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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1894-11-30 · Heft 48 (30.11.1894) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
58 (1894)
Issue
Heft 48 (30.11.1894)
Date
1894-11-30
Page
Seite 571 (sequence 7)
Language
German
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berühren, doch beachtenslverth und einflußreich sind, sowohl im guten als auch im schlechten Sinne. Nein, vernünftige und zweckmäßige Außrndinge in der Religion, die diese zur Veranschaulichung und Wirksamkeit bei den Angehörigen» und zum Verständniß und zur Anerkennung bei den Nichtangchörigen des Glaubens bringen sollen, sind gar nicht so nebensächlich und »nbeachtenswerth, »nd ebenso wenig sind es störende, abgeschmackte und extravagante Außmdinge. Leider — und das war Herrn Lehmanns und ist jedes rcflektirenden und wohlmeinenden, sachkeunenden Israeliten Gedanken uiid Klage — machte und macht die starre „Orthodoxie" auch die Anßendinge zum unantastbaren und unveränderlichen GrundwSsen, obgleich sie hinterher, nach Jahren oder Jahrzehnten, die früher heiß und bitter bekämpften Reformen doch stillschweigend oder mit feierlichem Gepränge adoptirt. Den Indifferenten freilich sind nicht allein die Außendinge, sondern ist auch das Grundwesen des Judenthums gleichgültig, — oft einseitig und materiell vielleicht nur daran denkend und darauf sehend, daß ihnen staatlich und gesellschaftlich Alles glatt und komfortable gehe. Wenn cs sich aber um Reformen >md Synoden handilt, so sind sie über „Außendiuge" vornehm und philosophisch erhaben — weil ihnen eben das Grnndwesen selbst gleichgiUtig ist. Was aber dazu berechtigt, Männern wie Philippson, Geiger, Löw, Joseph von Werthheimer, Lehmann, Lazarus und den vorher Erwähnten in religiöse» Dingen Liebäugeln mit der Staats- oder Zejtströmung, oder Beeinflussung durch diese direkt oder indirekt, anzuheste», kann ich nicht finden. Man sollte doch wissen, daß, wenn man — und auch Herr Lehmann — von zeitgemäßen religiösen Reformen und Lehrgegenstäuden spricht, man dabei keineswegs an die närrischen Launen und Schrullen oder gar Animositäten und Feindseligkeiten einer länger oder kürzer dauernden Zeitströmnng denkt. Auf den Gedankensprung, daß die Befürwortung nnd Einführnng von Reformen, Neigung nnd Vorbereitung znm Christenthum verrathe oder anbahne, brauche ich wohl nicht zu einzugeben. Ueber das Gesetz vom 3. Juli 1869, dessen Bcdeiltuug der der Synode gegcnübergcstcllt wird, hier zu sprechen, ist nicht meine Aufgabe. Doch kann ich nicht verschweigen, daß ich das Wort „die große Zeit fand . ein kleines Geschlecht" nicht recht begreife. Den» vieles Große, Schöne nnd Treffliche wurde seitdem geschaffen, emsig gefördert, oder ist im Werden nnd Entwickeln begriffe». Ich erinnere nur au die Gründung der Berliner Hochschule, den stärker werdenden und umfänglicher wirkenden Gemcindebund, die verbesserte Armenpflege neue Waisenhäuser, Religionsschulen, Lehrer- und Rabbinerverbände u. s. w. Auch wird kein nnparteiischer und eingeweihter Beobachter behaupten könnendaß es an energischen Schritten für die Gleichberechtigung des Judenthums gefehlt hat. Und die Juden habe» sich, wie auch nicht anders zu erwarten war, auf dem Schlachtsclde, wie in allen öffentlichen Aemtern bewährt und gezeigt, daß ihnen die Sicherheit, Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes ebenso nahe liegt und ebenso hochsteht, wie unseren christlichen Mitbürgern. Daß die Verhältnisse noch nicht vollkommen sind, daß es im Gegentheil noch viel zu erstreben und zu verbcffern giebt, daß alle unsere Wachsamkeit und Energie, Einsicht und Opferfreudigkeit noch von Nöthen sind, braucht nicht gesagt zu werden. Doch alles dieses beeinträchtigt nicht die Leistungen und Verdienste der früheren Synoden, noch spricht es für die Ueberflüssigkeit der Wiederaufnahme der Synodal-Versammlungen. Gerade it» Gegentheil. Leider wurde die volle Wirksamkeit der bisherigen Synodal- Arbeiten und Anregungen, sowie die ruhige segeusvolle Entwickelung der jüdischen Verhältniffe und Institutionen durch den leidigen Antisemitismus (man denke auch an die Sorgen und Vertvendungen für die armen, verfolgten russischen Glaubensbrüder l) vielfach gestört nnd gehemmt. Doch wer konnte diese „Schmach des Jahrhunderts" (hier nnd in Rußland) vorhersehen? Wer kau» sie in Wochen oder Monaten selbst siegreich bekämpfen und unschädlich machen? Sieht aber unsere Jugend nicht ein, daß wir, abgesehen von unserer eigenen, innere» religiösen Befriedigung und Wahrhaftigkeit, auch Nach Außen hin zur Bekämpfung des Vorurtheils und des Antisemitismus mächtig wirken würden, wenn auch der Theil unserer tveniger freien Glaubensgenossen inehr das „Ideale und Ethische" als das Zeremonielle im Judcnthum Pflegen und zum Ausdruck bringen, und auch auf „Außendinge" achtel» und diese bilden und veredelir würde? Ptt echten hebräischen Melodien. Randbemerkungen von Dr. Albert Fränkel in Leipzig. II. (^^^iemand hätte von de Lagarde verlangt, daß ihm die zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert hauptsächlich auf spanischandalusischem Boden in der Zeit der dortigen Araberherrschaft erwachsene neuhebräische Poesie gefallen soll. Nmnand würde ihm das Recht bestritten haben, seinem Mißfallen entschiedenen Ausdruck zu geben. Bei seiner mangelhaften Kenntniß aber wäre es besser für ihn gewesen, er hätte dies weniger zuversichtlich und ohne so starkes Hervorstrecken des antisemitischen Pferdefußes gethan, mit etwas mehr arischer Bescheidenheit, vor Allem mit einiger Rücksicht auf die Thatsache, daß er ja nicht der erste Besprecher des Gegenstandes, sondern dieser schon lange vor ihm von ernsthaften Gelehrten in einer beträchtlichen Anzahl wissenschaftlicher Darlegungen 'behandelt worden ist. Hatte doch ein Kenner wie Franz Delitzsch ‘ schon 1836 die Bahn dieser Studien mit seinem noch heute als vor- ' züglich anerkannteir Beitrag „Zur Geschichte der jüdischen Poesie" eröffnet. Es folgte sodann das Buch von M. Sachs „Die religiöse Poesie der Juden in Spanien", es folgten die kritisch-historischen Meisterwerke eines Znnz, sowie zahlreiche Monographien und Essays von Geiger, Graetz, Kayserling, Munck, Dukes. Nöldeke, Kaufmann, Hirschieid rc., wohin auch die bezüglichen Kapitel in Karpeles' mehr populär gehaltener „Geschichte der jüdischen Litteratur" zu rechnen sind. An Stoff zur Orientirinig war also längst kein Mangel, und nur in künstlerischer Hiusichbwar für einen vollen Einblick der Laien noch nicht alles Nothwendige geschehen. Zwar hatten die erwähnten Gelehrten einigen ihrer Werke auch Proben der Gedichte in möglichst wohllautenden, treu den Sinn wiedergebeuden deutschen Uebersetzungen reichlich eingefügt. Aber noch hatte keine wirklich berufene, selbstthätige, von Innen her gestaltende dichterische Reproduktionskraft sich dieser Texte angenommen, bis ihnen endlich auch eine solche in dem 1890 verstorbenen S. Heller erstand, aus dessen Nachlaß der oben mehrfach genannte Prof. David Kaufmann die uns vorliegende neueste Sammlung veröffentlicht hat. Hellers Name ist außerhalb seiner österreichischen Heimath wenig bekannt geworden. In Oesterreich aber und namentlich in den .Hauptstädten Wien und Prag kannten alle dem geistigen Leben nahestehenden Kreise die hohe dichterische und schriftstellerische Begabung, das tiefe und ausgebreitete, die Sprachen und Lttteraturen ».alter und neuerer Kulturvölker gründlich beherrschende Wissen des ebenso geistesscharfen als gemüthsrcichen, gern einsam nur seinen Studien lebenden, nach Ruhm und Ehren niemals begehrenden Mannes. Heller war Jude von Gebllrt, aber schon seit den Jahren feiner Reife über jede konfessionelle Einseitigkeit zu der Höhe

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