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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-30 · Heft 48 (30.11.1894) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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hier vorgebracht hat. (Gemeinderath Tomola gab nach Schluß der Sitzung die Erklärung ab, daß seine Worte nicht so gemeint waren, und daß er nicht die Absicht hatte, eine Konfession zu beleidigen.) Die Worte aber, auf die stch Dr. Mittler berief, waren diejenigen, die der Kaiser der Smichower Deputation zur Antwort gab. Der Kaiser sagte: „Es freut mich, daß die Wahlen für die Stadtgemeinde Smichow in versöhnlichem Sinn durchgeführt wurden. Smichow hat hierdurch ein in der jetzigen Zeit seltenes lobenswerthes Beispiel der Eintracht gegeben Das ist umsomehr anzuerkennen, als die Gemeinde Smichow in dieser Beziehung immer konsequent geblieben ist. Leider steht dieses Beispiel vereinzelt da." — In Lemberg hat der galizische Landesschulrath bereits Schritte zur Regelung des jüdischen Religionsunterrichts in den Mittelschulen gethan. Der Lemberger Rabbiner Dr. Caro wurde aufgefordert, auf Grund der von den Leitern der Mittelschulen und der Lehrerbildungsanstalten sowie von den jüdischen Religionslehrern vorgelegten Berichte einen einheitlichen Unterrichtsplan für die jüdische Religionslehre an den galizischen Volks- und Mittelschulen auszuarbeiten. Dieser Unterrichtsplan wird sodann einer Fach-Enquete jüdischer Religionslehrer unterbreitet werden. — Wir haben vor einiger Zeit mitgetheilt, daß der hiesige Damenkleidermacher Samuel Steiner von einer Bedienerin, Namens Maria Uher, mündlich uud schriftlich aufs Hartnäckigste verdächtigt wurde, er habe Kenntniß von dem geheimen Aufenthalt ihrer verschwundenen Tochter, denn er — habe das Mädchen zu einem rituellen Morde der Wiener israelitischen Kultusgemeinde verkauft. Als Steiner schließlich gezwungen war, den Weg der gerichtlichen Klage zu betreten, hielt die Uher selbst vor Gericht ihre alberne Verdächtigung aufrecht und gab an, ihre Tochter hätte bei Steiner gearbeitet und sei eines Tages verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nach Ansicht des Ehepaars Steiner soll das Verschwinden des Mädchens auf eine Liebesaffaire zurückzu führen sein, allein hinter der Mutter stehende Personen sollen die Urheber dieser absurden Beschuldigung sein und dieselbe verbreiten. Maria Uher wurde damals zu einer Geldstrafe von 15 fl. verurtheilt, appellirte dagegen, jedoch wurde das Urtheil bestätigt. Seither ermüdete aber die Frau nicht, das unsinnige Märchen weiter zu kolportiren und zwar mit dem Beisatze, das Ehepaar Steiner nähre sich von Christenblut. Die Eheleute Steiner sahen sich nun abermals gezwungen, gegen die Uher die Ehrenbeleidigungsklage zu erheben, über welche vor dem Strafrichter Dr. Hoernes verhandelt wurde. Die Angeklagte war nicht erschienen, hatte aber eine Eingabe überreicht, in welcher sie erklärt, der Vorladung nicht Folge 51t leisten; sie werde erst dann kommen, bis man, ihrem Wunsche gemäß, den „Kriminalprozeß" wegen Verkaufs ihrer Tochter durchgeführt haben werde. Der Klagevertreter Dr. Rosenberg gab an, daß stch die Familie Steiner gegen diese fortwährenden wahnsinnigen Beschuldigungen gar keinen Rath mehr wisse. Der Richter verurtheilte die Angeklagte in eontumaeium zu einer weitern Geldstrafe von 20 Gulden. Von Nah und Fern. ----- Der Vorstand der Synagoge an der Potsdamer Brücke hat den Rabbiner Dr. Markus Petuchowski zum zweiten Prediger der Synagoge erwählt. Er hat am Sonnabend den 24. November sein Amt angetreten. — Der Musikschriftsteller Dr. Max Friedländer hat sich als Privatdozent in der philosophischen Fakultät der Berliner Universität habilitirt. — Herr James Saloschin hat zur Ehrung des Gedächtnisses seiner verstorbenen Gattin dem Magistrat der Stadt Berlin die Summe von hunderttausend Mark zu wohlthätigen Zwecken über--^ wiesen. — Der Abgeordnete Hans Leuß, welcher bekanntlich in voriger Woche unter dem Verdacht des Meineides verhaftet und darauf gegen s 10,000 Mark Kaution vorläufig wieder entlassen wurde, ist nunmehr auf Anordnung des Oberstaatsanwalts in Celle abermals verhaftet worden. — Mit dem Norddeutschen Lloyddampfer „H. H. Meier" traten etwa 360 russisch-jüdische Auswanderer auf Kosten des Barons Hirsch die Reise nach Argentinien an, um sich in der neuen Heimath der Landwirthschaft zu widmen. — Außer anderen reichen Vermächtnissen haben Frau Gertrud Nathan und deren Söhne in Fürth zum An-, denken an ihren am 9. Oktober verstorbenen Gatten bezw. .Vater untere dem Namen Heinrich und Gertrud Nathan'sche Stiftung ein Kapital' von 30,000 Mark zu Händen des Vorstandes der israelitischen Kultus-'. gemeinde übergeben. Ein Viertel der Renten sind an die städtische Armenpflege abzusühren und von dieser jährlich am 9. Oktober an sogenannte verschämte Armen in Beträgen von nicht unter 50 Mark zu vertheilen. — In Teschen ist vor einigen Tagen der christlich.soziale Agitator Pater Stanislaus Stojalowsli, welcher im Vorjahre^ auch in Wien gastirt hat und hier in mehreren Antisemitenverfammlungen aufgetreten ist, um 2 Uhr Nachts nach Ankunft des Personenzuges im Bahnhofe verhaftet und dem Kreisgerichte eingeliefert worden. — Dr. H. I. Polak, Direktor des Gymnasiums zu Rotterdam, ist durch ein königliches Dekret zum Professor der Universität Groningen ernannt worden. — Der Senater Mont efiore-Levy'in Lüttich wurde auch diesmal wieder in den Senat gewählt, während die übrigen Kandidaten sich mit den Sozialdemokraten einer Stichwahl zu unterziehen hatten. — In der Absicht, die strenge Durchführung des verfassungsmäßigen Schächtverbotes in allen Kantonen der Schweiz zu erlangen, richtete der Centralvorstand des schweizerischen Thierschutzvereines an die Bundesversammlung ein Gesuch um Erlaß eines eidgenössischen Ausführungsgesetzes. Der Bundesrath stellt den Antrag, dem Gesuche aus politischen und konstitutionellen Gründen keine Folge zu geben.— Der Pariser „Eclair" tritt der neuerdings stark an Boden gewinnenden Auffassung entgegen, daß der Hauptmann Alfred Dreyfus keinen Landesverrath, sondern nur aus Unvorsichtigkeit und Ehrgeiz Indiskretionen begangen hätte, durch welche er einige Abgeordnete sich zu Danke verpflichten wollte. — M. Leopold Frankfort, General-Inspektor für Straßen- und Brückenbauten, ist in hohem Alter gestorben. Durch fast vierzig Jahre stand derselbe an der Spitze des Straßen- und Brückenbauamtes im Departement Indre et Loire und erfreute sich einer so großen Popularität, daß der Stadtrath von Tours einen der Quais der Loire nach ihm benannte. M. Frankfort war damals Chef-Ingenieur und seinem raschen Erfassen der Situation und seiner Energie war es zu verdanken, daß Tours von einer unabsehbaren Katastrophe bewahrt wurde. — Die Anglo-Jewish-Assoeiation hielt am 4. November ihre Monats-Versammlung in London ab. Die englischen Juden, , deren Zahl, selbst die armen, russischen Einwanderer mit einbegriffen, 100,000 Seelen kaum übersteigen dürfte, bringen für die Anglo - Jewish - Assoziation jährlich 62,000 Mark auf. — Jacob Reifmann, einer der hervorragendsten jüdischen Gelehrten, ist im Alter von 80 Jahren zu Szebrszin in Russisch-Polen gestorben. Ein Nachruf folgt in nächster Nummer. — Aus Petersburg wird gemeldet: In dem Dorfe Honorowka im Gouvernement Podolien wohnt ein jüdischer Arzt, Leon Frenkel, der vor Kurzem ausgewiesen wurde, da Juden der Aufenthalt auf dem Lande verboten ist. Der Arzt brachte gegen die Ausweisverfügung einen Rekurs ein, welcher jetzt in günstigem Sinne erledigt wurde. Herrn Frenkel wurde vom Senat der Aufenthalt in seinem bisherigen Wohnorte weiter gestattet, mit dem Bemerken, daß es den Aerzten gestaltet sei, überall zu wohnen. — Die Universität Charkow hat 6 jüdische und 112 christliche Studenten ausgenommen; die Zahl der abgewiesenen jüdischen Kandidaten betrug 89. — Die Universität Kiew hat 155 jüdische Kandidaten abgewiesen, die darum ersuchten, in der medizinischen Fakultät ausgenommen zu werden, und 64 Kandidaten bei den andern Fakultäten. — Herr Meir Sulzbach in New-Iork, welcher hier als Richter angestellt gewesen, ist nach Philadelphia als Präsident des dortigen Gerichts befördert worden.— Aus Marokko werden andauernd neueMordthaten, ähnlich wieste an dem deutschen Staatsangehörigen Franz Neumann begangen wurden, gemeldet. Die Leiche eines im Gebiete der Wad Ras Kabyle ermordeten Juden wurde mit abgeschnittenem Hals in einem Brunnen gefunden und von Glaubensgenossen nach Tanger gebracht. Da der Ermordete Unterthan der Vereinigten Staaten von Brasilien war, so hat deren Vertreter sofort eine Genugthuungsforderung anhängig gemacht. Inzwischen kommt die Nachricht, daß in Holot, zwischen Barache und Uleagar Kebir, weitere drei Juden ermordet sein sollen. Ebenso wurde eine von Mogador nach Marrakesch ziehende Karawane, die namentlich Baumwollwaaren mit sich führte, angefallen und geplündert. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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