Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-30 · Heft 48 (30.11.1894) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228040-3228089--51304-3274161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

58. Jahrgang. Rr. 48. fr "ff {fr 0^^» Gerlin, 30.November 1894. Weikage zur „Allgemeinen Jeitung öes IuöenLHums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. ' B. Berlin, 27. November. In der am Sonntag, den 25. November stattgehabten Sitzung der Repräsentanten machte der Vorsitzende, Herr Hermann Landsberger, der Versammlung Mittheilung von einer Stiftung des Herrn Dr. Edmund Lachmann und Geschwister. Es ist dies eine Zuwendung von 75,000 Mk, die unter dem Namen Salomon Lachmann-Stiftung zu Gunsten des jüdischen Krankenhauses Verwendung finden soll. Aus den an die Schenkung geknüpften Bedingungen sei erwähnt, daß aus den Zinsen des Kapitals sieben Betten unterhalten und mit dem bereits bestehenden Freibett der Frau Alwine Lachmann in einem Saal vereinigt werden sollen, um Kranke ohne Unterschied der Konfession zu verpflegen. Eine Tafel über dem betreffenden Saal soll den Namen des Stifters tragen. Die Versammlung erklärt einstimmig, die Spende unter diesen Verpflichtungen annehmen zu wollen. Hierauf erstattete Herr Leichtentritt als Vorsitzender der Revisionskommission Bericht über den Rechnungsabschluß der Gemeinde-Hauptkasse. Der Bericht umfaßt den Geschäftsabschnitt vom 1. Januar 1893 bis 1. April 1994 und giebt, wie der Referent hervorhebt, ein sehr zufriedenstellendes Bild von der Finanzlage der Gemeinde. Nachdem das Jahr 1891 mit einem Defizit von 28,400 Mk. abgeschlossen, brachte 1892 einen Ueberschuß von 80,000 Mk., der sich nunmehr nach dem Abschluß des letzten Geschäftsjahres auf 152,000 Mk. erhöht hat. Aus dem Vorgelegten Zahlenmaterial sei hier erwähnt, daß die Zahl der Zensiten von 13,386 Mitgliedern aus 15,136 gestiegen ist, aus welcher Vermehrung der eingeschätzten Mitglieder sich an Beiträgen ein Plus von 65,377 Mk. ergeben hat. Das Vermögen der Gemeinde ist auf 4V4 Millionen zu taxiren. Eine genaue Feststellung ist wegen der Liegenschaften der Gemeinde an Grund und Boden nicht ohne Weiteres zu bewerkstelligen. Einstimmig wird von der Versammlung dem Vorstand Decharge ertheilt, welchem der Vorsitzende Namens der Repräsentanten für die Mühewaltung und die weise Handhabung der Geschäfte seinen Dank ausspricht. Unter den Ausgaben, die nicht in den Etat eingestellt waren, befinden sich u. A. 1400 Mk. für Synagogen-Stände, welche der Vorstand von den ursprünglichen Besitzern zurückgekauft hat, um sie dem größeren Publikum, für das Mangel an Plätzen vorhanden ist, aufs Neue zugänglich zu machen. Bon Herrn Rechtsanwalt Tiktin wird alsdann, nachdem ein bezüglicher Antrag auf Ausschluß der Oeffentlichkeit abgelehnt worden ist, ein von fünf Mitgliedern der Versammlung unterschriebener Antrag Louis Sachs verlesen, laut welchem „der Vorstand ersucht werden soll, dem im Hause Münzstraße 23 seit vier Jahren bestehenden jüdischen Mädchenstift für die bis zum Jahre 1898 dauernde Etatsperiode eine jährliche Subvention von 3000 Mk. zu bewilligen". Zur Begründung dieses Antrages verweist Herr Louis Sachs auf das segensreiche Wirken des Vereins, der es sich zur Aufgabe gestellt, Mädchen der armen jüdischen Stände durch Haushaltungsunterricht zu tüchtigen Dienstboten heranzubilden. Die Resultate seien fast ausnahmslos befriedigende, und es heiße daher nicht nur die Interessen der armen, sonst wer weiß welchen Schicksalen ausgesetzten Mädchen, sondern auch das Interesse der Gesammtheit fordern, wenn möglichst viele in die Lage versetzt würden, sich in ehrlicher Arbeit zu ernähren. Dazu bedürfe es aber größerer Mittel, die heute nur die Ausbildung von zehn Mädchen gestatteten. Gegen den Antrag wendet sich Herr Justizrath Meyer. Er bekämpft ihn sowohl vom allgemeinen prinzipiellen Gesichtspunkt aus, weil er derartige Initiativanträge bei den zwischen Vorstand und Repräsentanten bestehenden Kompetenz-Verhältnissen für bedenklich erachtet, und erklärt sich auch aus speziellen Gründen gegen die Forderung, weil sie, wenn bewilligt, das Signal für alle möglichen Vereine sein würde, mit gleichen Forderungen zu kommen. Aus dem nämlichen Grunde spricht sich auch Herr Jacoby gegen den Antrag aus, während Herr Fränkel der Ansicht ist, daß man mit dem Gelde nichts Besseres anfangen könne, als gemeinnützige Bestrebungen zu unterstützen. Herr Tiktin tritt dem Vorstand bei, indem er meint, daß man nicht Steuern erheben dürfe, um auf Kosten Anderer wohlthätig sein. Ein inzwischen eingegangener Antrag des Herrn Ruß, die Angelegenheit bis zur Berathung des Etats zu verlegen, wird abgelehnt. Noch einmal plädirt Herr Louis Sachs für die Forderung, indem er die finanziellen Bedenken mit dem Hinweis zu entkräften sucht, daß man durch Unterstützung derartiger Anstalten nützliche Glieder der Gesellschaft schaffe und so die Armenverwaltung entlaste. Die hierauf erfolgende Abstimmung ergiebt die Annahme des Sachsschen Antrages. Die öffentliche Sitzung endete mit dem Schluß dieser sehr anregenden Debatte, auf die wir um ihrer prinzipiellen Bedeutung willen noch einmal zurückkommen müssen, denn auch uns scheint das Ueberhandnehmen von Initiativanträgen, die in einer doch immer nach dem Zufall zusammengesetzten Versammlung und ohne Vorbereitung seitens der hierbei maßgebenden Faktoren erledigt werden sollen, nicht im Interesse einer gedeihlichen Entwicklung unserer Gemeindeangelegenheiten zu liegen. S£ä Berlin, 17. November. Nach schweren Leiden ist am 25 d. M. Dr. Arnold Bodek hier gestorben. Mit ihm ist ein Mann dahingeschieden, der als lauterer Charakter sich die Achtung und Anhänglichkeit aller derer gewann, die ihm einmal näher getreten. In treuer Pflichterfüllung hat er gestrebt und gearbeitet, so lange es seine Kräfte gestatteten, bis ein tückisches Leiden seine Gesundheit untergraben hat. Am 20. Oktober 1844 in Leipzig geboren, hat er nur ein Alter von 50 Jahren erreicht. Ein gewandter Journalist, der die liberalen Ideen tapfer zu vertreten wußte, schied mit ihm dahin. Der Verein „Berliner Presse" verliert in Bodek ein langjähriges Mitglied. Arnold Bodek stammte aus einer alten und großen jüdischen Familie, er war ein Enkel von S. L. Rappaport. Schon in früher Jugend wurde er dem rabbinischen Stande gewidmet. Nach Beendigung der Gymnasialstudien bezog er das jüdisch-theologische Seminar in Breslau. Seine Doktordissertation erörterte einen interessanten Streit, dem sein Großvater eine so bedeutsame Wendung gegeben; der Titel lautete: „Marcus Aurelius Antoninus als Freund und Zeitgenosse des R. Jehuda Hanasi" (Leipzig 1868). Nachdem Bodek schon in mehreren Gemeinden wie in Dessau u. A. mit Erfolg gepredigt hatte, entschloß er sich schließlich dennoch, den theologischen Beruf auszugeben und sich ganz der Publizistik zu widmen. Auf diesem Gebiete hat er in Leipzig, Berlin und Hamburg sehr Tüchtiges geleistet. Gr war Redakteur am „Berliner Tageblatt", der „Tribüne", der „Vossischen Zeitung" und bei andern hervorragenden Blättern. Ein lebhaftes Interesse bewahrte er aber allezeit den Angelegenheiten des Judenthums. Seine Ausgabe von Mendelssohns „Phädon", sein „Lessing- Mendelssohn-Gedenkbuch" und andere Arbeiten, seine Betheiligung an den Arbeiten des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes", dem er als Ausschußmitglied viele Jahre angehörte, sind dessen ein beredtes Zeugniß. Schlicht in seiner Darstellungsweise, abhold jedem Phrasenschwall, ehrlich nnd treu in der Erfüllung übernommener Pflichten, gehörte er zu jenen guten Kameraden, die man in den publizistischen Schlachtreihen nicht eben allzuhäufig findet. Im reiferen Mannesalter erst entschloß er sich, eine Familie zu gründen — heute stehen ein trauerndes Weib und drei unmündige Waisen klagend an der Bahre des Gatten und Vaters. Mit Aufbietung all' seiner Kraft hat Arnold Bodek, der den Weg vom Theologen zum Journalisten gefunden, noch gearbeitet, als schon die Schatten des Todes über seinem Haupte schwebten. Die Bestattung findet am Donnerstag auf dem Friedhof zu Weißensee statt. Friede dem Andenken des wackeren Mannes! A. Berlin, 26. November. Wie wir vernehmen, hat sich die Lehrabtheilung des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" in der letzten Sitzung, an der auch Angehörige des Lehrerstandes theilnahmen, eingehend mit der von verschiedenen Seiten angeregten und theilweise schon verwirklichten Idee eines Verbandes der jüdischen Lehrer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.