Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- Seite 575 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228040-3228089--51302-3274159- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
576 Rudolf Löwenstein, Salomon Hermann Mosenthal und Andern, war er befreundet. Manche Lieder sind von orientalischer Gluth durchhancht, tief leidenschaftlich und von zündender Wirkung. Ich verweise in dieser Beziehung nur auf Nr. 1 im Opus 78: „Hebräische Melodie: Mein Geist ist taub und schwer, nach Byren von Lermontoff", auf Nr. 3: „Der Engel", „An Edens Thor". Er hat eine „geistliche" Oper in 8 Bildern, betitelt "Moses", (Text von Rosenthal), „Hagar in der Wüste" Geduld, Geduld, mein Kind, eine dramatische Szene, ein Oratorium: „Der Thurmbau von Babel" (Text von Julius Rosenberg), „Das verlorene Paradies", „Snlamtth" und ähnliche Werke biblischen Inhalts geschrieben; sein frommer, religiöser Sinn, sein Verständnis für den Genius der heiligen Schrift leuchtet aus jeder seiner Kompositionen hervor. Der Inhalt dieser Schöpfungen ist so bedeutend, daß auch nach seinem Tode und für viele Generationen hin uns sie in ungeschwächter Kraft fortleben werden. Er hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, der geistlichen Oper ein eigenes Heim zu schaffen— wie einst Richard Wagner dem Mnsitdrama in Bayreuth; 40 Jahre hat er an der Verwirklichung seines Planes gearbeitet . . . aber leider war cs ihm von der Vorsehung nicht beschieden, seinen heißersehnten Wunsch verwirklicht zu sehen: In einem von ihm im Jahre 1882 veröffentlichten interesianten Aufsatz über die geistliche Oper*) spricht er sich über seine Stellung zu derselben u. A. in nachstehender Weise ans: „Die großartigen Gestalten der Bibel von Herren in schwarzem Frack mit weißer Halsbinde, gelben Handschuhen, ein Notenblatt vor dem Gesicht — oder von Damen in modernster, oft extravagantester Toilette — singen zu hören und zu sehen, das hat mich immer dermaßen gestört, daß ich zu einem Genießen niemals gelangen konnte. . Unwillkürlich erfaßte mich der Gedanke, fühlte ich, daß Asies, was ich als „Oratorium" erlebt, viel großartiger, packender, richtiger und wahrer auf der Bühne in Kostümen nnd Dekorationen, mit der vollen Aktioil darzustellen sein müsse. Freilich müßten zu diesem Zwecke die Texte die erzählende Form verlieren und in die dramatische umgearbeitet werden, eine Arbeit, die mir als keine schwierige erscheint und den musikalischen Theil in keiner Weise beeinträchtigen würde. Dem Einwand, daß biblische Stoffe ihrer Heiligkeit wegen nicht auf die Bühne gehören, kann ich - nicht beistimmen. Es würde dem Theater damit ein „testimoniurn paupertatis“ ausgestellt, ihm gegenüber Mißachten ausgesprochen, während es doch gerade den höchsten Kulturzwecken -dienen und entsprechen soll. . . Da jedrch die Anschauung, daß es eine Entweichung dieser Stoffe wäre, wenn sie auf die Bühne gebracht würden, noch eine so allgemeine ist, daß ihr immerhin Rechnung getragen werden muß, so habe ich die Schaffung einer eigenen Kunstgattung ins Auge gefaßt, die in einem eigens für diese Gattung zu erbauenden Theater ihre Stätte fände. Diese Kunstgattung wäre im Gegensatz zur weltlichen die „geistliche Oper" zu nennen, das Theater ein „geistliches" Theater im Gegensatz zu einem weltlichen Theater, mit einem Künstler- und Chorpersonal, eigens für die speziellen Zwecke hcrangebildet, mit besonderen Verhaltungsregeln für das Publikum — es sollte gleichsam im „Reiche der Kunst" entstehen. . . So schwebt mir denn ein Theater vor, in welchem man in chronologischer Ordnung die prägnantesten Momente der Bibel, allen höchsten Kunstanforderungen entsprechend, aufführt. Die Begebenheiten, wie die Persönlichkeiten der Bibel sind zudem so großartiger, schöner und poetischer Art, daß eine Veranschaulichung derselben durch Darstellung auf der Bühne mit Beihilfe aller Künste nicht ermangeln wird, den Dank des Publikums 1 ) „Vor tcn Coulissen", Berlin 1882, S- 47 ff. (Volkes) zu gewinnen. Von schon vorhandenen Opern auf Unterlage biblischer' Stoffe ist vielleicht nur der „Joseph" von Möhul paffend für die geistliche Oper, alle anderen nicht, weil ihre musikalische Ausdrncksweise eine zu weltliche ist und die Behandlung der Stoffe den Gesetzen der weltlichen Oper zu sehr entspricht." Rubinstein beschränkte sich nicht ans die graue Theorie, sondern bemühte sich eifrig, seine Liebliiigsidee in die That umznsetzen. Er war der Ansicht, daß der Fürst eines kleinen deutschen Landes sich am besten dazu eigne, die Initiative zn ergreifen; finde sich ja da oft ausgesprochene Kunstliebe und Pflege! Der Großherzog von Sachsen-Weimar, an den er sich deshalb wandte, meinte jedoch, daß er sich die Ausführung eines solchen Planes nur in ganz großen Städten möglich dächte. Nun fragte er in Berlin bei dem damaligen Kultusminister von Mühler an, aber dieser zeigte kein Entgegenkommen, indem er meinte, der Staat könne sich mit so was nicht befaffen, vielmehr müffe sich die Privatnnternehmung der Sache bemächtigen. Ebenso erhielt er von England einen Korb. Nun trug er sein Projekt den Spitzen der jüdischen Gemeinden in Paris vor. Diese wollten seine Pläne gern finanziell unterstützen, schreckten aber vor der dann für das Publikum als von ihnen ausgehenden moralischen Initiative zurück. Auch andere Versuche schlugen fehl — nnd noch in seinen letzten Jahren hoffte er noch immer den Tag zu erleben, an welchem ein geistliches Theater ins Leben treten würde! Deshalb schrieb er fleißig noch andere geistliche Opern, wie z. B. die unvollendet gebliebene Trilogie: „Kain und Abel". Am bekanntesten wurde Nubinstein in Deutschland durch eine Oper — Text nach Otto Ludivig von H. S. Mosenthal: „Die Makkabäer", welche das glorreiche Heldengeschlecht der Makkabäer -textlich und musikalisch behandelt. Die am 17. April 1875 zum ersten -Male in Berlin aufgeführte Oper hat bekanntlich einen Triumphzug durch ganz Deutschland und alle Bühnen des Auslandes angetreten. Cs ist die dramatisch wirksamste und packendste Oper Rnbinsteins, -voll glühender Leidenschaft und großartiger Charakterschilderung. Echt biblischer Geist waltet in diesem Musikdrama, welches stets einen tiefgehenden, mächtigen Eindruck auf den Zuhörer und Zuschauer ausübt. Besonders der Schluß ist ganz im Sinne der heiligen Schrift gehalten. Als Judah mit dem siegreichen Heere der Juden 'heranzieht, singen die Krieger sein Lob als dem König von Israel, doch demüthig beugt Judah sich vor dem Höchsten: „Der König Zions ist der Herr allein!" Spöttisch nannte Lande einst die Oper: „Die Synagoge im Burgtheater" — aber über seinen Hohn ist die gebildete Welt zur Tagesordnung übergegange». Das Triumphlicd Leahs: „Schlaget die Pauken!" würde allein schon hinreichen, das Andenken des herrlichen Komponisten für die Nachwelt zu erhalten. Daß ihm gerade die Komposition der Makkabäer so meisterhaft gelungen ist, beweist am bestrn, daß das jüdische Geistes- und Gemüthsleben in ihm mächtig waltete und schaltete — trotz der Taufe. Als die Makkabäer in Berlin ihre Premiere erlebten, wurden dem Komponisten rauschende Ovationen dargebracht; an denselben betheiligten sich auch der anwesende Kaiser Wilhelm I., der ihm eine hohe Ordensauszeichnung zu Theil werden ließ. 1891 ertheilte ihm übrigens Kaiser Wilhelm auch noch die höchste bürgerliche Auszeichnung, den Orden pour le nierite. Nun ist dieser edle, große Mensch, der rrnsterbliche Künstler rind Komponist, dahingerafft worden — von Tausenden und Abertausende» betrauert und beweint. Alle diejenigen, welche je mit ihm -in Berührung kamen, werden sein Bild stets im Herzen tragen.