gemeinde ein leuchtendes Vorbild gewesen ist, feierte am 19. d Mts seinen 80. Geburtstag; es wurden dem greisen, verehrten Rabbiner aus diesem Anlaß unzählige Beweise der Liebe, Dankbarkeit und Verehrung zu Theil. Ein Chor, aus früheren Schülern und Schülerinnen bestehend, brachte dem hochbctagten Geburtstagskinde ein Ständchen dar, dann hielten Ansprachen Herr Erster Bürgermeister Wolff, Herr Gymnasialdirektor Braun, Herr Schuldirektor Ernst, Herr Bankier Berliner Namens der Gemeinde, Frau Herz für den Frauenverein. Am Abend fand zu Ehren des sich einer anerkennenswerthen geistigen Frische erfreuenden Rabbiners ein Festessen statt. Den Reigen der Toaste eröffnete der Vorsteher der jüdischen Gemeinde, Herr Herz Berliner, mit einem Hoch auf den Kaiser, woran sich dann die Ehrung des Jubelpaares schloß. Weitere Ansprachen hielten ein Bruder des Jubilars, Herr Kaufmann Edel und Herr Rabbiner Dr. Freund aus Czarnikau. Der Dozent am Rabbinerseminar zu Breslau, Herr Dr. Marcus Braun, ein Sohn des Rabbiners, hat als Jubclschrift seinem Vater eine Geschichte der Gemeinde Schneidemühl gewidmet und erfreute die Versammelten durch einen geschichtlichen Rückblick. Die ersten Juden haben sich, soweit es sich geschichtlich habe feststellen lassen, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts an den Ufern der Küddow niedergelassen, die Gemeinde Schneidemühl blickt auf ein ungefähr 300 jähriges Bestehen zurück Zur bleibenden Erinnerung an den 80. Geburtstag des Herrn Rabbiner Brann haben der Vorstand und die Repräsentanten der hiesigen Gemeinde beschlossen, eine „Rabbiner Salomon Brann'sche Stiftung" ins Leben zu rufen. Die Zinsen sollen jährlich am Geburtstage des Jubilars zu wissenschaftlichen oder wohlthätigen Zwecken, je nach Bestimmung des Herrn Brann, verwendet werden. Erreicht die Stiftungssumme die Höhe von 3000 Mark, so ist sie hypothekarisch festzulegen. Cs bleibt dem Rabbiner Brann bei seinen Lebzeiten die selbstständige Verwendung der Zinsen in gedachter Art überlassen, in späterer Zeit hat der jeweilige Gemeindevorstand die Bestimmung zu treffen. —- Vor Antritt des Rabbiuats in Schneidemühl wirkte Herr Salomon Bronn als Rabbinats-Affessor in Rawitsch. Ein am 30. August 1852 von dem damaligen Prinzregenten, dem später» hochseligen Kaiser Wilhelm!., an ihn in dieser Eigenschaft gerichtetes Schreiben hat geschichtliche Bedeutung, so daß wir cs mit Erlaubniß der Angehörigen des Jubilars hier wiedergeben. Das Schreiben lautet: „Das Kuratorium der Allgemeinen Landes-Stiftung zur Unterstützung der vaterländischen Veteranen und invaliden Krieger als National-Dank hat mir von der am 3 August in der Synagoge zu Rawicz stattgesundenen Feier des 3. August Vortrag gemacht. Es gereicht mir zur Freude, Ihnen hierdurch meinen Dank für den ebenso sinnvollen wie patriotischen Inhalt Ihrer zu Ehren meines in Gott ruhenden Vaters und Königs Majestät gehaltenen Festrede, welche Meinem Herzen sehr wohl gethan hat, auszusprechen und dabei den Wunsch auszudrücken: daß es Ihnen gefallen möge, diese Ihre Festrede des guten Beispiels wegen, wie zum Beweise Meines vollen Einverständnisses mit dem Inhalte derselben, allen jüdischen Gemeinden im Preußischen Staate zur Kenntnißnahme und Nachfolge mitzutheilen, um überall in solcher Weise gute Gesinnungen anzuregen und zur lebendigen Thal zu führen. Die Kosten des Druckes der Festrede zu diesem Zwecke wird die Eingangs gedachte Stiftung übernehmen, und wollen Sie die Rechnung darüber nur dem dortigen Kreis-Kommissarius der Stiftung, Kreis-Sekretär Koschmider, zur weiteren Einsendung an das Kuratorium derselben abgeben. Gott gebe nun seinen reichsten Segen zur Ersüllng Ihres schönen Gebetes am Schluffe Ihrer Rede. Hiermit verbleibe Ich Ihr wohlgeneigter Prinz von Preußen. Stettin, den 30. August 1852. Am 19. Juli 1853 wurde Rabbiner Brann, damals bereits in Schneidemühl, als Ehrenmitglied des Nationaldanks vom Prinzregenten bestätigt. 8. Schivelbein, 22. November. Bei den in den letzten Tagen stattgehabten Ergänzungswahlen zur hiesigen Stadtverordnetenversammlung wurde von der ersten Abtheilung der Vorsitzende des Vorstandes unserer Synagogengemeinde, Herr Sally Loepert, zum Stadtverordneten gewählt Dieses Ergebniß ist um so bemerkenswerther, als der Vorsitzende des hiesigen christlich-sozialen - alias antisemitischen — Vereins, der bisher dem Stadtverordnelenkollegium angehört hat, und deffen Mandat abgelaufen ist, nicht wiedergewählt wurde. Von unfern jüdischen Mitbürgern gehört außer Herrn Loepert Herr S. Borchardt, der lange Jahre hindurch dm Vorsitz im Vorstand unserer Gemeinde geführt hat, dem städtischen Vertretungskörper an. K. Hannover, 20 November. Die von vielen politischen Blättern gebrachte und auch in diese Zeitung Nr. 45 unter Hannover übergegangene Notiz, daß die Regierungspräsidenten von Hannover und Marienwerder vor Jahresfrist Schlachtverbote wegen der mit dieser Schlachtmethode angeblich verbundenen Thierquälerei erlassen haben, beruht, soweit es den Herrn Regierungspräsidenten von Hannover betrifft, auf einem Jrrthum. Wohl aber hatte Herr v. Colmar-Meyenburg, Regierungspräsident von Lüneburg, in dem für das neue Schlachthaus in Harburg entworfenen Statut die Bestimmung festgestellt, daß die Schlachtung nach jüdischem Ritus nur nach vorangegangener Betäubung statthaft sei. Durch das energische Verfolgen der Angelegenheit bis zum König!. Oberpräsidenten, der die Sache zur Entscheidung an den Minister des Innern abgab, erzielte Herr Landrabbiner D. Gronemann den am 26. Juli eingegangenen, in der Notiz erwähnten günstigen Ministerial-Erlaß, über den in Nr. 32 d. Ztg. ausführlich berichtet ist. $ Burgkunstadt, 27. November. Wir haben s. Z. berichtet, auf welche Weise das Märchen vom Ritualmord entstand; jetzt hat jener Fall seine allerdings merkwürdig gelinde gerichtliche Sühne gefunden. In der letzten Sitzung des Schöffengerichts zu Weismain wurde die Privatktagesache des Kaufmanns Markus von Burgkunstadt gegen die Wittwe Petrich wegen verleumderischer Beleidigung verhandelt. Dieselbe hatte mehreren Personen gegenüber behauptet, Markus habe ihren Enkel Hans Petrich eingefperrt, woran sich die mitgetheilten ungeheuerlichen Gerüchte anknüpften. Gendarttierie-Kommandant Fikenscher bekundete, daß der Knabe Hans Petrich seine Erzählung, er sei von Markus eingesperrt, bedroht und nur vom Kommis auf sein Schreien herausgelassen worden, worauf ihm Markus Kaffee und Brod gegeben, damit er nichts sage, — als unwahr und ihm angelernt widerrufen habe. Der jetzt in Ostpreußen wohnende Kommis des Markus hat brieflich erklärt, daß die ganze Geschichte erlogen sei, und nach Aussage anderer Zeugen hat die Wittwe Petrich anfänglich über die Erzählung ihres Enkels gelacht und ist erst später von antisemitischer Seite ausgehetzt worden. Der Frau Petrich wurde vom Schöffengericht ein Tag Gefängniß zuerkannt. Oesterreich Ängnrn. Wien, 26. November. In der letzten Gemeinderathssitzung ergriff Dr. Mittler das Wort und betonte in seiner Rede, daß er sich für verpflichtet halte, mit einigen Worten auf den Schimpf zu antworten, den der Gemeinderath Tomola in der letzten Sitzung seinen (des Redners) Glaubensgenossen zufügen wollte. (Gemeinderath Gregorig: Glaubensgenossen kümmern uns nichts!) Gemeinderath Tomola möge denken, wie er wolle. Eins könne er ihn aber versichern: Auch unter dem Kaftan, und sei derselbe noch so mißfällig in der äußern Erscheinung, könne ein warmes, gutes Herz für dieses Reich und diese Stadt schlagen (Beifall auf der Rechten), und Niemand habe das Recht, diese Thatsachen in Zweifel zu ziehen (Beifall). Denn sie ist anerkannt durch die höchste Potenz in diesem Staatswesen, durch die Worte des Kaisers, der erklärt hat, daß er einen Unterschied zwischen seinen Unterthanen nicht kenne und nicht anerkenne, und daß ihm jeder Staatsbürger, welcher Konfession und Nationalität er auch immer angehöre, gleich nahestehe. Solche Worte sind ein Trost und eine Beruhigung gegenüber den Insinuationen, welche Gemeinderath Tomol^