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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-30 · Heft 48 (30.11.1894) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
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572 jener weltgeschichtlichen Anschauung hinausgewachsen, die er in seiner epischen Dichtung „Ahasverus" zu gedankenvollem und formvollendetem Ausdruck brachte. Wie die Poesie aller Weltalter von den indischen Veden und der Bibel bis zu den Griechen, von den Griechen bis zu Dante, Shakespeare, Goethe rc., so lag auch die mittelalterliche Dichtung seines Volkes, und diese schon von seiner frommjüdischen Erziehung her, denl Verständniß dieses hochgestimmten Freidenkers offen. Wäre es auffallend gewesen, wenn er von seinem unkoufessioncllen Standpunkt diese nur in dunkeln Winkeln der Weltlitleratur hausende Poesie ans ihrem verlorenen Posten gelassen, wenn sein durch Pielütsriicksichten und äußere Beweggründe niemals bestimmtes Urtheil, sein anspruchsvoller, mit den höchsten Mustern vertrauter Geschmack sich gleichgiltig von ihr abgewendet hätte? Dennoch traf dies so wenig zu, daß er den Plan zu einer neuen Verdeutschung faßte und diese noch ans der Neige seines im 57. Lebensjahre vollendeten Daseins wie eine heilige Pflicht auf sich nahm. Unzweifelhaft müssen also aus diesen hebräischen Strophen feffelnde Gedankenreize, ergreifende Seelenlöue von gemeiiunenschlichem Werth zu feinem Ohr gesprochen haben. In seinem lesenswertheu Vorwort schildert der Prof. Kaufmann de» hingebungsvollen Ernst emsiger Sorgfalt, mit welchem Heller eine lange Zeit hindurch den oft äußerst schweren Mühen der Aufgabe seine Tage und Nächte gewidmet hat. Und in der That finden sich unter seinen Nachbildungen viele Meisterleistungen deutscher Sprach- und Verskunst. Mit innigem Verständniß, lebhafter Wärme der Auffassung ist schonuugsvoll alles Eharakteristische, sogar der Tonfall, die Klangfarbe und Reimart der Originale gewahrt und doch eine schöne Eleganz und Aiunuth deutschen Wortlauts und rythmischen Schwunges erreicht. Die Sammlung enthält ausgewählte Erzeugnisse von nicht weniger als 34 jüdischen Poeten, und es sind darin die namhaftesten Hanptsterne der Epoche vertreten, so der auch von Heinrich Heine poetisch verherrlichte Jehudah Halewi mit 86, Salomo Gabirol mit 15, die beiden Jbn Esra mit 18 Nummern rc. Was nun den Charakter der übersetzten Dichtruigen nach Inhalt und Form betrifft, so würde in dieser Hinsicht, eine leider unterbliebene Einführung der Fecusteheirdeu sehr rathsam gewesen sein. Denn das jedenfalls zur Unterscheidung von den gleichnamigen Phantasieschöpfuugen Byrons und Heines dem Titel des Buches hiuzugefügte Wörtchen „echt" ist zu epigcamatisch, um bei der Fremdartigkeit dieser Stoffe eine geschichtliche und biographische Belehrung entbehrlich zu machen. Der etwa bereitwillige Leser wird sich deshalb zunächst und zwar im Voraus zu merken haben, daß die Gedichte durchaus das Gepräge orientalischer, hier speziell arabischer Lyrik zeige», die danurls in Spanien unter der entschieden den Wissenschaften und Künsten zugeneigten Omajadendynastie zu besonderem Aufschwung gelangte und auch in den stammverwandten Juden die alte dichterische Begabung zu einer reichen und eigenartigen Blüthe trieb. Die zahlreiche jüdische Bevölkerung Spaniens lebte während jener drei Jahrhunderte maurischer Herrschaft in einer günstigen, von Druck und Verfolgung befreiten Lage, so daß sich auch ihre lange niedergebeugten Geisteskräfte zu neuer Aufrichtung erhoben und das Chalifenreich bald jüdische Staatsmänner und Aerzte, jüdische Gelehrte, Akademiker und Schriftsteller aller Fächer zu seinen namhaftesteri und einflußreichste» Persönlichkeiten zählte. JhreGcmttthsnnd Geistesrichtung war nach wie vor eine erustrciigiöse gebliebe», und da sie in der treuen Bewahrung ihrer Glaubenstraditioneu von keiner Seite gehindert waren, konnten die bald aus ihrer Mitte erstehenden, durch Bildung, Talent und Wissen ansgezeichueten Schriftgelehrten und theologischen Philosophen die ihnen nur hier beschiedene Ruhe, Freiheit und Sammlung benutzen, um eine von allen Kennern noch heute gefeierte Glanzzeit jüdischer Litteratm unk» Forschung heraufzuführen. Auch die wissenschaftliche Begründung der hebräischen Grammatik, sowie die Widererweckung des altklassischen Hebräisch der Bibel, der Sprache der Psalmisten und Propheten, ist den arabisch-spanischen Juden jener Epoche zu danken und vornehmlich waren es ihre Dichter, welche aus diesem erstorbenen Idiom der Urväter ein gefügiges Jnstruiiient ihrer phantasiereichen Innerlichkeit schufen, ihm neue Tonweisen gemüthvoller Erhebung, neue Zauber des Bilderschmuckes und melodischen Wohllauts entlockten. In der Mehrzahl der Fälle — denn es sind auch schöne weltliche Lieder überliefert — geschah dies zur Auschmückung des Synagogenkultus mit stimmungsvollen und feierlichen Gesängen, und hierin liegt ein zweiter Punkt, der für eine richtige Auffassung nicht außer Acht zu lassen ist. Gleich aller kirchlichen Poesie wurzeln auch diese Lieder im Glaubensleben einer bestimmten Konfession und wollen nur aus dieser wie aus den Anschauungen lind Verhältnissen des Zeitalters verstanden sein, dem sie entsprossen sind. Wer modern gerichtetes Anschaueu verlangt, darf es nicht bei konfessionellen Dichtern suchen, die vor sieben oder acht Jahrhunderten gelebt haben. Der Gedanke einer Ausgleichung feindlicher Bekenntnißgegensätze, eines Aufgebens ihrer schroffen Abschließung lag allen damaligen Religionsparteien noch viel ferner als den heutigen. Im klebrigen war zwar die Lage der Juden im Regierungsbereiche der duldsamen Omajaden eine verhältnißmäßig glückliche, immerhin hing aber ihre ganze Existenz nur an dem Belieben dieser fürstlichen Selbstherrscher, während ihre Glaubensgenossen schon in benachbarten Theile» des spanischen Landes schwere Verfolgungen zu erdulden hatten, aus allen Gegenden des Erdenrundes die Weherufe bedrängter Brüder herüderdrangen und es sicher auch an ausführlichen Berichten über die in diesen Zeiten in Frankreich und Deutschland von den Kreuzfahrern verübten Greuel und Blutbäder nicht fehlte. Noch waren kaum tausend Jahre verfloffen seit dem Verlust ihrer nationalen Selbstständigkeit, seit ihrer Auseinanderreibung und Versprengung, ein kurzer Zeitraum, um derartige Erinnerungen in dui Herzen eines so, grausam behandelten Volkes auszülöschen. Durchaus erklärlich ist es daher, daß die Juden des Mittelalters den Boden, auf dem sie lebten, nicht als ihre wahre Heimath ansehen konnten, daß sie allenthalben als Fremdlinge sich fühlten, und dieses Loos, ihren religiösen Ueberlieferungen zufolge, als eine Verbannung, eine Gefangenschaft in Feindeshänden auffaßten, als ein von der göttlichen Fügung um ihrer Sünden willen über sie verhängtes Strafgericht, aus dem endlich durch reuevolles Erdulden aller Schmach, durch Festhalte» am Glauben und bußfertiges Entsagen Heil und Erlösung ihnen wieder erstrahlen würde. Je furchtbarer und unablässiger die Schrecken, Aengste und Nöthe eines ruhelos gehetzten, geknechteten und entwürdigten Daseins, um so fester der Glaube an die prophetische Messiasverheißnng, um so heißer die Sehnsucht nach Zion und dem verlorenen Vaterland, um so drang- und gluthvoller der aus allen Gesängen ihrer Dichter wehende Schmerzenshauch. Zur Erklärung dieses Leidenszuges. der nenhebräischen Lyrik jener Zeiten hat Leopold Zunz in seiner Geschichte der synagogalen Poesie den historischen Hintergrund derselben geschildert und ein herzerschütterndes Schauergemülde entrollt, das Unbewanderte leicht für eine Ausgeburt romanhafter Phantasie halten könnten,, wenn der exakte Forscher nicht alle seine hundertfältigen Angaben als thatsächliche Geschehnisse erwiesen hätte. Leibhaftige Heimsuchungen also waren es, verhäugnißschwere Erlebnisse und Erfahrungen einer unerbittlich lieblosen Realität, die Jahrhunderte hindurch in den Weh-

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