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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-30 · Heft 48 (30.11.1894) · p. Seite 573

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
Seite 573 (sequence 9)
Language
German
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573 muthsergüssen der jüdischen Poeten entlastenden Ausdruck suchten. Und wenn auch diese Häufung elegischer Klänge bei einer heutigen Nebeneiiianderstelluug der Produkte den Eindruck der Monotonie erregt, so fordern sie doch gerade dadurch als getreue Momentbilder lind unmittelbare Fixirungen eines denkwürdigen Martyriums unser Interesse und Mitgefühl heraus. Besonders in unseren Tagen, wo wir so viele Zeitgenossen bei der Arbeit sehen, solche Tragödien von Neuem heraufzuführen, und dies auch außerhalb des Civilisationsbereichs schon so weit verwirklicht ist, daß etwaige Poesieerzengnisse russischer Juden heute kaum weniger düster lauten könnten. Sind uns nun aber in den „echten hebräischen Melodien" unzweideutige Originalschöpfunge» spezifischen Judenthums geboten, spiegeln sie in dichterischen Formen das Empfinden, Leiden und Hoffen der unter den Verfolgungen des Mittelalters seufzenden Juden wieder, so drängt sich hier neben dem ästhetischen, kultur- und religionsgeschichtlichen Gesichtspunkt »och ein anderer von großer Wichtigkeit auf: die Frage nach dem sittlichen Gehalt der bezüglichen Poesiestücke. Wichtig allerdings ist diese einen Zweifel voraussetzende Frage nicht an sich, sie ist es nur durch den Drang der Zeitumstände geworden, durch die aus dem Gelehrten- und Bildungsantisemitisnius hervorgegangene und nun zur Belustigung und Befriedigung einer haßtrunkenen Menge in den lebhaftesten Umlauf gesetzte Verkündung von einer gemeingefährlichen Widersittlichkeit der jüdischen Religion. Schon die maßlos übertreibende, tendenziös zugespitzte, sichtlich auf Knalleffekte ausgehende Vortragsart dieser Behauptungen sollte jeden noch der nüchternen Ueberlegung fähigen Menschen bedenklich machen und an das landläufige Wort von dem verstinimenden Merken der — Absicht erinnern. Ein derartiges Widerstreben feineren Gefühls ist jetzt aber nur ausnahmsweise anzutreffen während für den Verdammungsspruch und seine Verfechtung und Verbreitung große Schaaren heftigster Parteigänger aller Volksklaffen gewonnen sind. Auf Grund leichtfertig geführter, aus alten Büchern mühsam zusammengestoppelter Beweise hin, wird also hier die grundsätzliche Verderbtheit einer ganzen menschlichen Gemeinschaft, eine in der Geschichte beispiellose Kollektiventartung der Gewissen für denkbar gehalten, und das allein ist es, was die Frage nach der sittlichen Beschaffenheit der jüdischen Gebetspoesie nicht überflüssig erscheinen läßt. Denn wäre das Entsetzliche zutreffend, daß eine in allen Ländern bestehende, seit vielen Jahrhunderten unter den Augen der europäischen Bevölkerungen waltende Religion ihren Bekenner» die Verübung von Ruchlosigkeiten und Verbrechen aller Art erlaube, ja, als religiöse Pflicht auserlegt, wie dies jetzt fort und fort von allen Dächern gepredigt wird, so könnte eine solche Verpestung alles Denkens und Fühlens doch niemals und nirgends undurchsichtig und unthätig geblieben, so muß eine so ungeheuerliche Abnormität in allen Lebensäußerungen dieser Menschen nachzuweisen, vor Allem aber müßten Spuren und Merkzeichen davon auch in jene alten hebräischen Gesänge übergeflossen sein. Von hervorragenden Schriftgelehrten wurden sie, wie schon bemerkt, für das internste Leben, für die Andacht und Erbauung 7>er Gemeinden verfaßt, sodann meist als feste Bestandtheile in die Gebetbücher des synagogalen Ritus aufgenonimen und haben hier seit Jahrhunderten als pietäisvoll gehütete Kleinode ihren durch die Tradition geheiligten Platz behauptet. Mehr als die vereinzelten Aeußerungen dieses und jenes oft obskuren und autoritätslosen Gesetzauslegers dürfen sie daher als ureigene Ausflüsse uud Offenbarungen der in der jüdischen Gesammtheit thatsächlich herrschenden Gesittung nnd Stimmung gelten. Anton Nubinstern. , Von Dr. Adolph Ko Hut. (§^I^^an hat ihn nicht ausgewiesen, gematzregelt, boykottirt, den berühmten Tonkünstler mit dem jüdischen Namen und dem orientalischen Aussehen, — wenigstens nicht von dem Augenblick an, als der junge Musiker einst, mit seinen glühenden, dunklen Augen, dem Walde schwarzer, langer Haare und dem schwermüthigen Zug um seine Lippen die Gunst der hochsiirnigen Großfürstin Helene von Rußland sich zu erobern gewußt hat, — im Gegentheil! Er wurde wirklicher Staatsrath und „Excellenz", man huldigte ihm wie nur je einem modernen Orpheus, einem musikalischen Zauberer, welcher sich in die Herzen der Hörer einzuschmeicheln wußte. Die Zaren Nikolaus, Alexander II. und III. zeichneten ihn bei jeder Gelegenheit aus; nie ließ man ihn seine Abstammung fühlen, nicht einmal, daß er eine Art „Hofjude" sei, welcher den Großen dieser Welt durch sein unvergleichliches Klavierspiel vergnügte Stunden bereitete. Das Alles hat das bischen Taufwasser bewirkt. Anton Rubinstein hat nämlich, gleich vielen seiner Kollegen, welche als Virtuosen und Koniponisten sich einen hervorragenden Namen erworben haben, den „Makel seiner jüdischen Geburt" durch das Taufwaffer abzuspülen gesucht. Als Jude wäre es ihm nicht gelungen, Karriere zu inachen, ja, er hätte sogar nie einen Paß bekommen, und ein Mensch ohne Paß, der noch obendrein Musiker war, hatte noch vor wenigen Jahrzehnten im heiligen Rußland Anwartschaft darauf, abgeschoben zu werden. Die Mutter des vor wenigen Tagen verstorbenen außerordentlichen Tonheros war eine Jüdin, Namens Löwenstein, die in Lissa in der Provinz Posen von frommen jüdischen Eltern geboren wurde. Sie heirathete den russischen Unterthrn Gregor Rubinstein — oder, wie er sich russisch nannte, Gregor Romanowitsch aus Berditschow —, gleichfalls einen Glaubensgenossen, die schwerlich daran gedacht hätten, ihren genialen Anton in den Schooß der griechisch-orthodoxen Kirche aufnehmen zu lassen, wenn sie einen andern Ausweg, die Laufbahn ihres gottbegnadeten Sohnes zu begründen, gefunden hätten. Allerdings hat es charakterfeste Juden gegeben, welche es nie zugegeben hätten, daß aus Gründen der Selbstsucht oder des Ehrgeizes ihre Kinder die Religion ihrer Väter „changiren" — ich verweise nur auf Amalie Beer, die gottesfürchtige Mutter Giacomo Meyerbeers —, aber das sind leider! nur wenige Ausnahmen, welche die Regel bestärken. Immerhin ist es ein ehrenvolles Zeichen für die Aufklärung der russischen Gesellschaft, daß Anton Rubinstein in seinem Vaterlande nie als ein Staatsbürger „zweiter Klaffe" angesehen und auf seinen Ursprung nie geringschätzig hingewiesen wurde, während er in Deutschland vor. antisemitischen Blättern und Kritikern gar oft den Vorwurf hinnehmen mußte, daß er — was übrigens nur eine unwahre und alberne Phrase ist — das Judenthum in der Musik vertrete. Obschon er, wie gesagt, die Religion Moses „changirte", blieb er nicht nur seinem Aeußern nach, sondern auch in Folge seines Wesens und seiner Gesinnung ein Jude. Er besaß ein überaus gutes Herz, ein weiches Gemüth und eine erbarmungsvolle Seele. Es bereitete ihm stets wahre Herzensfreude, .Gutes zu thun, die Noth der Armen und Elenden zu lindern und seine unvergleichliche Kunst in den Dienst der Wohlthätigkeit zu stellen. Nicht nach Konfession, Geburt und Herkommen der Unglücklichen sragte er, wenn es galt, die Thränen der Ausgewiesenen, der Verfolgten, der Wittwen und Waisen zu trocknen, sondern nur danach, ob die Hungernden und die Gehetzten die Opfer, welche man ihnen zu bringen im Begriff >var, in der Thät auch verdienten. In der ganzen modernen Kunstgeschichte hat

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