Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 58 (1894)
- Issue
- Heft 48 (30.11.1894)
- Date
- 1894-11-30
- Page
- Seite 570 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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. •' ' t -— 570 - stellte sie eine schwere und unlenkbare Masse dar, welche sich schon durch ihr eigenes Gewicht halten konnte und für jede mit büreaukratischen Mitteln kämpfende Regierung unangreifbar bleiben mußte. So konnte, um nur ein Beispiel anzuführen, der Versuch, den „Rayon" in einen längs der Grenze sich hinziehenden Gürtel von 50 Werst zu, schmälern, niemals ernstlich dnrchgeführt werden. Man hätte denn sich dazu entschließen wüsten, ganze Städte und Städtchen zu entvölkern; So lagen die Verhältnisse in Rußland in Bezug auf die Juden, und so liegen sie noch gegenwärtig. Allen Kämpfen und Quälereien setzten die Juden ihre große Intelligenz, ihre zähe Vitalität und ihre schweren geschlossenen Masten entgegen. Es war das der Kampf des Hammers gegen den Amboß. Wenn die Schläge hageldicht auf ihr Haupt niedersausten, da befolgten die Juden den Rath ihres großen Jesaias (Kap. 26, V. 20), duckten sich eine Weile, um, als der Arm des gewaltigen Schlägers müde ward, ihr Haupt emporzuheben, als wenn nichts vorgefallen wäre. Die von lins in einer Schrift über die Jlidenverfolgung in Rußlands vor nunmehr vier Jahren den russischen Juden gestellte Prognose ist buchstäblich eingetroffen. Wir sagten voraus^), „daß die russischen Juden im Kampf gegen das Kosakenthum als Sieger hervorgehen werden. Die zähe Lebenskraft der von ihm so seit zehn Jahrerk mißhandelten Juden wird alle Stürme überdauern. Der passive Widerstand eines lebensfähigen Volkes hat noch jedesmal über die aktive Gewalt einer despotischen Regierung den Sieg davongetragen." Nur den Rath, den wir damals den Juden ertheilen zu müsien glaubten, nehmen wir zurück. Wir rathen ihnen nunmehr dringend, nicht mehr auszuwandern. Die öffentliche Meinung in Rußland, des langen Haders müde, neigt sich schon merklich auf Seiten der Juden. Der resignirte Ausspruch, den Alexander HI. nicht lange vor seinem Hinscheiden gethan haben soll, daß nämlich die Juden für Rußland ein schweres Kreuz seien, welches zu trogen dieses für immer verurtheilt sei, beweist, daß auch er sich endlich von der gänzlichen Zwecklosigkeit einer Judenverfolgung in Rußland überzeugt hatte. Wir , glauben sogar, daß er die Konsequenzen dieser Ueberzeugung gezogen und der Stimme der zu Gunsten der Juden sich regenden öffentlichen Meinung nachgebend, seinen Kampf gegen die Juden aufgegeben hätte. Es war ihm aber nicht mehr vergönnt gewesen. Sein Sohn und Nachfolger wird es sicherlich thün. Die Regierung Nikolaus' II. Alexandrowitsch wird für die Juden Rußlands eine Ruhepause darstellen, wenn auch der neue Herr aus Pietät gegen seinen großen Vater diese Pause vielleicht erst nach zwei bis drei Jahren wird eintreten lassen. Möge Zar Nikolaus lange leben. Möge die von der Vorsehung den Juden zugemestene Ruhezeit lange währen und mögen diese die ihnen gewährte Frist nicht unbenutzt verstreichen lasten! Zur Würdigung der Synode. Von Rabbiner Dr. Wiener in Oppeln. (Schluß.) er Verfaffer jenes Angriffs auf die Synode scheint weiter der Meinung zu sein, daß es keiner Synode bedürfe, um das Ueberflüssige, Mißverstandene, Verkehrte und Schädliche in der religiös-ceremoniellen Praxis zu beseitigen; die Zeit beseitige es. Doch beruht eine solche Meinung auf Einsicht und Erfahrung? 0 Juden-Elend im Lande der Romanows. Geschildert von Paul Dimidow. Berlm. Friedrichs & Co. 2) ibid. Seite 86. Gäbe es auf irgend einem Gebiet Fortschritt, reifen Raum, Ordnung, Sonnenlicht, Freude des Daseins und gesegneten Schaffens, wenn man überall das Morsche und Hinfällige, den Jrrthum und das Abgeschmackte liegen und bestehen ließe und der Zeit und dein Zufall die Beseitigung anvertraute.? Nein, nein! Es war das Recht und die Pflicht der Synode, Fragen und Anträge entgegenzunehmen, zu besprechen und zu lösen; mit Sachkenntniß und ohne Menschenfurcht auf Schäden hinzuweiscn, für dieselben Remedur zu schaffen, und, wo es geboten und thunlich war, neue Schöpfungen ins Leben zu rufen, damit das Judenthum weitmöglichst verstanden und erkannt werde, fortbestehe und sich wirksam erweise auch inmitten und trotz aller Strömungen und Störungen der Zeit. Herr Dr. C. fragt: „Aber wer ist gehindert, das bei seinen Kindern zu thun?" (d. h. in diesen das Ideale und Ethische im Judenthum zu pflegen, auszubilden u. s. w.) Sicherlich Niemand, durch nichts und durch Niemanden! Liegt aber nicht das Heil in der Gesammtheit oder jedenfalls in der Vereinigung Vieler auf gleichem Boden und für gleiche Zwecke? Wo und wann nur das einzelne Kind oder einzelne Kinder vorzugsweise mit dem Idealen und Ethischen im Judenthumbekanntgemacht und erfüllt werden, so bleiben sie doch nur, wenn erwachsen, vereinzelte und vereinsamte Erscheinungen, wie Bäume oder Prediger in der Wüste, ohne durch Anschluß an Andere selbst Genüge zu finden, noch den idealen und ethischen Charakter des Judenthums in den Augen einer prüfenden und verkennenden Außenwelt autoritativ zur Anschauung und Anerkennung zu bringen. „O, es sind Ausnahmen — sagt man und wird man in nichtjüdischen Kreisen sagen — und Ausnahmen beweisen nichts, oder beweisen vielmehr die Regel." Ich meine natürlich nicht, noch kann irgend ein vernünftiger, sittlich-religiöser Mann meine», daß wir uns in Glaubensartikeln und religiösen Hebungen einzig und allein oder auch nur hauptsächlich von dem Verstand oder Unverstand einer auf einem airderen oder auf gar keinem religiösen Boden stehenden Außenwelt beeinfluffen lasten sollen. Doch ist es unsere Pflicht, neben unserer Selbstheiligung und Selbstbefriedigung auch den gewichtigen Punkt im Auge zu haben, den unser großer pentateuchischer Gesetzgeber bereits so treffend angiebt (5. M. 4, 6): Die Völker sollen sagen: „Wohl ein weises und vernünftiges Volk ist diese große Gemeinschaft!" d. h. also, daß unser religiöses Lehreir und Leben auch unserer nichljüdischen Umgebung ein klares und achtunggebietendes Bild darbieten sollen. Nun, auch vor der und ohne die Synode wurde» ja viele Verbesserungen in Synagoge, Schule und Haus von klardenkenden, wcitsehenden und energischen Theologen und Laien angestrebt und durchgeführt. Wie ganz anders aber sprach und schuf die Synode, als Sammelpunkt und Vertretung vieler Kreise und Gemeinden! Und darin liegt eben der Vorzug der Synodal-Besprechnngen, Beschlüsse und Anregungen vor denen einzelner Männer und Gemeinden, ganz abgesehen davon, daß, wo Viele zusammentreten, berathen, erörtern, das Wahre und Rechte mehr zu Tage gefördert wird, und Gegensätze leichter auszugleichen und zu versöhnen sind. Den Sinn der Lehmannschen Worte offenbar mißverstehend heißt es in dem Artikel weiter, daß es sich ja nur um Außendi n g e handle. Was Herr Lehmann meinte, war, daß die von der Synode durchgeführten und noch durchzuführenden Reformen und Neugestaltungen doch eigentlich nur das Gerüst und die Zweige, die Hülle, Hülse und Formen, nicht aber das Wesen und den Kern, die Grundlehre und Grundpflichten des Judenthums betreffen, und daher von keinem denkenden, geistdurchdrungenen Juden beanstandet zu werden brauchen. Nun giebt es aber Außendinge, die, wenn sie auch nicht gerade das Wesen