Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- Seite 576 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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576 r» m iiKiinffiiiüiii mmm. W —. M timmwniutniw« ÜWWIMM I * I FEUILLETON 1 I m MIBQML iPnuBTTO m '-..- - i I—1 1--a Ber Iudenjunge. Eine Erzählung aus Ostgalizien von Wilhelm Feldmann. (Fortsetzung.) vm. m Sonntag in der Frühe begann er seine Wanderung in die in den Nebengassen gelegenen Handlungen. Wo auf dem Schilde ein jüdischer Name zu lesen war, fragte er nach dem Chef. Gewöhnlich ward er vom Kaufmann mit einem ungeduldigen, verwunderten Blick gemessen. „Ich werde auf alle Bedingungen eingehen," pflegte dann Jizchak hinzuzufügen. In vielen Geschäften wurde er unverrichteter Dinge abgefertigt, weil man überhaupt keinen Lehrling beuöthigte; in vielen andern wurde ihm ganz ohne Umschweife gesagt, daß man keinen Kaftanjuden brauchen könne. An einer Stelle fragte man ihn, welcher Sprachen er mächtig fei, ob er die Buchhaltung verstehe, ob er bereits in einem Geschäfte gearbeitet habe, und in welchem. Ueberall mußte der Jüngling eine verneinende Antwort geben, wobei er nie zu bemerken ermangelte: „Aber ich werde sehr rasch Alles erlernen, ich werde arbeiten... / „Ja ... und mittlerweile?" „Werde ich nur Kost und Wohnung beanspruchen." - „Nur?" sprach dann der Kaufmann ironisch. „Bei uns müssen die Lehrlinge noch zahlen." Am Abend setzte sich Jizchak auf eine Bank im Garte» hin. Ihn schmerzte» die Füße und der erlittene Mißerfolg. Er war buchstäblich an keinem jüdischen Geschäfte vorübergegangen, ohne einzutreten, aber Alles — umsonst. Nirgends wurde ihm Hoffnung gemacht. Jeder wies auf die schlechten Zeiten, auf den Stillstand im Geschäfte, auf die große Zahl der Arbeitslosen u. s. w. hin. Wie viele Demüthigungen hatte er ertragen müssen! Und wenn er in manchen Handlungen diese wohlfrisirten, sich verneigenden, den Gästen entgegenspringenden und lächelnden Ladenschwengel betrachtete; wenn er anderwärts wieder diese elenden, nervösen, ihre Waaren fieberhaft preisenden, die Kunden mit Gewalt herbeischleppenden Kommis sah: dann mußte er sich sagen, daß er keinem dieser Leute ihres Faches je gleichkommen könnte. So leb denn wohl, kaufmännische Laufbahn! Du kannst mir nicht als Vorhaus zur Halle der edleren Arbeit dienen, dachte er, Aber eine solch' schnelle Enttäuschung hatte er nicht erwartet. „Ja, guter Rath ist theuer. Noch ist nicht Alles verloren. Ich muß Herrn Moritz aussuchen, um mit ihm zu sprechen." Er begab sich in die Wohnung der Familie Bauer. Heute, dachte er, muß etwas beschloffen werden. Unter diesem „Beschlüsse" verstand er augenblicklich die Nothwendigkeit, Fräulein Lola zn sehen. Er erblickte sie — viel früher, als er annehmen durste — vor dem Thor, aus dem Hausflur tretend. Das Herz klopfte ihm wild, er war bleich geworden. Rasch näherte er sich ihr, die brennenden Augen auf sie hebend. Die Schöße seines Kaftans flatterten im Winde. In einiger Schritte Entfernung blieb er stehen, lüftete so graziös als möglich seinen Sammethut und rief, sich verbeugend: „Guten Abend, Fräulein, guten Abend!" Das Mädchen blieb stehen. Sie trug ein langes, dunkelbraunes Regenmäntelchen, welches ihren schlanken Wuchs, ihre herrliche, elastische Gestalt prächtig zur Geltung brachte. Ein riesiger Kalpak, auf dem sich ein Hain, ein winziges Vöglein und eine große Bandschleife befanden, verdeckte ihr schönes Haar, welches Jizchak so sehr bewundert hatte, und beschattete das auf der Straße sehr, sehr ernst ausjehende Gesichtchen. „Guten Abend!" wiederholte Jizchak verbindlich, dicht »eben dem Fräulein stehend. Dieses biß sich auf die Lippe, das blaue Auge sprühte, sie senkte es, als wenn Zorn oder Scham sie bewegten, und ließ ihren Sonnenschirm fallen. Jizchak, welcher ebenfalls verlegen geworden war und nicht wußte, wie er seine gewesene Lehrerin ansprechen sollte, hatte jetzt eine treffliche Gelegenheit, sich als galanter Kavalier hervorzuthun. Er bückte sich, stieß aber unglücklicher Weise an Lola an, so daß er, das Sonnenschirmchen bereits in der Hand, hinter seinem Hute her jagen mußte, welcher von einem muthwilligen Winde immer weiter getrieben wurde. Nicht lange hatte diese Jagd gedauert; als er aber^nach einer Minute den Schirm im Triumph herbeitrug, war das Fräulein nicht mehr zu finden. Was ist das? fragte er halblaut. Sie ist nicht da. Offenbar wußte sie nicht, tpo ich hingekommen war, tröstete er sich. Aber ihr Eigenthum muß ich ihr zurückgeben. Fest hielt er den seidenen Schirm mit dem zierlich geschnitzten Griff in Händen, Hatten ihn doch „ihre" Finger berührt. Er begab sich in den ersten Stock. Als er das Zimmer leer und, legte er den Schirm auf den Schreibtisch, damit er dem Fräulein nur gleich ins Auge falle, und klopfte dann bei Moritz an. „Ach, Herr, ich bin so müde —" „Gleich," unterbrach ihn Bauer und befahl, ein Glas Thee und eine Semmel aus der Küche zu bringen. Jizchak begann sich zu sträuben. „Ich danke wahrhaftig, ich bin nicht hungrig." „Ach," rief Moritz ein wenig unwirsch, „wozu diese Umstände. Es ist nicht mehr „chic", sich bitten zu laffe». Sonderbar, Jizchak fühlte sich beschämt, etwas gethan zu haben, was nicht der „Mode" entsprach. Mit Behagen trank er den Thee und erzählte die Erlebnisse des heutigen Tages. Zuletzt wurde er traurig und seufzte. „Ich dachte, ein Stück Brod und einen eigenen Winkel zu finden," sprach er. „So versorgt, hätte ich den Tag zur Arbeit, die Nächte zum Lernen benützen können. Wie sehr habe ich dies gewünscht. Hier in Leniberg erst, wenn ich um mich blicke und mich mit diesen Werken des menschlichen Geistes und seiner Betriebsamkeit vergleiche, fühle ich, daß ich ein Nichts bin.Hier erkenne ich mein eigenes Elend und meine Unwissenheit und denke, daß es besser wäre, gar nicht zu leben, als solch' ein thierisches Leben zu führen." Moritz sah ihn theilnehmend an. „Ja," sagte er, „es ist schlecht genug. Ich selbst bin noch zu jung, um all' diese Klingen genau zu kennen, an denen Ihr Euch verwundet; aber ich weiß, daß es dort dumm und finster ist. Ich habe weder Mittel noch Einfluß." (Forts, folgt.) Druck und"Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.