Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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bezw. Religionslehrervereine befaßt. Allgemein wurde die Zersplitterung der Kräfte, die sich in der Gründung mehrerer Verbände zeigt, lebhaft beklagt; nicht geringe Bcsorgniß erregte namentlich die Begründung nicht existenzfähiger Verbands- resp. Untcrstützungskassen, die notgedrungen nach kürzerer oder längerer Zeit zu einer schweren wirthschastlichen Schädigung der Mitglieder führen muß, ebenso wie die bisweilen geradezu utopischen Ziele, die sich einzelne Verbände gesteckt haben, nur arge Enttäuschungen und Verbitterung ergeben können. Die Lehrabtheilung des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" glaubte angesichts dieser Verhältnisse selbst — in Uebereinkunft mit den einzelnen Vereinen — die Begründung eines Verbandes in Erwägung ziehen zu müssen und sich der Hoffnung hingeben zu dürfen, daß die Lehrer bis zum Abschluß dieser Erwägungen in ihrem eigenen Interesse die Gründung der verschiedenen geplanten Verbände ausschieben werden. Mit den Vorarbeiten, die gemäß der hohen Bedeutung der Frage für den gesummten Lehrerstand in möglichst eingehender und umfassender Weise vorgenommen und thunlichst rasch beendet werden sollen, ist bereits begonnen worden. L2 Berlin, 27. November. Im Jahre 1688 setzte Herr Justizrath Mako wer in einem öffentlichen Vortrag auseinander, weshalb es wünschenswerth sei, eine Anstalt zur Erziehung armer jüdischer Mädchen, namentlich Waisen, zu dienstlichen Stellungen zu begründen. Gegen Ende des Jahres 1893 wurde ihm zu diesem Zwecke von einer Dame die Summe von 25,000 M. zur Verfügung gestellt. Auf Einladung vereinigten sich mehrere Damen und Herren in dem Bestreben, die noch erforderlichen Mittel zu beschaffen. An einmaligen Beiträgen gingen in kurzer Zeit in runder Summe noch etwa 24,000 M. ein. An jährlichen Beiträgen wurden 3000 M. (auf 3 Jahre), 2000 M. (auf 6 Jahre), 2000 M. (auf Lebenszeit) und kleinere jährliche Beiträge von zusammen etwa 2000 M., in Summa etwa 9000 M. gezeichnet. Mitte Februar 1894 wurde das Grundstück in Pankow, Mühlenstr. 86, für 31,500 M. angekauft und gänzlich umgebaüt. Der Umbau kostete etwa 11,000 M., die Einrichtung etwa 5—6^00 M., das fertig eingerichtete schuldenfreie Grundstück nebst Garten zusammen rund 48,000 M., so daß die einmaligen Beiträge von zusammen ca. 49,000 M fast ganz anfgebraucht sind, der Gegenwerth aber in dem Grundstücke nebst Einrichtung vorhanden ist. Am 17. Juni 1894 fand eine kleine Einweihungsfeier statt; am folgenden Tage waren die 12 im Hause sü.r die Mädchen vorhandenen Stellen besetzt. Seitdem ist die Kleidung, Beköstigung und Beschäftigung der Mädchen, sowie der Unterricht geordnet und eine Hausordnung eingeführt, wie sie sich aus dem Bedürfniß ergab. Die Frage, ob genügende Meldungen von Mädchen eingehen werden, ist durch die Erfahrung erledigt, da mehr Meldungen erfolgten, als berücksichtigt werden konnten. Das Haus ist mit Rücksicht auf einen etwa erforderlich werdenden Umbau so angelegt, daß derselbe fast ohne Störung des bereits Vorhandenen erfolgen kann. Wünschenswerth hat sich die Vergrößerung gezeigt, um mehr Mädchen und solche unter 14 Jahren aufnehmen und in geeigneter Weise vorbereiten zu können. Die Generalunkosten würden sich nur wenig vergrößern. Es fehlt jedoch bisher an Mitteln zum Anbau und zum Unterhalt für eine größere Zahl von Mädchen. Deshalb hat der bisherige und nunmehr wiedergewählte Vorstand, bestehend aus den Herren Justizrath H. Makower, Rechtsanwalt B. Breslauer, Verlagsbuchhändler Emil Mosse, Kaufmann Heinrich Eisner, Direktor I. Grunwald, alle Gönner der Anstalt zur Begründung eines Vereins auf Montag den 26. d. M. in das Lokal der „Gesellschaft der Freunde" berufen. Viele Damen und Herren folgten der Einladung, Herr Justizrath Makower erstattete in der Versammlung einen eingehenden und sehr interessanten Bericht über die Entstehung und Ausführung seines Plans. Dann wurden die Statuten des neuen Vereins vorgelegt und nach einer kurzen Debatte, an der sich die Herren Justizrath Meyer, Rabbiner Dr. Maybaum, Rechtsanwalt Arndt, Adolf Ginsberg- Leonhard Sachs und Rechtsanwalt Nelke betheiligten, mit kurzen Aenderungen angenommen. Nach Beendigung der Sitzung vereinigte ein fröhliches Mahl den größten Theil der Gesellschaft in den Festräumen der „Gesellschaft der Freunde" noch lange Zeit. Man darf dem neuen Verein, der sich ein so schönes Ziel gesteckt, sicher eine günstige und gedeihliche Entwickelung für die Zukunft prognostiziren. Mögen alle Diejenigen, welche den von dem Verein angestrebten, bisher nur noch wenig gepflegten sozialen Fortschritt unter den Juden durch Heranbildung armer Mädchen zu dienstlichen Stellungen fördern wollen, demselben jetzt die Mittel zur weitern Aussaat reichlich gewähren! £2 Berlin, 25. November. Von den Schülerinnen, welche durch den hiesigen „Verein für jüdische Krankenpflegerinnen" im jüdischen Krankenhause ausgebildet werden — es sind deren bereits 14 —, haben mehrere nunmehr ihre vorschriftsmäßige Lehrzeit von einem Jahr beendigt und können für die Privatpflege zur Verfügung gestellt werden. Auch sollen dieselben, soweit disponibel, der unentgeltlichen Armen- Krankenpflege ohne Unterschied der Konfession zu Diensten stehen. Schon in kurzer Zeit wird eine größere Zahl ausgebildeter Schwestern den Herren Aerzten zur Verfügung gestellt werden können. Die Ausbildung ist eine durchaus gründliche, da die Schülerinnen die Frauen- und Männer- Abtheilung auf der inneren und chirurgischen Station und die Jnfektionsstationcn durchgemacht, auch Extra-Wachen, Nachtwachen und selbstständige Stationspflege ausgeübt haben. Ein gründlicher theoretischer Unterricht ist ihnen durch die dirigirenden Aerzte Herrn Professor Dr. Israel und Herrn Sanitätsrath Dr. Lazarus ertheilt worden. Bis zu der im Sommer des nächsten Jahres in Aussicht genommenen Eröffnung des Schwesterhruses wolle man sich wegen der Schwestern an das Krankenhaus Auguststraße 14/15 (Telephon 111 8033) wenden ----- Berlin, 26. November. Pros. Dr. Hermann Aron, Lehrer der Physik an der vereinigten Ingenieur- und Artillerieschule, ist zum Geheimen Regierungsrath ernannt worden. Die Auszeichnung erfolgte dem Vernehmen nach für Dienste, die der Gelehrte der Artillerie- Prüfungskommisston geleistet hat. * Berlin, 25. November. In einer einfachen, anspruchslosen Feier wurde am 22. d. M. der Grundstein gelegt zu einem Hause, in dem künftig die Menschenfreundlichkeit und das Erbarmen eine Werkstatt, das Elend eine Zuflucht finden soll. Auf dem Grundstück Gormannstr. 3, an der Ecke der Rosenthaler- und Weinmeisterstraße, soll ein eigenes Haus der israelitischen Volksküche entstehen, ein Haus, in dem zugleich eine ganze Anzahl menschenfreundlicher Stiftungen ihren Sitz finden soll. Wenn wir die Ruhmestitel der Stadt Berlin überschauen, so finden wir unter denen, die uns mit besonderem Stolz erfüllen, die Thatsache, daß in unserer Millionenstadt kein Mensch zu hungern, zu verhungern braucht. Zu den Anstalten, die diesem äußersten Elend kräftig wehren, gehört in erster Reihe die israelitische Volksküche. In noch nicht ganz drei Jahren ihres Bestehens hat sie nach ihren Rechenschaftsberichten 219,570 Portionen gratis vertheilt, das heißt, weit über zwcimalhunderttausend Menschen sind da hungrig eingetreten und haben, ohne einen Pfennig bezahlt zu haben, satt das Haus verlassen. Für je fünf Pfennig wurden 486,978 Menschen kräftig gespeist. Daß hier Niemand nach seinem Glauben gefragt wird, bedarf kaum der Erwähnung — wer hungert, ist dort legitimirt und wohl ausgenommen. Und dieser Anstalt soll nun ein eigenes Heim errichtet werden. Auf dem einfach und würdig geschmückten Platz fand sich eine kleine Festversammlung zusammen. Gesang eröffnete die Feier, dann begrüßte der verdienstvolle Gründer dieser Volksküche, Herr Hermann Abraham, in einer herzlichen Ansprache die Gäste, erörterte den Zweck des Hauses, dem nun die erste Weihe gegeben werden sollte, und das bestimmt ist, der Menschenliebe zu dienen, eine Zuflucht der Trostbedürftigen zu sein. Eine herzliche Ansprache hielt auch Rabbiner Dr. Maybaum, welcher die Hoffnung aussprach, das neuerstehende Haus und das menschenfreundliche Walten, dem es bestimmt ist, werde dazu beitragen, die Gegensätze zu versöhnen und Frieden zu erzeugen da, wo zur Zeit Haß und Leidenschaft wüthen. Mit kräftigen und schönen Sprüchen schlossen sich viele andere Gäste im Vollzug des Hammerschlages an, und Gesang beendete die Feier der Grundsteinlegung. Am Tage zuvor wurde übrigens die achte Kinder-Votksküche in der Lübeckerstraße 22 mit einer einfachen Feierlichkeit eröffnet. W. J. Berlin, 22. November. Der Verein „Jung-Jsrael" hat in sein Programm die Veranstaltung von Dichterabenden ausgenommen, um das Publikum mit den Meisterwerken moderner jüdischer Dichter bekannt zu machen. Ter erste dieser Abende war dem Andenken Ludwig Philippsons gewidmet und nahm einen sehr guten Verlauf. Leider hatte der Vorstand einen zu kleinen Saal genommen, so daß nicht mehr als 170 Personen Platz fanden und überaus zahlreiche Besucher den Rückweg antreten mußten, ohne Einlaß in den Saal