Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- Seite 574 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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- 574 es — Giacomo Meyerbeer etwa ausgenommen — keinen Tonheros gegeben, welcher die Nächstenliebe in so edler und aufopferungsvoller Weise geübt hätte, wie er. Auch eine andere jüdische Eigenschaft besah er in hohem Grade: die Liebe zu den Eltern und die Pietät für die großen und ruhmreichen Geister, welche bahnbrechend gewirkt und die Menschen auf dem Wege des Fortschritts vorwärts gebracht haben. Im November 1889, gelegentlich seines 50 jährigen Künstlerjnbiläums, veröffentlichte er in der russischen Revue „Ruszkaja Starina" einige Aufzeichnungen aus seinem Leben, worin er seiner Mutter in warmen, begeisterten Worten ein Denkmal gesetzt. Sie übte einen gewaltigen Einfluß auf die musikalische und Charakterentwicklung Antons und war seine erste und beste Lehrerin. Neben ihr war es eine andere jüdische Frau: Frau Barbara Grünberg — gestorben 1869 —, die Gattin eines jüdischen Arztes in Moskau und Freundin der Frau Clara Rubinstein, welche die musikalischen Keime, die in der Seele des Knaben und Jünglings schlummerten, zu voller Entfaltung zu bringen suchte. Mit Julie Griinberg — der jugendlichen Tochter der Frau Barbara —, einer Schülerin Hcnselts, spielte er mit Vorliebe Klavier. Als Jüngling hatte er viel niit den Sorgen des Daseins zu kämpfen; er aß sein Brod mit Thränen, aber auch das nicht immer, denn es gab viele Tage, wo er buchstäblich hungern mußte. Der spätere Millionär Rubinstcin konnte sich beim Beginn seiner Laufbahn selten satt effeu. Dafür war er Zeit seines Lebens Allen denen mit glühender Dankbarkeit zügetha», welche an seinen Genius glaubten und.ihm rathend und helfend zur Seite standen. In seinem Salon in Peterhof, wo er in einem schloßartigen Palast die letzten Jahre seines Lebens als Grandseigneur residirte, lag ein Album, desieu erstes Blatt das vergilbte Bild eines alten polnischen Juden aufwies. Dies bezog sich auf eine der denkwürdigsten Erinnerungen des Künstlers. Er hatte als blutjunger Bursche in einer polnischen Stadt sein erstes Konzert anzeigen laffe», doch fiel es Nieniandem ein, Sitze zu kaufen. Da kam plötzlich ein alter polnischer Jude, legte einen Rubel hi« und sagte: „Gieb mir ein Halbdutzend Sitze!" ... Dieser mein erster zahlender Hörer — so erklärte einst Rubinstein — erfüllte mich mit solch' namenlosem Entzücken, daß ich ihn, als ich einige Jahre später wieder ins Städtchen kam, auf meine Kosten photographiren ließ, um mir sein Bild aufbewahren zu können. ... Die Mutter begleitete, so lange sie lebte, mit sorgender Liebe alle Schritte des geliebten Sohnes, und als er 1844 nach Berlin reisen sollte, um dort unter Dehirs Leitung ernste Studien zu machen, wandte sie sich an die ihr und dem Jüngling befreundeten großen Meister Giacomo Meyerbeer und Felix Mendelssohn- Bartholdy — den Enkel Moses Mendelsohns — und Beide unterstützten sie durch ihre guten Rathschläge und förderten thatkräftig die ruhmreiche Laufbahn Anton Rubinsteins. Eigenthümlich ist's, daß auch der erste Verleger Rubinsteins, welcher Vertrauen zu seinem Genie hatte, ein Jude war, Namens Schlesinger, der Verleger der musikalischen Werke Giacomo Meyerbeers, welch' Letzterer auch den einflußreichen Musikalienhändler zur Uebernahme des Verlags veranlaßt hatte. Es war dies die 1842 erschienene kleine Klavieretüde „Undine", die von Robert Schumann sehr günstig beurtheilt wurde. Von Berlin übersiedelte er nach Wien, um dort sein Glück zu machen, aber auch in der Stadt an der schönen blauen Donau war Schmalhans sein Küchen-Meister. Anderthalb Jahre litt er dort Noth, lind er wäre zu Grunde gegangen, wenn nicht reiche und kunstsinnige Bankierfaniilien jüdischen Glaubens sich seiner angenomnlcn hätten, daher zog es ihn auch im Alter noch nach Wien; zuletzt spielte er am 17. März 1893 im Sale des Barons T od esco, wieder einmal seine Kunst in den Dienst der Wohlthätigkeit stellend und von jungen und alten, schönen und weniger schönen jüdischeil Damen umflattert und umschwärmt. Kurz vor Ausbruch der Märzrevolution hielt sich Rubinstein wieder in Berlin auf, wo er n. A. viel mit Berthold Auerbach verkehrte, mit dem er sich vorzugsweise über Litteratur, Kunst und die Hofkreise unterhielt. Zu seinen späteren Berliner Freunden gehörten u. A. auch die dem Judenthum entstammenden Künstler JosefJoachim, Heinrich Ehrlich und Hermann Wolfs, welch' Letzterer der Protektion Rubinsteins es in erster Linie zu verdanken hatte, daß seine Agentur einen solchen Aufschwung nahm. Heinrich Ehrlich war einer der Ersten, welche die große Bedeutung des Meisters schon zu einer Zeit erkannten,als er blos für einen Nachahmer Franz LisztS galt. Ich habe schon erwähnt, daß Rubinstein, im Gegensatz zu Richard Wagner, den er überdies gründlich haßte, die Werke jüdischer Tonsetzer mit bemerkenswerther Objektivität und wohlthnender Unparteilichkeit besprach. Alles Große fand in ihm einen begeisterten Herold. Man höre nur sein Urtheil über Meyerbeer und Halövy. In seinem intereffanten Buch: „Die Musik und ihre Meister"') lesen wir (S. 70 ff.): „ ... Später verlangte das Publikum in der großen Oper ein intereffantcs, beinahe symphonisches Orchester, intereffante Handlung im Stoff (besonders Situationsreichthum), unbedingte Hinziiziehung des Ballets und einen großen Rahmen — nicht weniger als fünf Akte mußte die große Oper haben. Am meisten ist allen diesen Anforderungen Mcyerbeer nachgekommen und ist daher Typus der großen französischen Oper geworden. Dieser Komponist ist in Frankreich überschätzt und in Deutschland von der ernsten Kritik unterschätzt worden. Wohl hat er manche Sünden auf seinem Künstlergewiffen: krankhafte Eitelkeit, Sucht, nach unmittelbarem Erfolg, Mangel an strenger Selbstkritik, Unterwürfigkeit dem schlechte» Geschmack des unmusikalischen Publikums, Freiheit in musikalischer Charakteristik, — aber er hat auch sehr große Eigenschaften: Theaterblut, höchst bedeutende Orchesterbehandlung, gewaltige Dramatik, virtuose Technik u. s. w. Viele Musiker, die gegen ihn sprechen, wären sehr-froh, wenn sie cs ihm nachmachen könnten! Jedenfalls sind „Robert der Teufel", „Der Prophet", besonders aber „Die Hugenotten" höchst bedeutende Opernkompositionen! Nach ihm ist es Halevy, der zu den Hervorragendsten in Frankreich zählt und deffen „Jüdin" wohl ein sehr beachtenswerthes Werk ist." Es kann hier nicht meine Aufgabe sein, Anton Rubinstein als schaffenden Künstler zu charakterisiren; dies ist schon früher, und anläßlich seines Ablebens auch von den Tagesblättern geschehen — nur auf das jüdische Element in seiner Kompositionsweise sei hier nachdrücklich hinzuweisen. Er hat etwa 120 Werke geschriebendarunter manche für Klavier, die 10—20 einzelne Nummern zählen, viele Opern und Oratorien, sechs Symphonien, zahlreiche Lieder, Konzerte u. s. w. — und da müffen wir denn sagen, daß seine Stammcsangehörigkeit. das jüdische' Element in denselben keine unwesentliche Rolle spielt. War doch das Hauptziel seiner Bestrebungen, das religiöse Drama in neuer Gestalt zu erwecken, ihm eine feste Begründung und dauernde Stätte zu verschaffen. — ohne daß sein Ringen nach dem Ideal in der Tonkunst ganz in Erfüllung gegangen wäre! Biblische Stoffe hat er mit Vorliebe in die Musik gesetzt, und mit deren zumeist jüdischen Verfaffern, wie Julius Rodenberg, 0 Leipzig. Bartholf Senff, 1892.